Heute kommt der Samichlaus

6. DEZEMBER ⋅ Autoritätsperson, Erziehungshilfe, Geschenkelieferant – der alte, weise Mann mit Bart hat ganz unterschiedliche Aufgaben. Entsprechend unterschiedlich wird er wahrgenommen. Vier Erfahrungsberichte.
06. Dezember 2017, 07:42

Das Kind: Diesmal singe ich

Ich will dem Samichlaus dieses Jahr ein Lied vorsingen. Letztes Jahr habe ich mich noch nicht getraut, doch diesmal mache ich es. Ich habe schon ganz viel geübt und freue mich fest auf seinen Besuch. Und ich habe dann noch etwas Spezielles vor: Ich werde dem Samichlaus meine Schoppen abgeben. Die Nuggi-Fee hat schliesslich schon meine Nuggi bekommen, da ist es richtig, dass der Chlaus auch etwas von mir kriegt.

Dafür werde ich auch etwas von ihm bekommen, und zwar das riesige Schoggi-Kinderüberraschungsei, das ich mir schon so lange wünsche. Ich habe es zusammen mit meinem Mami schon bei der Migros in unserem Quartier gekauft. Jetzt ist es irgendwo versteckt in der Wohnung. Wo, weiss ich nicht.

Mami gibt es dann dem Samichlaus, damit er es mir geben kann. Er lebt ja so weit weg im Wald, da wäre es schwierig für ihn, in die Migros zu gehen, das können auch wir für ihn erledigen.

Anika Dähler (4), aufgezeichnet von Papi Stefan Dähler


Der Samichlaus: Shopping-Konkurrenz

«Gäll, Samichlaus, ech könne dech!» Selbstverständlich kennt mich das Mädchen. Schliesslich komme ich ja jedes Jahr auf Besuch. Und ich weiss auch, mit Blick ins dicke rote Buch mit dem goldenen Kreuz drauf, was die Kleine und alle anderen Knirpse so getrieben haben das ganze Jahr hindurch. Entsprechend routiniert habe ich bei meiner jüngsten Besuchstour in diesen Tagen in einem Stadtluzerner Quartier die Frage gekontert. «Selbstverständlich kennen wir uns, ich kenne doch alle Kinder!»

Doch die Vierjährige liess sich damit nicht einfach abspeisen. Hartnäckig bohrte sie weiter. «Ich kenne dich vom Umzug! Weisst du noch?» – «Soso, ich bin natürlich überall, du hast schon recht.» – «Warst du heute im Pilatusmarkt?» Ui! Der erste Reflex kommt jeweils blitzschnell: Himmel hilf! Ist etwa mein Bart verrutscht? Kann das Kind mein «natürliches» Ich sehen? Und vor allem: Ich war an jenem Tag tatsächlich im Krienser Einkaufscenter – in Zivil. Am Rolltreppenaufgang sass in der Tat ein Bartträger-Konkurrent mit Gefolge und einem etwas billig wirkenden Plastikesel.

Eine schwierige Situation also, die Frage nach meiner Präsenz im Shoppingcenter. Es ist die kindliche Fangfrage, die Falle, die Provokation für jeden Samichlaus. Und das Forschen nach der Wahrheit kann unsereins noch stärker zum Schwitzen bringen, als dies das festliche Bischofsgewand in den warmen Stuben eh schon tut. Aber es gibt zum Glück eine Hintertür, die eigentlich immer funktioniert: «Im Pilatusmarkt hast du mich gesehen? Du scheinst ja genau Bescheid zu wissen. Aber weisst du was? Ich werde dir nicht verraten, wann und wo ich überall zu Besuch bin. Denn das ist das grosse Samichlaus-Geheimnis!»

So geht das. Damit lassen sich auch sämtliche Fragen nach dem genauen Wohnort («Im Bireggwald?»), der Beschäftigung im Sommer («In der Badehose am Strand?»), dem Beziehungsstatus («Hast du eine Ehefrau?») oder nach der Ähnlichkeit mit real lebenden Personen («Warum gleichst du derart dem Chefredaktor dieser Zeitung?») elegant abwimmeln.
Eine Art Konter-Samichlaus-Geheimnis sind übrigens gewisse Versli. Denn was die Kinder manchmal scheu und leise in ihren nicht vorhandenen Bart murmeln, das bleibt deren Geheimnis.

