Anwalt im Fall Malters: «Ich tat das, was getan werden musste»

INTERVIEW ⋅ Der Zürcher Anwalt Oskar Gysler sagt, welche Chancen er sich vor dem Kantonsgericht Luzern ausrechnet. Und er erklärt, warum er sich für den Sohn einsetzt, dessen Mutter im März 2016 Suizid begangen hat.
11. Oktober 2017, 07:51

Interview: Lukas Nussbaumer

lukas.nussbaumer@luzernerzeitung.ch

Hat das Bezirksgericht Kriens Polizeikommandant Adi Achermann und Kripochef Daniel Bussmann Ende Juni zu Recht freigesprochen? Nein, findet Oskar Gysler. Der 44-jährige Zürcher ist Anwalt des Sohns der 65-jährigen Frau, die am 9. März 2016 bei einem Polizeieinsatz in Malters Suizid begangen hatte (wir berichteten).

Oskar Gysler, werden Sie sich ans Bundesgericht wenden, wenn das Kantonsgericht Luzern den Freispruch des Bezirksgerichts Kriens für Adi Achermann und Daniel Bussmann stützen sollte?

Das entscheidet abschliessend mein Klient. Doch ein Weiterzug ist gut möglich. Ich jedenfalls würde ihm den Gang nach Lausanne empfehlen.

Damit Sie Recht erhalten, müsste das Bundesgericht zwei Entscheide von Luzerner Gerichten korrigieren. Glauben Sie wirklich daran?

Sicher. Das Bundesgericht ist weniger stark dem Druck der kantonalen Politik ausgesetzt. Doch das liegt in weiter Ferne. Zuerst entscheidet jetzt das Kantonsgericht – und ich erachte unsere Chancen schon dort als gut.

Obwohl der ausserordentliche Aargauer Staatsanwalt auf einen Weiterzug ans Kantonsgericht verzichtet?

Dass Christoph Rüedi keine Berufung eingelegt hat, ist kein Indiz dafür, dass die Erfolgschancen vor der nächsten Instanz klein sind. Ich bin von seinem Entscheid denn auch leicht enttäuscht.

Dass Sie der Meinung sind, der Polizeieinsatz sei nicht dringlich gewesen und dass Sie ihn deshalb als unverhältnismässig bezeichnen, ist bekannt. Was stimmt Sie sonst noch positiv?

Unter anderem die Tatsache, dass es versäumt wurde, ein von mir gefordertes Gutachten in Auftrag zu geben. Ich bin der Meinung, eine Fachperson hätte klären sollen, wie der Einsatz herausgekommen wäre, wenn man mit der Frau weiter verhandelt, ihr mehr Zeit gegeben oder ihren Sohn beziehungsweise Rechtsanwalt beigezogen hätte.

Sie hätten selber ein solches Gutachten erstellen lassen können.

Das haben mein Klient und ich auch in Erwägung gezogen. Wir mussten jedoch aus Kostengründen darauf verzichten.

Hinter vorgehaltener Hand heisst es, der Sohn der verstorbenen Frau könne sich die Anwaltskosten für Sie gar nicht leisten. Wer bezahlt Sie?

Der Fall ist tatsächlich sehr aufwendig und teuer.

Aber er macht Sie landesweit bekannt. Wollen Sie ein zweiter Valentin Landmann werden?

Dieser Fall steigert meinen Bekanntheitsgrad zweifelsohne, ist also positive Publizität für mich. Doch ich habe diesen Fall nicht gesucht. Ich erhielt einen Anruf, ob ich die Sache übernehmen wolle, und ich habe sie übernommen. Dies, bevor ich wusste, dass sich der Suizid ereignen würde. Danach tat ich einfach das, was getan werden musste.

Hinweis

Oskar Gysler (44) ist seit 2011 Mitinhaber der Advokatur Thöni Gysler mit Hauptsitz in Zürich und einer Filiale in Flims. Er machte sein Lizenziat an der Uni Fribourg und das Anwaltspatent in Zug.


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