Rund um die Uhr ein offenes Ohr für die Luzerner Bauern

LANDWIRTSCHAFT ⋅ Das Bäuerliche Sorgentelefon wird 20 Jahre alt, nur wenig jünger ist das Luzerner Angebot «Offeni Tür i de Not». Telefonistin Margrit Kottmann (60) aus Ohmstal sagt, was die Leute auf dem Land beschäftigt und wie sie ihnen hilft.
07. Oktober 2017, 05:00

Interview: Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

Margrit Kottmann, wann sind Sie für die Sorgen der Zentralschweizer Bauern erreichbar?

Immer, rund um die Uhr. Die Anrufe werden auf mein Handy umgeleitet. Drei Wochen pro Monat bin ich zuständig, eine Woche ist es meine Kollegin Lisbeth Wicki aus Triengen. Feuerwehrübungen mitten in der Nacht hat es aber noch keine gegeben.

Wie viele Anrufe erhalten Sie?

Mal sind es drei pro Woche, manchmal gar keine. Im Jahr sind es zirka 75 Anrufe. Zuletzt blieb dieser Wert in etwa konstant.Eher wenig genutzt wird E-Mail.

Früher waren die Telefonistinnen anonym. Warum hat sich das geändert?

Vor Jahren erhielten wir einen Preis der Albert-Koechlin-Stiftung, wir waren mit Bild in der Zeitung. Danach machte es keinen grossen Sinn mehr, die Anonymität aufrechtzuerhalten. Mittlerweile zeigt sich: Es ist besser, wenn ich meinen Namen nennen kann. Das schafft Nähe.

In den Kantonen Waadt und Thurgau nahmen sich mehrere Bauern das Leben. Bauernpfarrer Pierre-André Schütz sagt: «Die Verzweiflung auf dem Land wird völlig unterschätzt. Wenn wir nicht helfen, sterben Menschen.»

Die Verzweiflung ist wirklich gross. Der Bauer ist es sich seit Generationen gewohnt, dass gewisse Dinge funktionieren und andere nicht. Dafür fühlt er sich verantwortlich, das hat er auszuhalten. Der Leidensdruck kann so enorm hoch werden. Während andere Leute längst Hilfe angenommen haben, zögert der Bauer, weil es für ihn ein Zeichen der Schwäche ist. Hinzu kommt: Früher konnte man beim Chäsigang oder in der landwirtschaftlichen Genossenschaft über Gott und die Welt diskutieren. Viele dieser sozialen Kontakte sind weggefallen, die Bauern machen meditativ ihre Arbeit und reflektieren ihr Leben nicht. Ihnen fehlt dann die Kraft, um etwas zu ändern.

Haben Sie auch mit Suizid-Gefährdeten zu tun?

Nein. Allerdings rufen uns Frauen an, die sich Sorgen um ihren depressiven Mann machen. Das geht dann Richtung Burn-out. Oder die Männer sind sofort auf hundert, weil sie überfordert sind.

Was überfordert sie?

Die Belastung mit den Veränderungen des Direktzahlungssystems. Es braucht viele Formalitäten. Der Bauer wird vom Unternehmer zum Bittsteller, er fühlt sich beobachtet, und das nagt an seinem Selbstbewusstsein.

Wie gehen Sie vor, wenn jemand anruft?

Meist sind es mehrere Themen – Finanzen, Beziehung, Arbeitsdruck. Wir schauen, wo Handlungsbedarf besteht. Manchmal möchten sich die Leute einfach den Kummer von der Seele reden. Wenn nötig, vermitteln wir einen Betriebsberater, den Psychologen oder einen Rechtsberater. Wer sich dies nicht leisten kann, erhält eine Anschubfinanzierung.

Welche Sorgen sind aktuell?

Da Bauernfamilien kleiner werden und viele wegziehen, hören wir weniger über Schwiegermütter und Schwiegertöchter (schmunzelt). Insgesamt sind die Probleme reichhaltiger geworden. Neben der Bürokratie sind es Beziehungssorgen und Hofübergaben. Die Eltern sind 25 Jahre verheiratet, die Kinder ausgeflogen und nun fragen sich beide, was sie miteinander anfangen sollen. Das ist bei anderen Menschen zwar auch so, doch für Bäuerinnen waren Beruf und Privatleben nicht getrennt. Geht sie weg, hinterlässt sie viel Elementares und muss meist mit wenig Geld ein neues Leben aufbauen.

Gab es einen Fall, den Sie besonders beschäftigte?

Mich rief eine Frau an, deren Sohn sich umgebracht hat. Er hätte den Hof übernehmen sollen. Sie hatte keine Lebenslust mehr. Jahre später rief sie mich an und berichtete, dass sie wieder Freude am Garten und am Setzen von Blumen habe. Sie bedankte sich für meine Worte, ich hätte damals wie eine Mutter zu ihrem Kind gesprochen. Ich weiss nicht mehr, was ich sagte, doch ich fühlte mich in ihren Schmerz hin­ein. In das Gefühl, einem Menschen das Leben zu schenken und dann zu erleben, wie er es sich selber wieder nimmt. In solchen Gesprächen bin ich voll präsent, das ist eine wunderbare Gabe. Für Kinder und Menschen, die an den Rand gedrängt werden, habe ich mich schon immer eingesetzt.

Auf welche Weise noch?

Ich war 20 Jahre Religionslehrerin. Ich habe vier eigene Kinder und zwei Pflegekinder, die auch einen riesigen Rucksack mit Sorgen tragen. Aktuell gebe ich Deutschunterricht für Ausländer in der Schule und im Kindergarten von Wauwil.

Und Sie waren selber auch Bäuerin, wissen über die Branche Bescheid.

Zusammen mit meinem Mann habe ich während 25 Jahren in Oberkirch Milchwirtschaft betrieben und auch Freilandpoulets produziert. Es ist sehr wichtig, dass das Gegenüber am Telefon merkt, dass ich eine Ahnung vom Bauern habe. Ich kann die Leute gut verstehen und begegne ihnen auf der Gefühlsebene. Dann höre ich oft: «So ist es!» Auf diese Weise gebe ich dem Leid ein Sprachrohr.


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