Geschichten von früher in Videoclips verpackt

KANTI MUSEGG ⋅ Mit den Werkzeugen von Zeitmaschine.tv haben zwei Schulklassen per Video Zeitzeugen zu historischen Themen befragt und die Clips online gestellt. Dabei erlebten sie einige Überraschungen.
25. Januar 2018, 07:13

«Das Schulprojekt ‹Zeitmaschine bauen!› will die Generationen auf frische Art vernetzen und ein modernes Werkzeug der kollektiven Erinnerungskultur bieten», erklärt Christian Lüthi, Initiant des gleichnamigen Vereins. Schülerinnen und Schüler realisieren hierfür im Unterricht Videoclips, in denen sie Zeitzeugen zu historischen Themen befragen. So geschehen kürzlich an der Kantonsschule Musegg, wo zwei Klassen zusammen ein Zeitmaschine.tv-Projekt realisiert haben.

«Wir mussten uns zu Beginn entscheiden, ob wir Redaktor oder Techniker sein wollten. Dann wurden Zweiergruppen gebildet», sagt Björn Bucher (15). Diese Gruppen suchten danach jeweils einen Zeitzeugen. «Das war schwieriger als gedacht, weil viele Angefragte nicht wollten, dass ihre Geschichte ins Internet gestellt wird», sagt Silas Schmuck­li (15). Silas und Björn haben Björns Grossmutter interviewt, die von ihrer Jugend nach dem 2. Weltkrieg in Jugoslawien erzählt. Florence Felix und Chiara Jäger (beide 14) haben Chiaras Grossvater interviewt, der über seine Schulzeit und die damaligen Strafen erzählt. «Wir wussten, dass wir ihn zu den Strafen befragen wollten», so Florence Felix. «Vor dem Treffen haben wir uns informiert – der Grossvater hatte uns eine Kiste mit Fotos zur Verfügung gestellt.»

Eine befragte Frau war in der Hitlerjugend

Olivia Duss (16) und Anina Müller (16) haben eine gute Freundin der Familie Duss befragt. «Sie hatte ein spannendes Leben und erzählt von ihrer Zeit in der Klosterschule während des Krieges», sagt Olivia Duss. Der 2. Weltkrieg spielt auch im Clip von Lara Odermatt (15) und Corinne Breschan (15) eine wichtige Rolle. «Die befragte Frau ist eine Bekannte meiner Eltern. Sie ist einen speziellen Lebensweg gegangen und war in ihrer Kindheit in der Hitlerjugend», sagt Lara Odermatt. Beide Gruppen waren überrascht, wie sehr die Kriegszeit ihre Zeitzeugen noch heute beeinflusst. So erzählen die Frauen etwa, dass sie ihre Kleider abends nicht einfach nur aus­ziehen, sondern griffbereit legen, falls man sofort fliehen müsste.

«Mir gefällt an Zeitmaschine.tv, dass die Schüler begleitet ein Produkt herstellen, das auf einer Begegnung beruht», sagt Marianne Mösch, Geschichtslehrerin von einer der beiden Klassen. Im Zentrum stehe das Gespräch mit dem Zeitzeugen: «Mit welchen Fragen regen wir zum Erzählen an?» Neben den Vorbereitungen auf das Interview werde zum Beispiel auch thematisiert, wie man mit Quellen umgehe. Ausserdem diene das Projekt dem Aufbau solcher Fähigkeiten für die zukünftige Maturaarbeit.

Clips regen Schüler zum Nachdenken an

Nachdem alle Videos online gestellt worden waren, haben die Schülerinnen und Schüler diese gegenseitig bewertet und be­sprochen. Schülerin Corinne Breschan sagt: «Ich kann jetzt besser verstehen, was damals passiert ist, weil die Zeitzeugin durch die Art des Erzählens unser Interesse geweckt und uns zum Nachdenken angeregt hat.»

Nathalie Ehrenzweig

stadt@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Infos und Videos auf www.zeitmaschine.tv/kanti-musegg.


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