Neue «Wohnstätte» für das Göttliche

EMMENBRÜCKE ⋅ Es war eine für die Schweiz seltene religiöse Zeremonie: Mit aufwendigen Ritualen ist der dritte Hindu-Tempel der Zentralschweiz eröffnet worden. Geweiht ist er der Göttin Sri Rajarajeswary.
Aktualisiert: 
16.06.2017, 10:00
09. Juni 2017, 08:11

Benno Bühlmann

redaktion@luzernerzeitung.ch

Es ist Donnerstag, 17 Uhr. Mitten im Industriegebiet an der Emmenweidstrasse in Emmenbrücke sind auf der Strasse mehrere tamilische Frauen mit roten Punkten auf der Stirn und farbenfrohen Sari-Gewändern unterwegs, einige von ihnen haben auch kleine Kinder dabei.

Zu diesem Zeitpunkt wird nirgends eine tamilische Hochzeit gefeiert – die festliche Kleidung hat einen anderen Grund: Die gläubigen Hindus möchten gerne bei einem aussergewöhnlichen Ritual dabei sein, das vor der Eröffnung des dritten Hindu-Tempels in der Zentralschweiz begangen wird. Doch selbst für Ortskundige ist es ein schwieriges Unterfangen, die gesuchte Destination ausfindig zu machen, denn von aussen ist der neue Tempel als solcher nicht erkennbar.

Ein typischer Hinterhof-Tempel

Der Tempelraum befindet sich im Obergeschoss eines Gewerbe­gebäudes, wo ansonsten nur die Firmenschilder einer Bauunternehmung, einer Logistikfirma, einer Tanzschule und eines Elektroinstallationsgeschäftes zu sehen sind. Der Hindu-Priester entschuldigt sich für die unfreiwillige «Odyssee», die einige Besucher auf ihrer Anreise bewältigen mussten: «Wir hatten leider noch keine Zeit, den Eingang unseres neuen Tempels mit einer Tafel zu kennzeichnen.»

Beim Betreten der Innenräume wird indes bald klar, dass es sich um einen Sakralraum besonderer Art handelt. Der erste optische Eindruck ist überwältigend: Auf einer Fläche von 330 Quadratmetern stehen elf farbig-opulent dekorierte Götterschreine, die wenige Tage später als neue «Wohnstätte» für zahlreiche Götterstatuen (murti) dienen werden. Unzählige Opfergaben, Kokosnüsse, Blumengirlanden und Gefässe mit heiligem Wasser, das für die Einweihungszeremonie eigens vom Ganges nach Emmenbrücke gebracht wurde, stehen für die Einweihung bereit. Bis es so weit ist, können gläubige Hindus noch bei einer Handlung mitwirken, die sonst den Priestern vorbehalten ist: das Berühren der Götterbilder und das Einreiben mit Milch.

Einspeisung der göttlichen Energie

«Bei der Tempeleinweihung ist es für uns Hindus sehr wichtig, das Wasser der heiligen Flüsse über alle Altäre zu giessen und so unseren Tempel mit kosmischer Energie auszustatten», erklärt der Luzerner Hindu-Priester Saseetharen Ramakrishna Sarma, der bereits im Jahr 2000 in Gisikon-Root den ersten Hindu-Tempel der Zentralschweiz eingeweiht hatte. Für die knapp 3000 tamilischen Hindus in der Innerschweiz sei es von Vorteil, wenn in Zukunft noch ein weiterer, nahe gelegener Tempel zur Verfügung stehe, zumal viele von ihnen in Emmenbrücke und Umgebung zu Hause seien, betont Ramakrishna.

Für eine ordnungsgemässe Einweihung hat er einen für diese Aufgabe qualifizierten Oberpriester aus Toronto (Kanada) eingeflogen, der zusammen mit weiteren Priestern aus Deutschland für die Zeremonie verantwortlich ist.

Normalerweise sollte bei der Einweihung eines neuen Tempels auch eine Kuh anwesend sein, die im Hinduismus als heiliges Tier verehrt wird. Der Luzerner Hindu-Priester hat in den vergangenen Jahren allerdings lernen müssen, dass in der Diaspora Kompromisse unumgänglich sind: «Da wir die Kuh nicht mit dem Lift ins Obergeschoss bringen konnten, begnügten wir uns diesmal mit der Verehrung einer kleinen Statue.»

Astrologisch genau berechneter Zeitpunkt

Auch Martin Baumann, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Luzern, verfolgt vor Ort die Rituale mit grossem Interesse und erklärt auch die Hintergründe der Namensgebung des neuen Sakralraumes: «Der neue tamilisch-hinduistische Tempel ist der Göttin Rajarajeswary, der ‹Königin der Könige›, geweiht, die dem Hindu-Glauben zufolge weltliche und überweltliche Kräfte in sich vereint, der gütigen Herrscherin, die über alles regiert.»

Die Einweihung eines neuen Tempels sei ein sehr komplexes Geschehen, das sich meistens über mehrere Wochen hinziehe und dessen Hauptzeremonien sehr genau auf das Horoskop abgestimmt werden müssten: «Das war am Pfingstsonntag die astrologisch berechnete Zeit zwischen 10.47 und 11.55 Uhr.» Bei diesem «glücksverheissenden» Ereignis seien zahlreiche tamilische Gläubige anwesend, um erstmals die inthronisierte Göttin Sri Rajarajeswary in ihrem grossen Schrein zu sehen und von ihr «segnend» gesehen zu werden. «Die Rituale, welche die Priester vier Tage zuvor mit der Zeremonie der Augenöffnung, den feierlichen Feuerzeremonien (homa) und dem Einlegen von Silberplättchen mit eingeritzten symbolischen Darstellungen der Göttin begonnen hatten und noch weitere elf Tage andauern, haben im Verständnis der Hindus das Göttliche in die neue ‹Wohnstätte› herbeigerufen», kommt Martin Baumann zum Schluss.

Hinweis

In der Zentralschweiz gibt es gegenwärtig drei tamilische Hindu-Tempel: den Sri-Thurkkai-Amman-Tempel in Gisikon-Root, den Sri-Sithivinayagar-Tempel in Baar und nun den Sri-Rajarajeswary-Amman-Tempel in Emmenbrücke.

Video: Neuer Hindu-Tempel in Emmenbrücke

Mit aufwendigen Ritualen ist in Emmenbrücke der dritte Hindu-Tempel der Zentralschweiz eröffnet worden. Unser Video liefert einen Einblick in die Einweihungszeremonie und eine Einschätzung von Martin Baumann, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Luzern. (Benno Bühlmann, )




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