Polizeispitze steht am Montag vor Gericht

LUZERN ⋅ Bei einem Einsatz in Malters ist im März 2016 eine Frau umgekommen – sie erschoss sich selbst. Die Staatsanwaltschaft wirft der Einsatzleitung fahrlässige Tötung vor. Sie soll den Tod der psychisch kranken Frau in Kauf genommen haben.
18. Juni 2017, 05:00

Lena Berger

lena.berger@zentralschweizamsonntag.ch

Noch selten wurde ein Gerichtsprozess im Kanton Luzern mit so viel Spannung erwartet wie das Verfahren gegen den Polizeikommandanten Adi Achermann und Kripochef Daniel Bussmann. Der Fall steht am Montag auf der Traktandenliste. Aufgrund des grossen Medieninteresses wird die Verhandlung nicht im zuständigen Bezirksgericht Kriens stattfinden, sondern im grösseren Saal des Kantonsgerichts.

Worum geht es? Im März 2016 wollte die Luzerner Polizei im Auftrag der Zürcher Kantonspolizei eine Hausdurchsuchung in Malters durchführen. Die Kollegen vermuteten dort die Hanfanlage eines Verdächtigen, den sie festgenommen hatten. Die Polizisten gingen davon aus, dass die Wohnung bei der Lochmühle leer sein würde. Sie trafen dort jedoch auf die Mutter des Verhafteten, die ihnen den Zutritt verwehrte. Die 65-Jährige war bewaffnet und drohte damit, sich oder die Polizisten umzubringen. Mit einem Warnschuss machte sie deutlich, dass sie es ernst meint.

Was folgte, waren stundenlange Verhandlungen mit der Frau, die forderte, mit ihrem verhafteten Sohn sprechen zu können. Wie sich herausstellte, litt sie an paranoider Schizophrenie und befürchtete, wieder in eine psychiatrische Klinik eingewiesen zu werden.

Feuerwerk sollte die Frau im richtigen Moment ablenken

In den frühen Morgenstunden des 9. März übernahm Kripochef Daniel Bussmann die Einsatzleitung. Er beauftragte das Team, verschiedene Varianten auszuarbeiten, wie man vorgehen könnte. Letztlich entschied er sich für ein – aus Sicht des ausserordentlichen Staatsanwalts Christoph Rüedi – äusserst gewagtes Manöver. Man plante in die Wohnung einzudringen, während die Frau durch ein Gespräch mit der Verhandlungsgruppe ans Telefon gebunden sein würde. Man rechnete damit, dass sie sich zu dem Zeitpunkt auf der Rückseite der Wohnung befindet und keine Waffe in der Hand hat. Also wollte man sie mit einem Feuerwerk ablenken und zeitgleich mit der Detonation die Wohnungstür aufbrechen. Ein Interventionshund sollte die Frau dann sofort bewegungsunfähig machen. Polizeikommandant Adi Achermann stimmte diesem Plan zu und übernahm für die Durchführung ausdrücklich die Verantwortung.

Das Vorhaben scheiterte jedoch. In dem Moment, in dem die Türe aufgebrochen wurde, erschoss sich die Frau im Bad der Wohnung mit einem Revolver.

Polizisten der Gefahr eines Schusswechsels ausgesetzt

Wie «Schweiz aktuell» diese Woche berichtete, ist Staatsanwalt Christoph Rüedi der Ansicht, dass die Einsatzleitung mit diesem Suizid «hätte rechnen können und müssen», wie die SRF-Sendung aus der Anklageschrift zitiert. Dies nicht nur, weil bekannt war, dass die Frau an diesem Morgen einen psychotischen Schub erlitten hatte. Der Erfolg der Aktion habe zudem von zahlreichen Bedingungen abgehangen: der Bindung ans Telefon, dem Aufenthalt im hinteren Teil der Wohnung, dem Gelingen des Ablenkungsmanövers sowie dem rechtzeitigen Zugriff des Hundes. Aus Sicht von Rüedi hätte den Verantwortlichen bewusst sein müssen, dass das Unternehmen scheitern würde, wenn auch nur eine dieser Voraussetzungen nicht erfüllt ist. Dennoch habe man sich für das Risiko entschieden und damit auch die Polizisten der Gefahr eines Schusswechsels ausgesetzt – und dies ohne ernsthaft Alternativen zu einer Intervention zu prüfen.

Solche hätte es gegeben. Man hätte den Sohn beiziehen, die Gespräche weiterführen, der Frau Bedenkzeit einräumen oder zumindest noch etwas abwarten können, wie der Anwalt des Sohnes in «Schweiz aktuell» aus der Anklageschrift zitiert. «Ohne Intervention wäre der Suizid vermeidbar gewesen», heisst es dort zudem. Doch man habe diesen trotz Warnungen des Polizeipsychologen in Kauf genommen.

In der Verhandlung am Montag werden sich Adi Achermann und Daniel Bussmann erstmals persönlich zu den Vorwürfen äussern und ihre Sicht der Ereignisse schildern können. Bislang hat die Öffentlichkeit nicht erfahren, wie sie sich dazu stellen. Bekannt ist lediglich, dass die beiden die Vorwürfe bestreiten und geltend machen, der Polizeieinsatz sei verhältnismässig gewesen und rechtmässig abgelaufen. Nun werden sie vom Gericht befragt, und die Argumente der Verteidigung werden mit Spannung erwartet. Denn auch wenn im letzten Jahr ausführlich über die Vorwürfe berichtet wurde, gilt in diesem Fall wie in jedem anderen die Unschuldsvermutung, wie auch der zuständige Regierungsrat Paul Winiker mehrfach betonte.

Der Staatsanwalt fordert eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung. Sie sollen mit einer bedingten Geldstrafe und einer Busse bestraft werden.

Hinweis

Die «Luzerner Zeitung» berichtet am Montag aktuell über den Prozess. Sie finden den Bericht unter www.luzernerzeitung.ch

  • KEYSTONE

Am Montag, 19. Juni, steht der Luzerner Polizeikommandant Adi Achermann vor Gericht. Er muss sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Wir haben eine Übersicht zusammengestellt, die zeigt, welche Polizeikommandanten schon das gleiche Los hatten, das nun Adi Achermann drohte.


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