«Kleine Verwahrung» für einen Stalker

LUZERN ⋅ Ein Mann hat seine Frau nach der Trennung telefonisch terrorisiert. Das Gericht ordnet deshalb eine Therapie in einer geschlossenen Klinik an. Mehr als fünf Jahre könnte er eingesperrt bleiben. Die Staatsanwältin fand das «nicht verhältnismässig».
17. September 2017, 05:00

1621 Mal rief er sie an, als sie ihn verlassen hatte. Sie habe die Familie kaputtgemacht. Er werde sie an ihrem Arbeitsplatz zusammenschlagen. Er bringe sie um. Sie würden gemeinsam aus dem Leben scheiden. Solche Dinge sagte er zu seiner Frau, der Mutter seiner drei Kinder. Mit Anrufen im Minutentakt machte er ihr das Leben zur Hölle.

Jetzt sitzt der schmächtige Mann, inzwischen Grossvater, neben seinem Verteidiger im Gerichtssaal. Dass er Italiener ist, hört man an seinem Akzent. Dass er schon lange in der Schweiz lebt, verraten die urschweizerischen Ausdrücke, die sich in seinen Dialekt geschlichen haben. Seine Herkunft macht er für die Situation verantwortlich, in der er sich befindet. Es stimme, «ti ammazzo», habe er zu ihr gesagt. Und ja, dass heisse «ich bringe dich um». Aber er habe ihr sicher nichts antun wollen. «Wenn ich mal 50 Franken zu viel ausgegeben hatte, sagte sie ja auch zu mir, sie würde mich erwürgen. Das sind nur Wörter. Wir redeten jahrelang so miteinander. Aber natürlich wollten wir nicht Ernst machen! Das war beiden klar.»

35 Jahre seien sie zusammen gewesen, und kein einziges Mal habe er sie «kläpft», wie er sagt. «Wir hatten gute und schlechte Zeiten. Drei Jahrzehnte halten es nur wenige miteinander aus. Auch wenn sie nun weg ist, liebe ich sie noch immer. Mir tut es leid, wirklich leid, dass ich diese Worte gesagt habe.»

Seine Frau habe wegen ihm ein «Scheissleben» gehabt. Seit er vor 13 Jahren einen Unfall gehabt habe, könne er nicht mehr arbeiten. «Sie dagegen hat immer nur ‹chrampfed›. Wir konnten keine Ferien mehr machen, weil ich das Geld immer aufgebraucht hatte.» Er hatte angefangen, Drogen zu konsumieren. Hauptsächlich Cannabis, aber auch Kokain.

Temperament oder Persönlichkeitsstörung?

Aus diesem Grund beantragt die Staatsanwältin neben einer Gefängnisstrafe auch eine Suchttherapie. Sie hat ein psychiatrisches Gutachten erstellen lassen. Demzufolge leidet der 56-Jährige an einer sogenannten emotional instabilen Persönlichkeitsstörung sowie einer Abhängigkeit von Cannabis und Kokain. «Seine Fähigkeit, Impulse kontrollieren zu können, ist beeinträchtigt. Ohne Therapie besteht eine hohe Rückfallgefahr für Drohungen, aber auch Gewalttaten gegenüber der Exfrau», sagt die Staatsanwältin. Eine Therapie in einer geschlossenen Klinik zur Behebung der Persönlichkeitsstörung fordert sie nicht. «Es handelt sich bei den Drohungen um Vergehen nicht um Verbrechen, deshalb wäre das nicht verhältnismässig – auch wenn der Gutachter das anders sieht», sagt sie in ihrem Plädoyer.

Der Verteidiger sieht auch für eine Suchtbehandlung keinen Anlass, weil die Abhängigkeit nicht erwiesen sei. Er fordert einen Freispruch vom Vorwurf der mehrfachen Drohung. «Sie hat ihn am Telefon mit Absicht provoziert und ausgelacht. Sie wusste, wie er tickte und wie sie ihn aufregen konnte. Auf keinen Fall erweckten die Telefonate den Eindruck, dass sie Angst gehabt hätte», führt der Verteidiger aus. Die grobe Umgangssprache gehöre zum Wesen und Charakter seines Mandanten.

Aufbrausendes Temperament oder eine gefährliche Persönlichkeitsstörung? Der Psychiater spricht in seinem Gutachten von einem Zusammenhang zwischen den Drohungen und der psychischen Krankheit des Beschuldigten. Über eine solche Einschätzung kann sich ein Richter nur hinwegsetzen, wenn das Gutachten als unqualifiziert erachtet wird. Wegen des diagnostizierten Gefahrenpotenzials kommt das Gericht zum Schluss, dass eine stationäre Massnahme nach Art. 59 doch verhältnismässig ist. Diese wird auch die «kleine Verwahrung» genannt, weil sie bis zu fünf Jahre dauert und nach Ablauf dieser Frist jeweils wieder um fünf Jahre verlängert werden kann. Weiter wird der Mann wegen mehrfacher Drohung, dem Besitz eines Springmessers, dem Konsum von Kokain und dem Verwahrlosenlassen eines Wellensittichs zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten verurteilt. Die Verteidigung hat angekündigt, das Urteil weiterzuziehen.

 

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch


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