Luzerner Regierung streicht Latein und Handarbeit vom Stundenplan am Untergymi

BILDUNG ⋅ Mehr Deutschlektionen und naturwissenschaftliche Fächer. Der Stundenplan an den Luzerner Gymnasien wird umgekrempelt. Über die Klinge springen muss die Handarbeit – und auch dem Latein droht das Abstellgleis.
Aktualisiert: 
16.11.2017, 20:00
16. November 2017, 10:26

Roseline Troxler

roseline.troxler@luzernerzeitung.ch

Alea iacta est – die Würfel sind gefallen. Der Luzerner Regierungsrat hat entschieden, Latein aus dem Untergymnasium zu kippen. Ganz abgeschafft wird das Fach Handarbeit (textiles Gestalten). Die Änderung ist eine Folge des Lehrplans 21. Im Schuljahr 2019/2020 treten erstmals Schüler ins Langzeitgymnasium über, die in der Primar nach neuem Lehrplan unterrichtet worden sind. Deshalb hat die Regierung eine neue Wochenstundentafel verabschiedet, die Zustimmung des Parlaments ist dafür nicht nötig. In der Vernehmlassung haben die Parteien den Wegfall des Lateins unterstützt. Für die Handarbeit aber setzten sich SP und GLP ein.

Mit der Änderung wird die Lektionenzahl der Fächer Deutsch und Naturwissenschaften erhöht. Eine weitere Änderung betrifft Englisch. Eine Lektion wird vom Unter- ins Obergymnasium verlegt.

«Wir müssen die Belastung im Auge behalten»

Zu den Änderungen sagt Aldo Magno, Leiter der kantonalen Dienststelle Gymnasialbildung: «Wir wollen die naturwissenschaftlichen Fächer stärken. Gleichzeitig müssen wir die Arbeitsbelastung der Schüler im Auge behalten.» Deshalb brauche es Abstriche. Das Aus für die Handarbeit erklärt er wie folgt: «Die Gymnasien müssen die Schüler primär für die universi­täre Hochschule vorbereiten. Da hat der Unterricht in textilem Gestalten keine Priorität.»

Die Fachschaft Latein bedauert die Anpassung an der Wochenstundentafel sehr. Deren Präsidentin Christine Stuber sagt: «Der Entscheid ist frustrierend. Latein gibt den Schülern ein grundlegendes Bewusstsein für Sprache.» Ähnlich tönt es bei Remo Herbst, Präsident des Verbands Luzerner Mittelschullehrer: «Mit einer Ausnahme haben sich alle Fachschaften für die Beibehaltung des Lateins ausgesprochen. Daher können wir den Entscheid nicht nachvollziehen.» Mit der Anpassung der Wochenstundentafel können Schüler im Untergymnasium künftig keine Richtung mehr wählen. Das Schienenfach fällt weg. Derzeit haben Kantischüler in der zweiten Klasse die Wahl zwischen Latein oder Naturwissenschaften. Laut Aldo Magno belegt rund ein Drittel der Schüler Latein als Schienenfach. Christine Stuber missfällt, dass diese Wahlmöglichkeit künftig fehlt. «Dies bedeutet eine Angleichung an die Sekundarschule.»

Ab der dritten Klasse belegen Schüler ein Schwerpunktfach. Hier bleibt die Wahl hingegen für verschiedene Fächer bestehen, darunter Latein. Derzeit belegen rund fünf Prozent der Schüler diesen Schwerpunkt – Tendenz sinkend. Für die Fachschaft besteht die Gefahr, dass noch weniger Schüler Latein belegen, wenn sie es nicht bereits kennen. Dies räumt auch Magno ein. Stuber betont daher: «Wir fordern von der Regierung, dass auch kleine Lateinklassen nicht in Gefahr sind und das Freikursangebot ausgebaut wird.» Remo Herbst aber äussert Zweifel: «Das Schwerpunktfach Latein wird künftig kaum mehr gewählt. Das Fach wird an den Kantonsschulen aussterben.»

Erhöht werden im Untergymnasium, der ersten und zweiten Klasse, hingegen die Deutschlektionen. Von ihnen gibt es künftig jeweils fünf statt vier pro Woche. Laut Aldo Magno sollen vermehrt sprachwissenschaftliche und sprachvergleichende Elemente vermittelt werden. «Damit soll den Schülern auch die Sprache des Lateins nähergebracht werden.» Diese zwei Lektionen können nicht nur von Germanisten unterrichtet werden, denkbar sei auch, dass Latein- oder andere Sprachlehrer in die Bresche springen. Christine Stuber: «Wir warten nun ab, wie die Ausgestaltung genau aussieht.» Remo Herbst setzt hinter das neue Fach ebenfalls noch viele Fragezeichen.

Einschneidend ist der Regierungsentscheid auch für die Lehrer, die Handarbeit unterrichten. Das Fach verschwindet ganz vom Gymnasium. Monika Huber von der Fachschaft textiles Gestalten, sagt: «Wir verlieren durch den Entscheid unsere Arbeit. Dabei wurde nicht mal ein Sozialplan erarbeitet.» Auch für die Schüler sieht Huber Nachteile: «Der Unterricht wird noch kopflastiger, der Druck nimmt zu.» Zur Frage, weshalb Handarbeit gestrichen, Werken aber weiterhin angeboten wird, sagt Aldo Magno: «Der Entscheid hat auch mit dem Profil der Lehrer zu tun. Lehrpersonal für technisches Gestalten hat meist ein Lehrdiplom für den Gestaltungsunterricht auf der Gymnasialstufe. Bei textilem Gestalten ist das meist nicht der Fall.»

Durch die Anpassung wird nicht nur Deutsch gestärkt, sondern auch die Naturwissenschaften und die Technik. Neu haben alle Schüler gleich viele Lektionen in diesem Bereich – nämlich sieben. Der Unterricht soll sich in Zukunft stärker an der Praxis orientieren. «In unserer Welt, die stark wissenschaftsgetrieben ist, brauchen wir hier mehr Kompetenzen», sagt Aldo Magno. Für Remo Herbst hingegen bestehen grosse Zweifel, dass eine stärkere Gewichtung der Naturwissenschaften in der Kanti zu mehr Studienabschlüssen in diesem Bereich führen. «Die Naturwissenschaften erleben derzeit einen Boom. Das wird sich wieder legen», ist er überzeugt.


1 Leserkommentar

Anzeige: