«Berufseinbrecher» sagt: Gefängnis in Kriens ist lukrativer als Arbeit in Rumänien

LUZERN ⋅ Einbrechen ist sein Beruf: Mehr als 40-mal ist ein Mann innerhalb weniger Wochen in Häuser eingestiegen – und hat so 45'000 Franken erbeutet. Freiheitsstrafen haben ihn bislang nicht von seinem Tun abgehalten. Er sagt offen, weshalb.
08. Oktober 2017, 05:00

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Offiziell ist er Schreiner. Das hat er in seiner Heimat jedenfalls gelernt. Seine wahre Profession ­allerdings ist das Einbrechen. In diesem «Berufszweig» hat der Mann mit seinen 34 Jahren eine beachtliche Karriere hingelegt.

Einmal mehr musste er sich deshalb letzte Woche vor dem Luzerner Kriminalgericht verantworten. In knapp sechs Wochen hat er letztes Jahr über 40 Einbrüche verübt. Coiffeurläden, Hundesalons und Nagelstudios waren seine liebsten Ziele. Über 45 000 Franken hat er erbeutet.

Der Rumäne ist ein alter Bekannter für die Behörden. Erstmals musste er 2010 wegen Einbrüchen sechs Monate ins Gefängnis. Wenige Monate nach der Entlassung kehrte er zurück und wurde 2012 erneut wegen gewerbsmässigen Diebstahls zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Als er rauskam, wurde er ausgeschafft, reiste aber kurze Zeit später wieder illegal ins Land und ging erneut auf Einbruchstour.

Angesichts solcher Unbelehrbarkeit ist im Gerichtssaal eine gewisse Ratlosigkeit zu spüren. Der Mann ist zwar geständig und beteuert seine Reue – doch es fällt den Richtern schwer, ihm zu glauben. «Sie standen schon mal vor diesem Gericht. Wenn ich mich richtig erinnere, haben Sie da genau das Gleiche erzählt. Dass Sie es jetzt kapiert hätten und so weiter. Was sagen Sie dazu?», will der vorsitzende Richter in strengem Ton wissen. «Ich habe diese Sachen damals zwar gesagt, es aber nicht so gemeint», räumt der Mann ein. Das sei nun aber anders. Als er Rumänien verlassen habe, sei er noch «ein Kind im Kopf» gewesen und habe das Unrecht nicht eingesehen. Jetzt habe er gemerkt, dass es so nicht weitergehe. Ein skeptisches «Mmm-hmm» ist seitens des Richters die Reaktion darauf. Er lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Beschuldigte auf ihn den Eindruck eines unbelehrbaren Berufskriminellen macht.

Wie ist der Mann so geworden? Sein Lebenslauf ist unspektakulär. Geboren wurde er in einer rumänischen Stadt mit 85 000 Einwohnern. Dort lebte er bis zu seinem 17. Lebensjahr mit seinen Eltern und seinen fünf Geschwistern. Er machte eine dreijährige Schreinerlehre, arbeitete während 11/2 Jahren auf diesem Beruf und jobbte danach als Küchenhilfe und auf dem Bau in Rumänien, Italien, Deutschland und Österreich. Seine Jugendzeit sei «mittelmässig» gewesen, sagt er. Sein Vater habe getrunken. Vor seiner Verhaftung wohnte er mit seiner Freundin in seinem Elternhaus. Dort betrieb er Landwirtschaft für den Eigenbedarf. Darüber hinaus arbeitete er nicht.

Die finanzielle Not war sein Motiv

Der Mann selber gibt an, die Einbrüche wegen der schlechten Einkommenssituation in Rumänien gemacht zu haben. In dieser Situation befinden sich jedoch auch viele andere, die deshalb nicht stehlen. Warum begeht dieser Mann trotz Gefängnisstrafen immer wieder Straftaten? Einen unerfreulichen Erklärungsansatz liefert einer der Mitrichter in der Verhandlung. Auf seine Nachfrage bestätigt der Beschuldigte, dass er hier im Gefängnis mehr verdient, als wenn er in Rumänien Vollzeit arbeiten würde. Die Botschaft ist klar: «sauber» zu bleiben, lohnt sich für ihn nicht.

Gemäss dem europäischen Job-Netzwerk Eures liegt der durchschnittliche Nettoverdienst in Rumänien bei 554 Franken. Wie viel der Mann im Grosshof für seine Arbeit im Hausdienst verdient, wird mit Verweis auf das Amtsgeheimnis nicht kommuniziert. Bekannt ist aber: Durchschnittlich bekommt ein Gefangener im Grosshof 26 Franken pro Tag für seine Arbeit. Das macht im Monat rund 572 Franken. Nach eigenen Angaben schickt der Mann seinen Lohn an seine Familie in Rumänien.

Liegt hier ein systematischer Fehlanreiz vor, oder handelt es sich um einen Einzelfall? Die Frage ist schwer zu beantworten, weil solche Fälle nicht statistisch erfasst werden. Gemäss Gino Lohri, als stellvertretender Dienststellenleiter für den Justizvollzug in Luzern zuständig, ist es aber «möglich, dass das Arbeitsentgelt höher ist als ein allfälliges Arbeitseinkommen im Ausland». Denn das Arbeitsentgelt wird nach hiesigen Kriterien bemessen und aufgrund der Rechtsgleichheit sind alle gefangenen Personen gleich zu behandeln – welcher Nationalität sie auch angehören.

Trotzdem liegt nach Lohris Einschätzung kein Fehlanreiz vor. Denn die Gefangenen können nicht frei über das Arbeitsentgelt verfügen. 40 Prozent werden – vor allem für die Zeit nach dem Gefängnis – auf ein Sperrkonto einbezahlt. Mit dem Rest müssen sie unter anderem für die AHV/IV, aber auch für medizinische Leistungen, Telefongebühren und Gebrauchsartikel aufkommen. «Je höher diese Ansprüche sind, umso mehr muss der oder die Gefangene aus dem verfügbaren Freikonto schöpfen.»

Ob die Rechnung wirklich aufgeht, ist unklar

Auch für die Kosten einer Rückführung ins Heimatland muss die Person selber aufkommen. «Das wird in der Regel ausgeblendet», so Lohri. Dazu gehören die Flugkosten, die Dolmetscherkosten, die Transportkosten zum Flug­hafen, allfällige Kosten für eine Ausschaffungshaft oder die Kosten für den Aufwand der Papierbeschaffung. «Dafür steht grundsätzlich das gesamte Arbeitsentgelt, mit Ausnahme eines angemessenen Taschengeldes, zur Verfügung», erklärt Lohri.

Ob der Rumäne diese Kosten einberechnet hat, bleibt offen. Das Kriminalgericht hat ihn wegen gewerbsmässigen Diebstahls und illegaler Einreise erneut zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 9 Monaten verurteilt. Er nimmt sich vor, nach der Freilassung eine Familie zu gründen und keine Diebstähle mehr zu begehen. Seinen Kindern will er beibringen, «dass sie nicht das Gleiche machen wie ich».

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