Samichlaus


Der Vater: «Ade, Herr Marti»

Meine achtjährige Tochter hat entschieden, dass sie heuer ein letztes Mal den Besuch des Samichlaus wünscht. Sie grübelt seit einigen Wochen, wer der Samichlaus eigentlich genau ist. Der wunderbare Disney-Film «Polarexpress» sorgte schon für Verwirrung, denn ich musste ihr erklären, dass bei uns der Samichlaus nicht etwa dem Weihnachtsmann gleichzustellen ist, sondern dass bei uns das Christkindli die Weihnachtsgeschenke unter den Baum legt. Oder? Jetzt bin ich mir selber nicht mehr ganz sicher.

Das Töchterchen wundert sich auch, wieso ihr einige ältere Kolleginnen im Schulhaus erzählt haben, sie seien dieses Jahr Wichtel und kämen dann in Begleitung des Samichlaus zu ihr nach Hause. Die Konfusion ist nun komplett, seit ich letztens mit der Tochter im Coop einkaufen ging und sie plötzlich rief: «Papa, schau mal, der Coop hat dieselben Säckli mit den Nüssen und dem Lebkuchen, die der Samichlaus mir jeweils bringt.» «Unser» Samichlaus kann sich also auf ein ganz hartnäckiges Verhör gefasst machen: «Samichlaus, du liebe Maa, leg dech besser ganz warm aa ...»

Amüsant war es schon damals mit der älteren Tochter. Sie hatte auf dem Esstisch das Formular für die Samichlaus-Bestellung mit dessen Adresse entdeckt. Am Abend des Samichlaus-Besuches liess
sie seelenruhig den Samichlaus aus seinem dicken Buch vorlesen. Als der Mann mit dem weissen Bart und dem roten Mantel seinen Wälzer zuschlug und sich mit tiefer Stimme und salbungsvollen Worten verabschiedete, sagte meine Tochter trocken: «Ade, Herr Marti.»

Fehlt nur noch, altershalber in der Mitte, mein Sohn. Auch er weiss inzwischen Bescheid. Und möchte dem Samichlaus trotzdem diesen Witz erzählen: «Der Samichlaus, ein ehrlicher Politiker und ein Radprofi, der nie gedopt hat, sehen auf der Strasse einen 100-Euro-Schein liegen. Wer hebt das Geld heimlich auf? Der Samichlaus natürlich – weil es die anderen beiden in Wirklichkeit gar nicht gibt.»

Turi Bucher


Der Traumatisierte: Der Tag des Sackmessers

Samichlaus-Tag. Das bedeutet Mandarindli, herzige Gedichte, ehrfürchtige Kinderaugen, selig lächelnde Eltern. Kurz: garantiert schöne Erinnerungen – zumindest für die Erwachsenen. Für Klein Kilian bedeutete der Tag jedoch nur eines: Stress. Dazu muss man wissen, dass ich keine Geschwister habe, dafür einen älteren Cousin. Unsere Familien feierten den Anlass jeweils gemeinsam. Das ging so lange gut, bis mein Cousin selber im Samichlaus-Alter war.

Danach lief die Sache aus dem Ruder. Weil nämlich mein Cousin und mein Götti begannen, mir – dem Fünfjährigen mit den roten Wangen und den glänzenden Augen – die schlimmen Märchen vom Samichlaus und von seinem Schmutzli zu erzählen: «Wenn du das Jahr über nicht brav gewesen bist, nimmt dich der Chlaus in seinem Sack mit in den Wald.» Stellen Sie sich vor, was das in einem Kindergärtler auslöst. Ich hatte panische Angst, wollte ums Verrecken nicht in diesen Sack und fragte mich, ob ich brav genug gewesen war – ohne jemals ganz sicher zu sein.

Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Und so wurde der 6. Dezember zum Tag des Sackmessers: Aus der Küchenschublade stibitzte ich den kleinen roten Retter. Fest entschlossen, mich damit aus dem Sack zu schneiden, sollte es hart auf hart kommen. Kilian Rambo, Bear Grylls junior.

Gott sei Dank haben weder Eltern noch Samichlaus je etwas davon mitbekommen. Denn wer als Fünfjähriger trotz Verbot ein Taschenmesser mit sich herumträgt, hat den Sack verdient – herzige Gedichte hin, glänzende Kinderaugen her.

Kilian Küttel

  • Der Samichlaus mit seinem Gefolge vor der Hofkirche. (© Roger Grütter (LZ))
  • Der Samichlaus präsentiert sich zusammen mit seinen Helfern. (© Roger Grütter (LZ))
  • Die Zwergli ziehen mit dem Samichlaus mit. (© Roger Grütter (LZ))

Am Sonntag ist in Luzern der Samichlaus mit seinen Helfern von der Hofkirche aus durch die Stadt gezogen.


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