Konservative Katholiken erlangen ein Stück Unabhängigkeit

SENTIKIRCHE ⋅ Die Kirchgemeinde Luzern gibt die Sentikirche im Baurecht an die Stiftung Rosa Mystica ab. Damit entspannt sich auch das Verhältnis der beiden ungleichen Partner.
10. Juli 2017, 04:38

«In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti ...» Auch an diesem Morgen wird in der Sentikirche an der Luzerner Baselstrasse die Messe nach dem alten, lateinischen Ritus zelebriert. Täglich ausser montags steht Pfarrer Gerald Hauser in goldumranktem Messgewand vor dem Hochaltar. Rund 30 Personen verfolgen – meist kniend – die Messe an diesem Werktagsmorgen. An Sonntagen besuchen gegen 200 Personen die beiden Gottesdienste, rund 400 Personen aus der Region Luzern zählen zu den Sympathisanten der Gruppierung Rosa Mystica.

Seit dreissig Jahren feiert die katholisch-konservative Stiftung Messen in der Sentikirche, welche bisher im Besitz der Katholischen Kirchgemeinde Luzern stand. Nun hat Rosa Mystica die Kirche im Baurecht übernommen (Ausgabe vom 4. Juli). Mit dem Baurechtsvertrag wird eine jahrelange unklare Situation für beide Seiten auf befriedigende Weise geklärt. Denn die Beziehung der «offiziellen» Kirchgemeinde zur konservativen Gruppierung war stets angespannt. Zwar tolerierte die Gemeinde die lateinischen Messen in der Sentikirche stillschweigend, eine offizielle Anwesenheitserlaubnis gab es für die Rosarier aber nie. Sie mussten theoretisch jederzeit damit rechnen, vor die Tür gesetzt zu werden. Selbst kirchenrechtlich standen die Lateiner im Abseits – bis Papst Benedikt vor zehn Jahren die alte Liturgie wieder legalisierte. Bewegung kam schliesslich in die Sache, als die Kirchgemeinde ihre Liegenschaften nach Sparpotenzial absuchte – und die Sentikirche fand, die man selbst seit Jahren nicht mehr benutzte.

«Unsere Leute zahlen ja auch Kirchensteuern»

Dreijährige Verhandlungen mit der Stiftung Rosa Mystica folgten. Die Kirchgemeinde wollte die Sentikirche ursprünglich verkaufen, was sich die Stiftung allerdings nicht leisten konnte. Überhaupt hoffte man bei Rosa Mystica, die Kirche geschenkt zu erhalten. «Unsere Leute zahlen ja auch Kirchensteuern», begründet Rosa-Mystica-Stiftungspräsident René Arnold-Vogel den Standpunkt. Heraus kam ein Kompromiss: Ein Baurechtsvertrag überantwortet die Sentikirche für die nächsten 60 Jahre der Stiftung Rosa Mystica. Der Baurechtszins beträgt 13000 Franken pro Jahr. Die Stiftung erhält zudem jährlich Geld vom Bistum Basel, mit dem sie den Baurechtszins an die Kirchgemeinde bezahlen kann. Quasi als Abschiedsgeschenk hat die Kirch­gemeinde für 900 000 Franken eine Aussenrenovation der Kirche vorgenommen. Die dringend nötige Innenrenovation, die rund 1,4 Millionen Franken kosten dürfte, muss Rosa Mystica hingegen selber tragen.

Nach den Verhandlungen zeigen sich beide Seiten zufrieden. Die Kirchgemeinde kann sparen und gleichzeitig die Konservativen «auslagern». Peter Bischof, Geschäftsführer der Kirchgemeinde Luzern, sagt dazu: «Die spezifischen Ziele und Aktivitäten der Stiftung Rosa Mystica gehören nicht zu den ordentlichen Aufgaben des Pastoralraums Luzern Stadt.» Mit der Übergabe der Kirche im Baurecht werde die Nutzung der Sentikirche aber auf eine rechtliche Basis gestellt, «die beiden Vertragspartnern zugutekommt». Dem stimmt die Stiftung zu, die vor allem Anerkennung und ein eigenes Gotteshaus anstrebte . Zwar liess die Kirch­gemeinde im Baurechtsvertrag festhalten, dass die Sentikirche «auch weiterhin ein offener Ort im Untergrund-Quartier bleiben» und auch anders ausgerichtete Gebetsgruppen beherbergen müsse. Im Gegenzug hat die Stiftung durchgesetzt, dass sie keinen Konzert- oder Kulturveranstaltern Gastrecht gewähren muss.

Sind sich im Laufe der Verhandlungen zwei Kontrahenten nähergekommen, indem sie sich getrennt haben? Menschlich gesehen, ja. «Der Geschäftsführer der Kirchgemeinde und ich haben uns nach anfänglicher Skepsis gefunden», schmunzelt Stiftungspräsident Arnold-Vogel, beruflich verhandlungserprobter Kadermann bei der Luzerner Kantonalbank. «Das Resultat der Verhandlungen ist ein wohlwollendes Nebeneinander», resümiert auch Pfarrer Hauser und fügt hinzu: «Wir wollen einfach unser Programm machen: Die Feier der traditionellen Liturgie, die Spendung der heiligen Sakramente und die lehramtsgetreue Verkündigung.» Die unveränderliche, völkerverbindende lateinische Sprache biete ihm «Heimat und Sicherheit in einer unsicheren Welt», führt René Arnold aus. So könne er auch in New York eine Messe besuchen und fühle sich sofort zugehörig. Und: «Anderswo fangen Predigten häufig mit einer Frage an und hören mit einer Frage auf. Bei uns gibt es Antworten.» Spürbar dominiert bei der Stiftung Rosa Mystica das Bedürfnis, das Eigene zu leben und sich nicht nehmen zu lassen:

Konservative wollen keine Sekte sein

Umgekehrt will man aber auch verhindern, dass die Pflege der eigenen Identität zu einer selbstgerechten «Ghettomentalität» führt. «Wir verstehen uns nicht als die letzten Heiligen und alle anderen als die Ungläubigen», sagt Pfarrer Hauser. Christsein zeige sich letztlich in der Praxis der Nächstenliebe: So vertrete man zwar eine konservative Haltung, könne aber andere Positionen gut stehen lassen. Schliesslich sei es auch gut, dass die eigene Stiftung nun dem Bistum und dem Pastoralraumleiter unterstellt sei. «Es ist nie ganz auszuschliessen, dass sich eine Gruppe wie unsere irgendwann einmal in eine sektiererische Richtung entwickelt», warnt Hauser selbstkritisch.

 

Remo Wiegand

stadt@luzernerzeitung.ch


Leserkommentare

Anzeige: