Luzerner Pyro-Opfer bleibt auf Kosten sitzen

JUSTIZ ⋅ Der Geschädigte des Luzerner Pyro-Wurfs findet keine Ruhe: Seine Unfallversicherung will die Folgeschäden des Zwischenfalls nicht zahlen. Jetzt drohen die nächsten Verhandlungen vor Gericht.
07. Februar 2018, 18:35

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Es ist der 21. Februar 2016, 16 Uhr: Der FC St. Gallen ist zu Gast für das Super-League-Spiel gegen den FC Luzern. Kurz nach Anpfiff fliegen vier Feuerwerkskörper durch die Luft, einer explodiert auf dem Rasen der Swissporarena. Geworfen hatte ihn ein Fan aus dem St. Galler Sektor. Gut 20 Meter entfernt sitzt ein 50-jähriger Mann aus dem Kanton Luzern. Es ist der Moment, der sein Leben verändern wird.

Vom Knall trägt der Mann schwere Gehörschäden davon. Auf dem linken Ohr ist er praktisch taub, zudem hat er mit einem Tinnitus zu kämpfen. Im August 2017 verurteilt das Bundesstrafgericht Pyrowerfer S.T. aus Herisau zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten. 8 Monate davon hat er abzusitzen. Dem Opfer muss er eine Genugtuung von 12 000 Franken entrichten. Der Beschuldigte geht nicht darauf ein, zieht den Fall weiter ans Bundesgericht.

«Ich kann es nicht verstehen»

Als bekannt wird, dass der Fall in eine nächste Runde geht, sagt der Anwalt des Opfers: «Mein Klient will einen Schlussstrich ziehen, seinen Seelenfrieden finden und die Geschichte hinter sich lassen.» Das war im Oktober 2017. Sein Seelenfrieden bleibt dem Mann aus Luzern aber auch weiterhin verwährt. Denn sein Unfallversicherer will die Folgekosten des Pyrowurfs – also Kosten für die Behandlung oder für Hörgeräte – nicht übernehmen. Das berichtet am Mittwoch der «Blick». Sämi Meier, der Anwalt des Opfers, bestätigt die Informationen auf Anfrage unserer Zeitung: «Mein Klient fühlt sich vor den Kopf gestossen. Jahrelang hat er seine Prämien bezahlt – und wenn er dann die Versicherung einmal braucht, zahlt sie nicht.» Und das Opfer selber sagt: «Ich kann es einfach nicht verstehen. Was kann ich dafür, wenn ich an ein Fussballspiel gehe und dann so etwas passiert?»

Beim Versicherer handelt es sich um die Swica. Angesprochen auf die verwehrten Zahlungen will diese keine konkrete Stellung nehmen, verweist auf das laufende Verfahren. Dennoch sagt Sprecherin Silvia Schnidrig: «Gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts gilt ein Knalltrauma nur dann als Unfall, wenn eine Schallimmission von mindestens 160 Dezibel zur Schädigung führt. Dies war vorliegend nicht der Fall.»

In einem Schreiben der Versicherung an das Opfer, das unserer Zeitung vorliegt, führt sie das gleiche Argument ins Feld. Darin bezieht sich die Swica auf ein Gutachten, welches die Bundesstaatsanwaltschaft in Auftrag gegeben hatte. Der Experte gelangte darin zur Erkenntnis: Der Böller erreichte einen Schallpegel von etwas mehr als 112 Dezibel, die an das Ohr des Opfers gelangt sind. Deshalb, so die Swica, sei nicht sie zuständig sondern die Krankenkasse des Pyro-Opfers. «Das Gutachten ist widersprüchlich und beruht auf offensichtlich falschen Annahmen des Gutachters», sagt Anwalt Meier. Weiter fragt er sich: «Was soll es denn sonst gewesen sein als ein Unfall? Ja wohl kaum eine Krankheit, oder?» Für ihn ist klar: Sein Mandant muss für sein Recht kämpfen. Deshalb haben Meier und sein Mandant die Verfügung der Versicherung angefochten. Die Einsprache liegt derzeit bei der Rechtsabteilung der Swica. «Geht diese nicht darauf ein», sagt Meier, «werden wir damit ans Kantonsgericht gehen.»

Opferhilfe verwehrt Beitrag

Und es steht ein weiterer Konflikt im Raum: Weil Pyrowerfer S.T. den Fall weiterzieht, erheben auch Meier und sein Klient Beschwerde gegen das Bundesstrafgerichtsurteil. Sie wollen eine höhere Genugtuung als die 12 000 Franken erstreiten. Zudem gehen sie die Luzerner Opferhilfe an. Dort wollen sie einen Beitrag für die Anwaltskosten sowie für allfällige Gerichtskosten erwirken. Die Opferhilfe aber winkt ab. «Ein Weiterzug des Urteils des Bundesstrafgerichts ans Bundesgericht (...) erscheint aus Sicht der Opferhilfe (...) als unangemessen», schreibt die Behörde im November 2017. Doch auch diesen Entscheid wollen Meier und das Pyro-Opfer anfechten. Dies jedenfalls sagt Rechtsanwalt Meier.

Weniger kämpferische Töne schlägt das Opfer an: «Lange mag ich diesen Weg nicht mehr gehen. Ich möchte, dass es endlich ein Ende hat.» Zudem gehe es ihm nicht ums Geld, sondern ums Prinzip: «Es kann ja nicht sein, dass ein anderer einen Fehler macht und ich dann darunter zu leiden habe.» Wie es mit dem Fall weitergeht, bleibt offen. Das Dossier liegt in Lausanne.


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