Hier wird zwischen Suppe und Süssem philosophiert

LUZERN ⋅ Das Format «Erzähl Mahl» verspricht kulinarische Köstlichkeiten und tiefgründige Begegnungen. Ein Besuch zeigt: Ganz ohne Small Talk gehts nicht – und fünf Minuten können einem schon mal wie eine Ewigkeit vorkommen.
17. April 2018, 12:09

Mein Herz pocht, als ich die Tür der Stadtluzerner «Kostgeberei» öffne. Was mich wohl in diesem Gastrolokal erwarten wird? Auch die anderen Teilnehmer wirken angespannt. Nicht ohne Grund: In weniger als einer Stunde werden wir einander hier unsere Sehnsüchte, Ängste und Träume anvertrauen. Zu meiner Überraschung sind die meisten der Anwesenden Frauen. Kein verstecktes Speed Dating also. Irgendwann bricht jemand das Eis. Man schüttelt sich die Hände und prostet einander zu.

Es ist Donnerstagabend. Bei einer orientalischen Mezze-Platte erklärt Organisatorin Susan Metzger den Ablauf der nächsten dreieinhalb Stunden. Der Gesprächspartner wechselt nach jedem Gang, genauso wie die Frage. Bei Kerzenschein und einem Vier-Gang-Menü tauscht man sich über intimste Gedanken aus. Gewissermassen ein Kontrastprogramm zur heutigen Alltagskommunikation, die wenig Raum für Tiefgründigkeit lässt.

Von Deutschland nach Luzern «importiert»

«Erzähl Mahl» – bis Februar gab es dieses Format nur in Deutschland. Dass es nun auch in Luzern durchgeführt wird, ist Susan Metzger, Focusing Therapeutin und integrativer Coach, zu verdanken. Die positiven Rückmeldungen hätten sie motiviert, das «Erzähl Mahl» regelmässig durchzuführen, sagt die Organisatorin. Zudem sei bereits eine Expansion nach Bern und Basel geplant. Gespannt lausche ich ihren Ausführungen. Gleichzeitig steigt meine Spannung ins Unermessliche: Ich kann das erste Tête-à-Tête kaum mehr erwarten.

Dann, endlich: Es geht los. Mit Martina starte ich in den Abend. Bevor Gemüsesuppe gelöffelt werden darf, widmen wir uns der ersten Frage («Welcher Teil von dir wartet darauf, erblühen zu können? Von was hättest du gerne mehr im Leben?»). Eine Minute haben wir Zeit, uns Gedanken über diese doch sehr blumige Frage zu machen. Ein wenig überfordert suche ich den Blick meiner Tischpartnerin, doch diese hat ihre Augen geschlossen.

Der Gong ertönt. Die Zeit ist abgelaufen – nun darf erzählt werden. Aber nicht gemeinsam: Es sei wichtig, dass nur jemand das Wort habe, so Susan Metzger. Dem Erzähler wird die ganze Aufmerksamkeit geschenkt. Eine völlig neue Situation für mich: Selten haben sich fünf Minuten so lange angefühlt. Beim Hauptgang bin ich schon mehr in Redelaune. Und auch mit Andrea verstehe ich mich auf Anhieb. Gemeinsam philosophieren wir über die kleinen Dinge des Alltags und kommen zu überraschenden Einsichten.

Mit vollem Bauch wird abgeschweift

Vor dem süssen Finale erfolgt ein letzter Wechsel. Mein tägliches Kommunikationsbedürfnis ist mehr als gesättigt, auch mein Bauch fühlt sich ziemlich voll an. Meinem neuen Vis-à-vis Selina scheint es genauso zu gehen. Das Mutigste oder Verrückteste was sie je getan habe? Das sei eine schwierige Frage, meint Selina. Bald schweifen wir ab und landen bei unverfänglicheren Themen.

Kurz vor 22 Uhr kommt die Runde noch einmal zusammen. Die Stimmung ist gelöst, die Gesichter strahlen Zufriedenheit aus. Ich bin ein wenig beflügelt von der neuen Erfahrung. Und inspiriert: Auf Small Talk darf getrost verzichtet werden, versperrt er doch nur den Blick auf die wirklich relevanten Themen. Doch ihn ganz wegzulassen, das schaffe ich dann doch nicht – sogar an einem «Erzähl Mahl».

Ines Häfliger

stadt@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Die nächsten Termine von «Erzähl Mahl» finden sich unter www.erzaehl-mahl.ch.


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