Mama arbeitet und Mami ist zuhause

ADOPTION ⋅ Die Luzernerinnen Miriam (32) und Vanessa (30) sind seit Anfang Jahr Eltern von drei gemeinsamen Kindern – das neue Gesetz macht es möglich. Jetzt haben sie, wovon sie lange träumten: Eine ganz normale Familie.
07. April 2018, 05:00

Chiara Stäheli

chiara.staeheli@luzernerzeitung.ch

Die zwei kleinen Knaben spielen mit ihrer älteren Schwester friedlich im Wohnzimmer, ihre Mutter Vanessa (30) räumt die Stube auf und Mama Miriam (32) kommt gerade von der Arbeit nach Hause – das Bild einer beinahe normalen Familie aus dem Luzerner Hinterland. Nur etwas ist anders als gewöhnlich: Miriam und Vanessa sind ein Paar, ihre Kinder haben also zwei Mütter. «Wir fühlen uns nicht anders, als alle anderen. Erst wenn wir darauf angesprochen werden, wird uns wieder bewusst, dass gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern in der Schweiz noch eher selten gesehen werden», sagt Miriam.

Die beiden Frauen gehen bereits seit zehn Jahren gemeinsam durchs Leben. Bei der Familienplanung hat ihnen ein Samenspender, der den Frauen bekannt ist, geholfen. Die leibliche Mutter ist Vanessa. Damit auch Miriam offiziell Mutter der Kinder ist, hat sie Anfang Januar beim Kanton ein Gesuch zur Adoption eingereicht, welches die zuständige Behörde vor einem Monat bewilligte. Eine solches Szenario ist in der Schweiz erst seit Jahresbeginn möglich. Im Kanton Luzern sind die Anfragen gemäss der Abteilung Gemeinden des kantonalen Justiz- und Sicherheitsdepartements seither deutlich angestiegen (Ausgabe vom 23. März).

Die Adoption ging überraschend schnell

Doch warum haben sich die beiden überhaupt für eine Adoption entschieden? «Wir wollen die Kinder rechtlich absichern. Sollte mir etwas passieren, könnten die zwei Buben und das Mädchen bei Miriam bleiben und würden ihr nicht weggenommen», erklärt die leibliche Mutter Vanessa. Auch das Erbrecht werde durch die Adoption angepasst und die Kinder dadurch anderen Kindern gleichgestellt.

Das Adoptionsverfahren sei erstaunlich schnell über die Bühne, meint Miriam, die sich auf ein langwieriges Prozedere eingestellt hatte: «Wir konnten bereits im Dezember alle Formulare – Zivilstandspapiere, Arztzeugnisse, Lebenslauf, Motivationsschreiben – vorbereiten und gleich Anfang Januar einreichen.» Nach den ersten kantonalen Abklärungen wurde die Familie zu einem Gespräch mit dem Sozialvorsteher und dem Gemeindeschreiber ihrer Wohngemeinde eingeladen und erhielt vor etwas mehr als einem Monat schliesslich den positiven Adoptionsentscheid.

Aufgrund des unkomplizierten Verfahrens waren auch die Kosten deutlich tiefer als erwartet. Im Voraus haben die Eltern mit rund 1000 Franken pro Kind gerechnet, tatsächlich sei es nun aber bedeutend weniger gewesen, so Miriam.

Die Adoption ist für die Familie eine Erleichterung. Im Gespräch mit den beiden aufgestellten Frauen wird deutlich, wie wichtig es ihnen ist, als normale Familie wahrgenommen zu werden. «In unserer Verwandtschaft werden wir seit Beginn unserer Beziehung so akzeptiert, wie wir sind. Auch sonst haben wir noch nie eine negative Reaktion erlebt», erzählt Miriam. Klar gebe es ab und zu komische Blicke, doch vielfach seien die Leute interessiert und würden Fragen zu ihrer Lebensform stellen. Doch die beiden Frauen und ihre Kinder sind im Grunde eine ganz normale Familie. Miriam – von den Kindern «Mama» genannt – übernimmt seit Geburt des ersten Kindes mehrheitlich die traditionelle Vaterrolle. Sie arbeitet fünf Tage die Woche Vollzeit als Atelierleiterin in einem Teppich-Atelier. Vanessa – für ihre Kinder ist sie das «Mami» – betreut die Kinder und arbeitet lediglich zwei Wochenenden pro Monat. «Die Rollenverteilung war für uns beide schon immer klar. Es passt so und wir können damit auch die Kinderbetreuung vollumfänglich alleine übernehmen», sagt Vanessa während sie den jüngsten Spross der Familie tröstet.

Und wenn sie nach ihrem Vater fragen?

Man merkt schnell, dass sich die drei Kinder wohlfühlen. Sie wachsen seit ihrer Geburt mit zwei Müttern auf und kennen nichts anderes. Die Familie nimmt gerne und aktiv am Dorfleben teil, die älteste Tochter besucht den Kindergarten, ihr jüngerer Bruder die Spielgruppe und der Kleinste geniesst seine Zeit zuhause. Bis jetzt hätten sie noch nie nach ihrem Vater gefragt. Sollte dieses Thema jedoch aufkommen, möchten Vanessa und Miriam ihren Kindern auf jeden Fall die Wahrheit sagen: «Sie dürfen ihre Wurzeln kennen. Uns war es wichtig, dass alle den gleichen Vater haben, damit sie sich untereinander austauschen können, wenn es dann soweit ist», sagt Vanessa.

Wie viele andere gleichgeschlechtliche Paare sind auch Vanessa und Miriam Mitglied beim Verband Regenbogenfamilien. Dieser setzt sich für die Gleichstellung von homosexuellen Paaren mit Kindern ein. «Wir sind nicht aktiv im Verband dabei, sind aber froh über die Infos, die wir erhalten. Auf diesem Weg haben wir auch von der Möglichkeit der Adoption erfahren», erzählt Miriam. Die Adoption, das war letztlich auch der Schlüssel, um eine «ganz normale Familie» zu werden.


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