Hammer macht Nägel mit Köpfen

EIGENTHAL ⋅ Seit zehn Jahren leitet Juliana Hammer (65) das gleichnamige Hotel im Eigenthal. Dass sie dereinst wieder an ihrer Geburtsstätte wirken würde – damit hatte sie schon nicht mehr gerechnet.
08. Oktober 2017, 07:43

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Das Eigenthal zeigt sich an diesem Freitagmittag von seiner besten Seite. Die Sonne scheint, am stahlblauen Himmel treiben nur vereinzelte Wattebäusche. Entlang des Talbodens erstrecken sich saftig grüne Alpwiesen bis fast an die mächtigen und schroffen Felsbänder des Pilatus. Wespen und Gesprächsfetzen anderer Gäste schwirren durch die Luft. Einzig das Militär zerschiesst die Idylle von Zeit zu Zeit mit kurzen Gewehrsalven.

Das Eigenthal und vor allem das Hotel Hammer, das sind für Juliana Hammer ganz spezielle Orte. Hier hat sie ihre Kindheit und einen Grossteil ihrer Jugend verbracht. Aufgewachsen ist sie in ebenjenem Hotel, das sie nun seit zehn Jahren leitet. Und diesen stattlichen Holzbau wiederum erbaute 1903 niemand anderes als ihr Grossvater Anton ­Hammer. Ein Visionär sei er gewesen – und ein Hotelier mit Leib und Seele. Jemand, der sich seinen Gästen verschrieben habe. «Ferientage? So was kannte er nicht», sagt Hammer. Die Geschichte «ihres Hammer» fasziniert sie. Wie der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Anton Hammer aber ein solches Hotel bauen konnte, darauf hat auch die Enkeltochter keine Antwort gefunden (siehe Kasten).

«Kaum konnten wir gehen, waren wir am Servieren»

Aus demselben Holz wie ihr Grossvater sei auch ihr Vater geschnitzt gewesen. Auch er war ein leidenschaftlicher Hotelbetreiber. Als Erstgeborener übernahm er den Betrieb in den 50er-Jahren. Hier setzt auch gleich die Geschichte Juliana Hammers ein. Sie wurde 1952 als zweitältestes von vier Kindern geboren. Mitanzupacken lernte sie schon früh. «Kaum konnten wir gehen, waren wir auch schon am Servieren», erinnert sie sich. Auch Betten machen oder Kartoffeln rüsten gehörte bald zu ihrem Alltag.

Oft habe ihr Vater gescherzt: «Mehr Kinder heisst mehr Personal.» Dabei habe sie zu ihren Eltern immer eine enge Beziehung gehabt, betont Juliana Hammer, besonders zu ihrem Vater. Grosszügigkeit, Toleranz, Offenheit: Das waren für ihre Eltern nicht nur leere Worte, sondern gelebte Werte.

Dass Juliana Hammer dereinst in der Hotellerie arbeiten sollte, das stand für sie wie auch ihre Eltern ausser Zweifel. Nicht beschieden war ihr aber, Köchin zu werden. Diese Lehre brach sie nach nur einem Monat ab. «Das war reiner Zeitverlust. Beim Salatrüsten im Keller fehlte mir der Austausch mit den Gästen», sagt Hammer. Es folgte ein Zwischenjahr als Hilfsgouvernante in einem Luzerner Hotel, bevor sie mit der Hotelfachschule «das genau Richtige» begann, wie sie sagt. So innig die Beziehung auch war, ihre Eltern konnten nicht alle Entscheidungen ihrer Tochter nachvollziehen. Warum sie überhaupt eine solche Ausbildung benötige? Warum sie nicht einfach einen Hotelier heirate? So kam es, dass Juliana Hammer sich die Ausbildung selber finanzierte. Bereut hat sie dies nie. Im Gegenteil: «Ich habe mir immer alles selber erarbeitet. Das ist eine kostbare Freiheit.»

Derzeit lernt sie Chinesisch

Sich einfach fügen, das war für die Kämpferin Hammer nie eine Option. «Ich war immer schon rebellisch.» In der Berufsausbildung habe man ihr weismachen wollen, dass es für eine Frau wie sie keinen Sinn mache, Sprachen zu lernen. Ihren Kritikern das Gegenteil zu beweisen, hat sie erst recht angespornt. Schon früh nahm sie deshalb Privatunterricht in Französisch, bezahlte ihren Lehrer teils mit Eiern vom elterlichen Hof, den sie parallel zum Hotel noch führten – «ich hatte ja kaum Geld». Ihre Hartnäckigkeit hat sich ausbezahlt. Heute spricht Hammer etliche Sprachen: nebst Französisch auch Englisch, Spanisch, Italienisch und Portugiesisch. Derzeit büffelt Hammer jeden Montagmorgen Chinesisch. Sie sei kein Sprachtalent, lediglich «sprachgewandt», untertreibt Hammer. Ihre Freude an Fremdsprachen war mitunter ein Grund, warum es sie schon während und vor allem nach ihrer Ausbildung immer wieder in die Ferne zog. Schon bald war sie deshalb als «die Hammer, die immer weg ist» bekannt.

Sie hat in Genf und Lausanne gearbeitet und in den Weltstädten London und Paris. Dann folgten zwei Jahrzehnte in Barcelona. Dort führte sie mit ihrem Mann, «einem bescheidenen, stilvollen Gentleman», ein kleines aber feines Hotel mit Restaurant, wie sie sagt. Kennen gelernt hatten sie sich bei der Arbeit. Sie wollten gemeinsam etwas auf die Beine stellen. «Er kam aus Galicien, ich aus der Schweiz, wir einigten uns in einem gut schweizerischen Kompromiss auf den Hauptort Kataloniens.» Spanien wurde zu ihrer neuen Heimat, hier kamen ihre beiden Töchter zur Welt. Nach zwanzig Jahren aber ging die Ehe in die Brüche.

«Wer stillsteht, hat schon verloren»

Hammer verliess noch vor dem neuen Jahrtausend Barcelona, zog zurück in die Schweiz – und landete über Umwegen 2007 wieder im beschaulichen Eigenthal, in ihrem Elternhaus, dem Hotel Hammer. An dieser schicksalshaften Wendung hatte der Zürcher Rechtsanwalt Konrad Fischer massgeblich Anteil. «Herr Doktor Fischer», wie Juliana Hammer ihn respektvoll nennt, habe ihr ein Angebot unterbreitet, das sie nicht habe ablehnen können. Man prophezeite ihr nur ein kurzes Intermezzo im «Hammer», sie bewies aber langen Atem – und führt das Hotel seit nunmehr zehn Jahren. 65 Jahre alt ist Juliana Hammer, die heute in Meggen lebt. Und es ist lang noch nicht Schluss. «Mein Motor läuft noch rund.» Damit dies künftig so bleibt, tut sie einiges. Neben Chinesisch-Unterricht nimmt sie auch Ballettstunden. Seit neustem versucht sie sich zudem im Golf. Denn Juliana Hammer weiss: «Wer stillsteht, hat schon verloren.» Halbe Sachen sind Hammers Sache nicht.

Hinweis

Weitere Informationen, etwa zum aktuellen Veranstaltungskalender, finden Sie im Internet unter: www.hotel-hammer.ch


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