Handy im Gebärsaal: Hebammen sorgen sich um die Gesundheit der Babys

TECHNOLOGIE ⋅ Das Handy ist unser ständiger Begleiter; auch in der Geburtsabteilung wird es intensiv genutzt. Hebammen machen sich darum zunehmend Sorgen um die Gesundheit der Babys und um deren Entwicklung.
18. Juli 2017, 19:10

Martina Odermatt

martina.odermatt@luzernerzeitung.ch

Vor wenigen Stunden erst hat die Frau ihr Kind zur Welt gebracht. Auf dem Handy schaut sie sich die Fotos an, die ihr Mann während der Geburt gemacht hat. Ihr Baby liegt im Bettchen daneben. Die Anzahl der Bilder lässt darauf schliessen, dass der werdende Vater im Gebärsaal vor allem mit Fotografieren beschäftigt war. Dieses fiktive, aber realistische Szenario illustriert, wie präsent Mobiltelefone auch bei der Geburt und im Wochenbett geworden sind.

Mütter checken beispielsweise beim Stillen ihre Mails oder deponieren gar das Handy neben dem Baby im Bett. Dies sorgt bei manchen Hebammen und Geburtshelfern für Unmut. Die Handynutzung im Gebärsaal hat laut Karien Näpflin, Co-Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes Sektion Zentralschweiz, in den letzten Jahren stark zugenommen. «Ein Foto zum Andenken ist sicher kein Problem. Wir sind aber der Meinung, dass das Handy im Gebärsaal nicht benutzt werden sollte», sagt sie im Namen des Vorstandes.

Auch in der ersten Zeit nach der Geburt raten die Hebammen, das Handy nur beschränkt zu nutzen. «Wir sind überzeugt, dass es viel wichtiger ist, sich mit dem Baby auseinanderzusetzen und es kennen zu lernen, als immer mit dem Handy beschäftigt zu sein.» Nur so könnten die Eltern die Signale des Kindes besser kennen lernen und begreifen und die Mutter-Kind-Beziehung gefördert werden.

Flyer sollen auf Problematik aufmerksam machen

Renate Ruckstuhl-Meier ist Co-Geschäftsleiterin des Geburtshauses Terra Alta in Oberkirch. Für sie ist die Diskussion um den Gebrauch von Handys im Gebärsaal sowie im Wochenbett heikel. «Wir wollen nicht belehrend sein, die Leute aber trotzdem aufklären», sagt sie. Deshalb liegen im Wochenbettzimmer Flyer auf, die auf die Problematik hinweisen sollen. «Wir empfehlen, beim Handygebrauch zurückhaltend zu sein.» Dies hat verschiedene Gründe. Einerseits könne das Versenden der Nachricht, dass das Baby nun da ist, dazu führen, dass die «heilige Ruhe» für die Eltern in der ersten Zeit nach der Geburt gestört werde. Andererseits sei gerade die Anfangszeit extrem wichtig für das Kleinkind. «Es ist entscheidend für das Baby, die Stimmen seiner Eltern zu hören und vor allem auch mit der Mutter eine Beziehung aufzubauen.» Das funktioniere nur durch die Präsenz der Eltern. Wenn diese sich nebenbei mit Handy oder Laptop beschäftigten, könne dies den Prozess erschweren. Auch Besuchern steht Terra Alta in dieser Anfangszeit kritisch gegenüber.

Ein weiterer Aspekt ist die Gesundheit des Babys. «Wir stellen uns schon auch die Frage, inwieweit sich beispielsweise die Strahlung des Handys auf die Neugeborenen auswirkt.» Auch für Hebamme Näpflin ein wichtiger Punkt: «Die Auswirkung der Strahlung auf Babys wurde noch nicht genau erforscht.» Näpflin sieht noch einen weiteren gesundheitlichen Aspekt: «Durch übermässigen Gebrauch von Handys findet die gegenseitige verbale und non-verbale Interaktion zwischen Eltern und Kind nicht mehr statt.» Trotzdem: Das Geburtshaus Terra Alta setzt auf den«gesunden Menschenverstand» und auf die Wirkung der Infobroschüren. Auf ein Handyverbot verzichtet das Geburtshaus.

Partielles Handyverbot in Luzerner Spitäler

Ein solches findet man aber beispielsweise am Eingang zur Gebärabteilung des Luzerner Kantonsspitals (Luks), obwohl im Gebärsaal selbst kein striktes Verbot herrscht, wie Simon Gasser, Abteilungsleiterin Geburtshilfe beim Luks, sagt. «Eltern sind wohl auch wegen des Verbotsschildes zurückhaltender mit der Handynutzung», sagt Gasser. Natürlich seien Handys auch im Gebärsaal anzutreffen. Bislang habe man noch keine Regeln aufstellen müssen, so Gasser weiter. Doch das Thema ist präsent: Auf der Mutter-Kind-Abteilung ist der Handykonsum laut der Teamleiterin recht hoch. Die Frauen werden darauf aufmerksam gemacht, beim Stillen das Handy beiseite und nicht neben das Neugeborene zu legen.

Die Klinik St. Anna sieht den Umgang mit den Handys eher unproblematisch. Laut Sprecher Patric Bürge ist der Smartphone-Gebrauch für die Klinik kein grosses Thema. «Unsere Klienten haben ein gesundes Mass, was die Handynutzung angeht», erklärt er. Ansonsten versuche man, die Eltern im Gespräch zu sensibilisieren. Problematisch werde es dann, wenn durch die Handynutzung etwa die Mitarbeitenden vom Patienten abgelenkt und in der Erfüllung der Aufgaben behindert werden.


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