Neue Fahne für die «heimliche Stadtregierung»

LUZERN ⋅ Die Gesellschaft der Herren zu Schützen hatte einst in der Stadt grossen politischen Einfluss. Sie wurde als kriegerische Vereinigung gegründet. Die Mitglieder schiessen auch heute noch scharf.
16. September 2017, 04:40

Sie ist etwa gleich alt wie die Zunft zu Safran und älter als die Bruderschaft der Herrgottskanoniere Luzern. Die Rede ist von der Gesellschaft der Herren zu Schützen. Was für ein Name! Was für eine Geschichte aber auch! Heute ist für die Herren zu Schützen ein Freudentag. Denn sie feiern mit einem Fest die Weihe ihrer neuen Fahne.

Der Ursprung der Gesellschaft reicht ins 14. Jahrhundert zurück. Sie war damals – durchaus kriegerisch – die Vereinigung der Luzerner Elitetruppen der Armbrustschützen. 1451 vereinigte sich die Gesellschaft zu Schützen mit der Gesellschaft «zum Affenwagen» der Luzerner Kaufleute (auch Herrenstube genannt) und 1518 mit der St.-Sebastians-Bruderschaft.

Mitglied wird man nur «auf Vaters Schild»

Mehr als vierhundert Jahre lang bestimmten die Herren zu Schützen die Geschicke des Stadtstaates Luzern. «Sie waren eine ­militärische Organisation, informeller Zusammenschluss der städtischen Oberschicht, heimliche Stadtregierung und Zentrum bürgerlicher Geselligkeit», schreibt der Historiker Valentin Groebner in einem 2016 erschienenen Buch. Später entwickelten sie sich «zu einer Patriziergesellschaft, die über die Jahrhunderte immer mehr zu einem ‹Netzwerk› einiger weniger einflussreicher Familien wurde».

Das ist bis heute so geblieben. «Mitglied wird man ‹auf Vaters Schild›», wie es der heutige Stubenherr (Vorsteher der Gesellschaft) Jean-Pierre Kilchmann formuliert. Das heisst, dass man nur als Nachkomme eines Gesellschafters selber Mitglied werden kann. «Wer einheiratet, wird zunächst ‹Zugewandter› und kann nach fünf Jahren ordentliches Mitglied werden.» Auch Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft mit Beziehung zu Stadt und Kanton Luzern können «zugewandte» Mitglieder werden.

Das gesellige Zusammensein ist bis heute Hauptzweck der Gesellschaft. Dazu kommt – als Hommage an die Anfänge – die Pflege des Schiesswesens. «Einmal im Jahr gehen wir im Schiessstand Selgis im Muotathal schiessen», sagt Kilchmann (76), von Beruf Rechtsanwalt. 175 Mitglieder hat die Gesellschaft heute. «Wir sind in den letzten Jahren gewachsen.» Man habe erfreulicherweise auch viele jüngere Mitglieder. Zwei Drittel der Mitglieder müssen Stadtluzerner sein. Frauen sind nicht zugelassen. «Sie sind aber stark in unser Gesellschaftsleben integriert.»

Schon früh hatte die Gesellschaft ein Lokal für «Geselligkeit, Spiel und Unterhaltung», zunächst am Metzgerrainle, danach am Fischmarkt im Gebäude des heutigen Hotels des Balances. 1807 erwarb die Gesellschaft das 1709 im Barockstil errichtete Sommerpalais von Franz Ludwig von Wyher, Generalleutnant in königlich französischen Diensten, Topograf und Ersteller des grossen Reliefs der Urschweiz. Es blieb bis heute das Gesellschaftshaus der Herren zu Schützen.

Das Palais kann man mieten

Das herrschaftliche Gebäude am Löwengraben 24 – inklusive eines prachtvollen Ballsaals – kann man für private Anlässe mit bis zu 160 Personen mieten. Den ganzen Palast gibt’s für 2390 Franken pro Anlass, das Erdgeschoss mit Gesellschaftsstube für 980 Franken, das Obergeschoss mit Salon und Ballsaal für 1590 Franken. «Es dürften ruhig noch mehr Nutzer kommen», sagt Kilchmann. Die Gesellschaft ist auf die Einnahmen angewiesen. Die Instandhaltung des Palais kostet gemäss Kilchmann jährlich 50000 bis 80000 Franken.

Und jetzt also erhält die Gesellschaft eine neue Fahne. «Die alte war über 100-jährig und nicht mehr zu gebrauchen», sagt Kilchmann. Das Sujet bleibt das gleiche: Eine Armbrust über zwei gekreuzten Büchsen auf blau-weiss geteiltem Hintergrund. Gestaltet hat die neue Fahne – sie besteht aus reiner Seide – Rudolf Fischer (89), ehemaliger CVP-Grossstadtrat und Grossstadtratspräsident.

Das Wappen wurde im Lauf der Jahrhunderte diverse Male verändert. Die älteste noch existierende Schützenfahne, die sich heute im Historischen Museum Luzern befindet, zeigt die beiden Waffentypen je auf einer Seite derselben Fahne. Eine ähnliche Fahne ist in der Luzerner Bilderchronik des Diebold Schilling abgebildet. Die dortige Abbildung zeigt den Auszug der Luzerner 1475 nach Grandson VD.

 

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Hinweis: Fahnenweihe ist am Samstag um 10.30 Uhr in der Franziskanerkirche. Um 11.30 gibt es ein Platzkonzert auf dem Franziskanerplatz. Danach wird die Fahne in einem Umzug via Mühlenplatz zum Gesellschaftshaus der Herren zu Schützen am Löwengraben 24 geführt.


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