Schule kürzt kranker Lehrerin zu Unrecht das Pensum

LUZERN ⋅ Dreissig Jahre lang arbeitet eine Frau als Lehrerin. Dann erkrankt sie an einer Angst- und Panikstörung. Zehn Monate später reduziert der Kanton ihr Arbeitspensum massiv – und stützt sich dabei auf ein mangelhaftes Gutachten.
14. April 2018, 11:30

Das Herz rast. Die Hände fangen an zu schwitzen. Zur plötzlichen Hitze gesellt sich die Angst zu ersticken. Schwindel setzt ein – und das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden. So ungefähr fühlt sich eine Panikattacke an.

Wer häufig an solchen Panikanfällen leidet, entwickelt oft zusätzlich eine Angststörung. Dabei werden bestimmte Situationen vermieden, in denen man sich unbehaglich fühlt und aus denen man nicht flüchten könnte, wenn es zu einer Panik kommt. Agoraphobie nennt man diese Angst, sich in der Öffentlichkeit aufzuhalten – eine Krankheit, die massive Auswirkungen auf das Berufs- und Privatleben der Betroffenen haben kann.

So erging es auch einer Luzerner Lehrerin. Mehr als dreissig Jahre arbeitete sie in einem Pensum von rund 70 Prozent – und zwar mit Schülerinnen und Schülern, die als besonders anspruchsvoll gelten. Irgendwann ging es nicht mehr. Aufgrund einer Angst- und Panikstörung war sie kaum noch belastbar – und wurde von ihrem Arzt deshalb teilweise arbeitsunfähig geschrieben.

Drei Monate vergingen, bis sich die Frau einer ersten ver­trauensärztlichen Untersuchung unterziehen musste. Die Expertin attestierte ihr, dass bei einem guten Verlauf damit zu rechnen sei, dass sie mittel- bis langfristig wieder ihr bisheriges Pensum leisten kann.

Vertrauensärztin machte eine Kehrtwende

Der Befund machte Hoffnung auf Besserung. Nach acht Monaten jedoch wollte der Arbeitgeber Klarheit. Obwohl eine teilweise Arbeitsunfähigkeit gemäss dem kantonalen Personalgesetz eigentlich erst nach einem Jahr als «dauernd» gilt, sollte bei einer zweiten vertrauensärztlichen Untersuchung schon vier Monate vorher festgestellt werden, ob allenfalls eine dauernde Arbeitsunfähigkeit vorliegen könnte.

Und tatsächlich: Nach der zweiten Untersuchung klang die Einschätzung der Expertin ganz anders. Sie führte aus, dass nun eine neurologische Erkrankung festgestellt worden sei, die zu einer Verschlechterung der motorischen und kognitiven Fähigkeiten führen werde. Mit einer medikamentösen Behandlung sei zwar eine Verbesserung oder zumindest eine Verzögerung des Krankheitsverlaufs zu erwarten, dennoch sei die Frau dauernd teilweise arbeitsunfähig.

Die Schule als Arbeitgeber gestaltete daraufhin das Arbeitsverhältnis um – und reduzierte das Pensum der Lehrerin gegen deren Willen von 70 auf rund 25 Prozent. Gegen diesen Entscheid wiederum wehrte sich die Betroffene vor dem Kantonsgericht.

Sie kritisierte, dass das Gutachten der Expertin nicht den bundesgerichtlichen Kriterien entspreche. Nicht nur seien die ­Vorakten unzureichend berücksichtigt worden. Der Bericht sei auch widersprüchlich, wenn auf der einen Seite von einer Verbesserung durch die medikamentöse Behandlung gesprochen und auf der anderen Seite eine dauernde Arbeitsunfähigkeit attestiert werde.

Das Gutachten ist widersprüchlich

Die Schule dagegen stellte sich auf den Standpunkt, dass Ärzte ihre Prognosen in der Regel ja ohnehin eher vorsichtig formulieren würden. Die Aussage, dass eine Besserung «nicht ganz ausgeschlossen werden könne» ändere nichts daran, dass die Ver­trauensärztin unmissverständlich eine dauernde Arbeitsunfähigkeit bejaht habe.

Die zuständige Kantonsrichterin geht mit der Gutachterin hart ins Gericht. Sie hält im Urteil fest, dass es sich bei einem Gutachten einer Vertrauensärztin um eine fachkundige Einschätzung zu handeln hat – und nicht bloss um eine einfache ärztliche Stellungnahme. Das Gutachten müsse auf Untersuchungen beruhen, alle Beschwerden berücksichtigen, die Vorakten einbeziehen sowie die medizinischen Zusammenhänge und Beurteilungen einleuchtend begründen.

Dass sich die Gutachterin mittels Studium der relevanten Vorakten ein eigenes Bild gemacht habe, sei ihrem Bericht jedoch nicht zu entnehmen. Das Gutachten sei daher nicht nachvollziehbar. Kommt hinzu: Die radikale Kehrtwende nach der zweiten Untersuchung sei in medizinischer Hinsicht weder mit einer nachvollziehbaren Verlaufsgeschichte belegt, noch begründet. Die Möglichkeit einer Verbesserung stehe im Widerspruch zu der festgestellten Dauerhaftigkeit der teilweisen Arbeitsunfähigkeit. Damit sei der Bericht der Vertrauensärztin nicht schlüssig – und die Umgestaltung des Arbeitsverhältnisses entsprechend rechtswidrig.

Die Lehrerin hat damit grundsätzlich das Recht, wieder in einem höheren Pensum zu arbeiten. Aufgrund der ohnehin anstehenden Pensionierung, wird sie dies allerdings nicht mehr tun, wie Charles Vincent sagt. Er ist als Dienststellenleiter Volksschulbildung auch für die betreffende Schule zuständig. «Wir ziehen dennoch unsere Lehren aus dem Urteil», versichert er. «Wir werden künftig höhere Anforderungen an die vertrauensärztlichen Gutachten stellen.»

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch


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