Langer Kampf für behinderten Neffen kommt zu gutem Ende

HORW ⋅ Während mehr als fünf Jahren unterstützte der Horwer Hans Roth seinen Neffen im Bestreben, eine IV-Rente zu erhalten. Auch dank aufwendiger anwaltschaftlicher Hilfe hat es endlich geklappt: Roths Patenkind kriegt nun eine Vollrente.
12. November 2017, 08:54

Hans Roth wirkt erleichtert, als er zur Situation seines Neffen und Patenkindes Auskunft gibt. «Ich bin froh, dass es endlich geklappt hat. Anfang Jahr kam es nochmals zu einer umfangreichen medizinischen Abklärung. Dieses Gutachten hat nun dazu geführt, dass rückwirkend auf fünf Jahre eine hundertprozentige IV-Rente gesprochen wurde.» Dies inklusive Verzugszinsen, jedoch abzüglich aller ausbezahlten Sozialhilfekosten sowie der Vorschussleistungen der Arbeitslosenkasse.

Die «Zentralschweiz am Sonntag» hat schon mehrfach über den Fall von Hans Roth respektive seines Neffen berichtet. In den Texten ging es auch immer wieder darum, wie schleppend das ganze Verfahren mit der IV in Aarau vorankam. Bei einem Treffen im Dezember 2015, an dem Hans Roth, der Oensinger Anwalt Rémy Wyssmann und der IV-Antragsteller selber mit am Tisch sassen, wurde dem anwesenden Reporter schnell klar: Der Neffe von Hans Roth ist aufgrund seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten nicht in der Lage, im nicht geschützten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.

Bei der Geburt zu wenig Sauerstoff erhalten

Zu diesem Befund kamen Ende der 1980er-Jahre bereits die Ärzte der Schweizer Armee. Sie schrieben den jungen Mann anlässlich der Aushebung untauglich und hielten in einem Bericht fest: Der Ausgemusterte verfüge «im Alltag über gute Kompensationsmöglichkeiten, welche aber bei der geringsten Anforderung nicht mehr genügen. Dies trifft für seine körperlich-motorischen Möglichkeiten ebenso zu, wie für seine intellektuellen Leistungsfähigkeiten, welche im geschützten Rahmen recht gut sind.»

Der mittlerweile 48-Jährige, der heute in einer Gemeinde am Hallwilersee lebt, ist von Geburt an behindert. Dies, weil er während der Entbindung unter akutem Sauerstoffmangel litt. Der Knabe blieb in der Folge, verglichen mit den Altersgenossen, in seiner Entwicklung deutlich zurück, dies sowohl geistig wie auch körperlich.

Hans Roth ist trotz des positiven Entscheides der IV-Stelle in Aarau nicht restlos glücklich. Er ist sich bewusst, dass ohne die Hilfe eines kompetenten Anwaltes ein Erfolg kaum möglich gewesen wäre. Hans Roth sagt: «Mittlerweile hat sich, verteilt auf knapp fünf Bundesordner, ein riesiger Aktenberg angesammelt. Hätte mein Neffe keine Rechtsschutzversicherung gehabt, wäre es aus finanzieller Sicht nicht möglich gewesen, einen Anwalt einzuschalten.»

Anwalt kritisiert medizinische Gutachten

Roths Patenkind erhält seit September eine monatliche Rente von 1900 Franken. Das allein reicht aber nicht aus, um wirtschaftlich ein unabhängiges Leben zu führen. Mit dem positiven Entscheid aus Aarau ist es jetzt aber möglich, dass der IV-Bezüger Ergänzungsleistungen beantragen kann. Zudem hat er im ­geschützten Arbeitsmarkt eine Halbtagsstelle gefunden, wo ihm ein Stundenlohn von knapp drei Franken ausgezahlt wird.

Bis der Rentenentscheid nun endlich im Sinne des Antragsstellers ausfiel, war auch ein Gang vors Gericht nötig. Denn Rémy Wyssmann, Fachanwalt für Haftpflicht- und Versicherungsrecht, focht ein von der IV in Auftrag gegebenes medizinisches Gutachten an. Das Versicherungsgericht Aarau kam dann im letzten Jahr zum Schluss, dass das Dossier von Hans Roths Neffen für weitere Abklärungen und zur Neuverfügung an die IV zurückzuweisen sei. Der Grund: Die Richter erachteten das medizinische Gutachten für ungenügend.

Wyssmann kritisierte damals, die Expertisen, die im Auftrag der Invalidenversicherung erstellt würden, seien qualitativ oft mangelhaft, und der Rechtsexperte sagte weiter: «Bei gewissen Institutionen kann man zum Vorneherein davon ausgehen, dass die Versicherten auf der Verliererstrasse enden.»

«Fall hätte speditiver behandelt können»

Rémy Wyssmann hat berufshalber oft mit der IV zu tun. Er sagt: «Wer hartnäckig ist und nicht aufgibt, kommt vielfach zum Ziel.» Der Solothurner wundert sich aber immer wieder über das Verhalten des Versicherers. Er kritisiert: «Man sollte die Leute schon ernst nehmen und auf die Bezugspersonen und die Anwälte hören.» Wyssmann ist überzeugt, dass man den Fall von Hans Roths Neffen speditiver, effizienter und damit am Schluss kostengünstiger hätte abwickeln können.

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch


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