Statt Sterbehilfe: Luzerner Heime bevorzugen palliative Pflege

LEBENSENDE ⋅ Rund ein Drittel der Luzerner Heime erlaubt Sterbehilfe, bevorzugt jedoch die palliative Pflege. Einige sagen sogar, dass der Sterbewunsch mit ausreichend Zuwendung nachlässt.
29. Januar 2018, 05:00

Martina Odermatt

martina.odermatt@luzernerzeitung.ch

Sterbehilfe: Ein so komplexes wie kontroverses Thema. Exit und Dignitas prägen die Gespräche. Sollen Menschen selber entscheiden können, wann und wie sie aus dem Leben scheiden? Mit dieser Frage beschäftigen sich gezwungenermassen auch immer öfter Alters- und Pflegeheime. Dass die Meinungen dazu auseinandergehen, ist nachvollziehbar.

Eine anonymisierte Umfrage bei Luzerner Heimen durch Curaviva, den Verband der Alters- und Pflegeheime, zeigt nun: Ungefähr ein Drittel der Institutionen ist gegen die Sterbehilfe und zeigt sich auch nicht offen für Gespräche. Bei einem weiteren Drittel wird dieses Thema momentan intern wegen des öffentlichen Drucks besprochen. Ein Drittel der Institutionen erlaubt die Sterbehilfe bereits – jedoch unter klaren Auflagen.

Solche sind für Roger Wicki, Präsident von Curaviva Luzern, ein zentrales Element. «Wir empfehlen, dass jedes Haus diese Entscheidung für sich selber trifft und sie den Bewohnern beim Eintritt transparent kommuniziert.» Nicht jeder Bewohner wolle in einem Haus wohnen, das Sterbehilfe akzeptiert. Und das, obwohl die Anzahl mit Exit aus dem Leben geschiedener Personen noch immer relativ tief ist (siehe Box). Denn der Aufwand ist gross. Ist die Person gestorben, kommen Staatsanwaltschaft und die Polizei von Amtes wegen in das Heim. Sie überprüfen, ob alles im Rahmen der rechtlichen Vorschriften abgelaufen ist. Auch ein Arzt kommt vor Ort sowie ein Bestatter.

Heime, so der Tenor aus der Umfrage, seien das Zuhause der Bewohner und sollen dies auch weiterhin bleiben. Dieser Meinung ist auch Exit. Sprecherin Muriel Düby sagt aber auch: «Es darf nicht sein, dass jemand sein Daheim verlassen muss, wenn er mit einer Freitodbegleitung aus dem Leben scheiden will.» Doch sie sagt auch, dass viele Heime offener geworden seien gegenüber diesem Thema und die Selbstbestimmung der Bewohner respektieren.

Angenehmes und schmerzfreies Lebensende

Äussert jemand den Wunsch nach einer Sterbebegleitung, kann das Angehörige aufwühlen. Doch auch für die Pflegepersonen sei es nicht einfach, wenn ihre Bewohner einen Sterbewunsch hegen. «Sie haben dann vielleicht das Gefühl, versagt zu haben und den Menschen das Leben mit der Pflege nicht angenehm genug gemacht zu haben», sagt Wicki.

In vielen Alters- und Pflegeheimen ist die Devise deshalb «palliative Pflege.» Den Bewohnern soll das Lebensende damit möglichst angenehm und schmerzfrei gemacht werden. Die Leiden sollen bestmöglich gelindert und die Lebensqualität in jeglicher Hinsicht bis ans Lebensende erhalten werden. Bereits 2009 haben Bund und Kantone eine nationale Strategie dazu lanciert, mit dem Ziel, Palliative Care gemeinsam mit den wichtigsten Akteuren aus Gesundheit, Bildung, Forschung und Sozialwesen schweizweit zu verankern.

Intensive Begleitung statt Exit

Dass dieses Konzept an Wichtigkeit gewonnen hat, zeigt sich in der Umfrage denn auch deutlich. «Unsere Philosophie ist, etwas mehr Zuwendung und Liebe der Apparatemedizin entgegenzuhalten», schreibt etwa ein Heim und kommt zum Schluss: Das Interesse der Bewohner an begleiteter Sterbehilfe nehme zu, aber bei guter Aufklärung und auch Bereitschaft, mehr zu investieren als üblich, sei der Wunsch nach Exit oft nicht mehr der gleiche.

So hätten in den letzten 24 Jahren drei Personen den Wunsch nach Sterbehilfe geäussert. Durch intensive Begleitung, Gespräche und Telefonate mit Angehörigen, die sogar über die Landesgrenzen hinaus gingen, sei es nie nötig gewesen, Exit dann wirklich einzuschalten. Auch sieht ein Heim einen Widerspruch, palliative Pflege umzusetzen und gleichzeitig die Möglichkeit der Sterbehilfe anzubieten.

Verabreichung von Medikamenten unterlassen

Laut Roger Wicki von Curaviva gibt es nebst diesen beiden aber noch eine andere Möglichkeit. «Wir besprechen mit den Bewohnern, was ihnen Sorge bereitet oder was Ihnen Angst macht.» Palliative Pflege heisse auch, bewusst etwas nicht zu tun: zum Beispiel, gewisse Medikamente nicht mehr zu geben, ein Antibiotikum nicht mehr zu verabreichen oder eine Hospitalisation nicht mehr durchzuführen. «Natürlich ist die Urteilsfähigkeit des Bewohners hierzu zwingend notwendig», sagt Wicki.

Darüber hinaus habe die Person immer und jederzeit das Recht, ihre Meinung und Haltung zu ändern. «Es ist wichtig, dass wir im Gespräch herausfinden, was die Person sich wünscht, um sie so entsprechend im Rahmen unserer Möglichkeiten beraten und unterstützen zu können.» Es gehe in erster Linie darum, das Leiden zu lindern – egal, ob das Angst, Schmerzen oder etwas anders sei.


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