Lionel Wyser: «Ich hätte den Rollstuhl akzeptiert»

NEUENKIRCH ⋅ Lionel Wyser war Tetraplegiker, nun hat er sich erholt und vor kurzem sogar eine Berufslehre abgeschlossen. Das brachte dem 22-jährigen Rothenburger rührende Post.
17. September 2017, 07:52

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

Sie sind die Hauptprotagonisten einer Tragödie mit Happy End: Lionel Wyser, Karl Emmenegger und Oliver Meier. Begonnen hat sie im Sommer 2012, als der damals 16-jährige Lionel zu Hause beim Aufräumen immer stärker werdende Nackenschmerzen verspürte. Kurz darauf wurde er bewusstlos, zwei Tage später erwachte er auf der Intensivstation des Unispitals Zürich als Tetraplegiker. Eine Blutung, herrührend von einer angeborenen Gefässmissbildung am Übergang vom Hirnstamm zum Rückenmark, drückte auf die Nerven und führte zur Querschnittlähmung.

Emmenegger wurde Wysers Berufsberater am Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil, Meier war der Betreuer während der Lehre. Jetzt, fünf Jahre nach dem Schicksalsschlag, sitzen die drei an einem Tisch im Atmoshaus, einem Generalunternehmen für Bauprojekte in Sempach Station. Auf die Bitte, das Geschehene mit einem Schlagwort zu charakterisieren, sagen sie: «Glück» (Wyser), «Traumresultat» (Emmenegger), «erfolgreich» (Meier).Zwölf Monate nach dem Ausbruch der Krankheit hatte sich Lionel Wyser von der Tetraplegie erholt. Die Nervenfasern waren nicht durchtrennt, sondern durch die Schwellung nur gequetscht worden. Nach intensiver Therapie am SPZ kann der heute 22-jährige Rothenburger wieder gehen und sich frei bewegen, kaum noch etwas deutet auf ein Handicap hin. «Meine linke Seite ist etwas schwächer, und manchmal werde ich etwas schneller müde.»

Seine Geschichte ist inspirierend

Seinen Traumberuf Landschaftsgärtner hat er aufgeben müssen, vor kurzem schloss er dafür die vierjährige Ausbildung zum Zeichner EFZ mit Fachrichtung Architektur (früher Hochbauzeichner) erfolgreich mit der Note 5,0 ab. «Ich bin eher minimalistisch veranlagt, ich musste zwei-, dreimal Anlauf nehmen, um mich auf die Lehrabschlussprüfungen vorzubereiten», gibt er zu und lächelt. Für Karl Emmenegger, der seit seiner Pension im SPZ als selbstständiger Jobcoach arbeitet, ist der Fall von Lionel Wyser «nicht der Alltag». Er ist erstaunt über die Art und Weise, wie der junge Mann den Schicksalsschlag nicht nur im Kopf, sondern auch emotional verarbeitet hat. «80 Prozent der Betroffenen können nach einem solchen Vorfall nicht mehr in ihr bisheriges Berufsumfeld zurückkehren. Auch Lionel hat sich von seiner grossen Leidenschaft, dem Gärtnern, verabschieden müssen. Er hat das genial und sehr erwachsen gemacht. Solch ein Prozess dauert normalerweise eher zehn als vier Jahre.» Wyser selber macht einen gelassenen Eindruck, wenn er auf die jüngere Vergangenheit zurückblickt: «Sicher war ich traurig, für mich war schon im Kindergarten klar, dass ich Gärtner werden möchte. Eine Welt brach aber nicht zusammen. Im Leben macht man ja nicht nur eine ­Sache gerne, und alles andere ist langweilig. Ich konnte es nicht ändern und suchte einen anderen Weg. Ich hätte auch ein Leben im Rollstuhl akzeptiert.»

Dass seine Geschichte auf ­andere Menschen inspirierend wirkt, hat er mehrmals erlebt. Mit einer Firmgruppe der Pfarrei ­St. Martin aus Baar verbrachte er einen Abend, um über das Geschehene zu sprechen. Mit ehemaligen Leidensgenossen am SPZ trifft er sich gelegentlich zum Essen. Sein Ausbildner, die Atmoshaus AG, wurde durch unseren Zeitungsartikel auf ihn aufmerksam und bot ihm eine Lehrstelle an. «Weil jeder Mensch mit einer gesunden Einstellung zum Leben eine Chance verdient hat, denn dann ist immer etwas möglich», erklärt Inhaber Beat Niederberger. Und dann ist da der Brief, den Wyser kürzlich erhielt, nach­dem die Namen der erfolgreichen Lehrabschlussabsolventen veröffentlicht worden waren. «Eine mir unbekannte Frau schrieb, dass der Zeitungsartikel über mich an ihrem Kühlschrank hänge. Wenn sie sich schlecht fühle, lese sie ihn. Sofort gehe es ihr besser.»

Nichts anheben, das schwerer als 15 Kilo ist

Die unmittelbare Zukunft von Lionel Wyser ist geregelt. «Wir sind richtig froh, dass er bei uns bleibt. Wenn er will, kann er noch viele Jahre bei uns arbeiten», sagt Lehrlingsbetreuer Oliver Meier. Er wird dabei nicht nur Pläne zeichnen, sondern immer mehr auch in das Management von Bauprojekten und in Kundenkontakte einbezogen. Die Weiterbildung zum Landschaftsarchitekten und damit eine Art Symbiose seiner alten und neuen Leidenschaft schliesst Wyser nicht aus.

Völlig normal weiterleben kann er allerdings auch fünf Jahre nach der Krankheit nicht. «Ich kann nicht Saxofon spielen, weil durch das Blasen im Kopf ein Druck entsteht. Und ich darf nichts anheben, das schwerer als 15 Kilo ist.» Lionel Wyser weiss, dass es wieder passieren könnte, dass bei zu grosser Anstrengung eine weitere Blutung nicht ausgeschlossen werden kann. Angst habe er deshalb nicht. Vielmehr ist er froh um die zweite Chance und erstaunt, wie schnell er den Weg zurückgelegt hat – vom schockierten Tetraplegiker zum gesunden Menschen und erfolgreichen Lehrabsolventen.


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