Kirchenglocken sorgen in Pfaffnau für Wirbel

GLOCKENGELÄUT ⋅ Ein Einwohner Pfaffnaus stört sich am Glockenspiel der Kirche St. Vinzenz, weil es auch am Wochenende keine Pause macht. In einer Annonce sucht er Gleichgesinnte – und erntet eine Flut von Hasstiraden.
06. Oktober 2017, 07:13

«Heute verstehe ich besser, wie es zu Neid, Hass und sogar Krieg in der Welt kommen kann.» Jürg Spahr, Banker und seit drei Jahren in Pfaffnau wohnhaft, klingt resigniert. Dass eine Annonce im «Woche-Pass» vom 27. September so hohe Wogen schlagen würde, hätte er sich nie erträumt. «Wer stört sich ebenfalls an den frühmorgendlichen Glocken-‹Klängen› der Kirche Pfaffnau?», lautete seine einfach wie höflich formulierte Frage. Dabei stört sich Spahr nicht per se am Glockengeläute. Unter der Woche sei es ja sein Wecker. «Ab und zu möchte man aber auch ausschlafen.» Das aber erschwere das fünfminütige Glockenspiel um 5.30 Uhr – auch am Wochenende. Sympathisanten sollten sich unter einer Anti-Glocken-E-Mail-Adresse melden.

Geschrieben haben dann insbesondere jene, die sich an dieser Annonce störten. Laut Spahr vor allem «langjährige und ältere Bewohnerinnen und Bewohner von Pfaffnau». Ihm sei eine wahre Flut von Hasstiraden entgegengeschwappt, «ausfallend» und «primitiv». Auch auf den sozialen Medien habe man gegen ihn, den Zuzüger, gehetzt. «In welcher Welt leben wir, dass wir nicht mit Anstand über ein Thema diskutieren können?», fragt Spahr rhetorisch auf seiner eigens zum Glockenstreit eingerichteten Internetseite. Und bedankt sich trotzdem in einer weiteren Annonce für die «unzähligen, engagierten Rückmeldungen». Gegenüber unserer Zeitung will sich Spahr nicht weiter äussern.

Das Glockengeläut im Video:

Spahr will nun die «Kirche im Dorf lassen»

Thomas Grüter, Gemeindepräsident von Pfaffnau, versteht die plötzliche Aufregung um das Glockengeläute der Kirche St. Vinzenz nicht. In seinen 17 Jahren, die er nun schon im Gemeinderat sitze, sei das noch nie ein Thema gewesen. Auch persönlich stört sich der bekennende Katholik überhaupt nicht am Geläute. Grüter betont aber: «Das ist kein politisches Problem, sondern ein kirchenrechtliches.» Vom Kirchenrat Pfaffnau-Roggliswil waren gestern allerdings weder die Präsidentin noch die Kirchmeierin für eine Stellungnahme zu erreichen. Sie weilen derzeit in Rom.

«Die Kirche im Dorf lassen» will nun auch Spahr – aber nicht, ohne seine Mitbürger zu einem zivilisierten Umgang anzuhalten.

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch


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