Luzerner Ärzte wehren sich gegen Tarifeingriff

GESUNDHEITSKOSTEN ⋅ Die Ärztegesellschaft des Kantons Luzern kritisiert den geplanten Eingriff von Bundesrat Berset in die Tarifstruktur heftig. Die Senkung des ambulanten Tarifs gefährde die Versorgungssicherheit.
15. Mai 2017, 04:38

Klartext aus Luzern nach Bern: Die Ärztegesellschaft geisselt die Pläne von Gesundheitsminister Alain Berset, durch einen Eingriff in die Tarifstruktur ein Sparpotenzial von 700 Millionen Franken zu erschliessen, gnadenlos. Der Bundesrat missachte, dass es eben gerade die Ärzte seien, die durch ihre Arbeit dafür sorgten, dass die Gesundheitskosten nicht aus dem Ruder laufen. Als Stichworte dienen ihnen insbesondere Ausbildungs- und Behandlungsqualität, die zu volkswirtschaftlichem Nutzen führten, weil rasche Genesung auch weniger Arbeitsausfall bedeute. Abgesehen davon: Durch die sinkende Aufenthaltsdauer im Spital und die Verschiebung von stationären zu ambulanten Behandlungen würde ebenfalls viel Geld gespart, schreibt die Ärztegesellschaft in ihrer Vernehmlassungsantwort zur Änderung der Tarifstruktur.

Sie sagt denn auch ohne Umschweife: «Die hohen Kosten, welche die teuren Infrastrukturen der Spitäler verursachen, können durch eine Therapie in einer Praxis auf vergleichsweise tiefem Niveau gehalten werden.» Mit der «unüberlegten, willkürlichen Senkung des ambulanten Tarifs» würden sämtliche Bemühungen, im Gesundheitswesen Kosten zu sparen, zerstört. Der niedergelassenen Ärzteschaft bleibe angesichts von Tarifkürzungen bis zu 50 Prozent nichts anderes übrig, als ihre Patienten in stationäre Behandlungen zu überführen. Ungeachtet dessen, dass die Kapazitäten dafür fehlten und die Versorgungssicherheit damit gefährdet werde.

«Einbussen in der Versorgungssicherheit»

Dabei gäbe es laut Ärztegesellschaft «viel einfachere und bessere Möglichkeiten, im Gesundheitswesen rasch und viel Geld zu sparen». Konkret: Die jährliche Überprüfung und Festsetzung der Medikamentenpreise würde per sofort eine Entlastung von 2 Milliarden Franken bringen, rechnet die Ärztegesellschaft vor. Der Bundesrat komme seiner Pflicht in keiner Weise nach, vielmehr werde die Pharmaindustrie geschont. Und zwar auf Kosten der Patienten. Eine Entwicklung, die sich mit der drohenden Einführung von Globalbudgets in der ambulanten Versorgung akzentuieren könnte. «Unselig und verheerend» wäre diese, findet die Ärztegesellschaft und spricht von «totaler Zweiklassenmedizin, Verschärfung falscher Anreize sowie Einbussen in der Versorgungssicherheit und -qualität». Von Kosteneinsparungen sei je­denfalls – wie beim Tarifeingriff – weit und breit nichts zu sehen.

Die Vernehmlassung zur Änderung der Tarifstruktur dauert noch bis am 21. Juni. Dies, nachdem die Verhandlungen der Tarifpartner wiederholt gescheitert sind und derzeit eine Übergangsregelung in Kraft ist, die allerdings Ende Jahr ausläuft.

 

Balz Bruderer

balz.bruderer@luzernerzeitung.ch


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