Seit einem Jahr geht diese Frau auch beruflich durchs Feuer

BERUFSWECHSEL ⋅ Pascale Gazzo (47) ist Dienstgruppenchefin bei der Berufsfeuerwehr der Stadt Luzern und hilft nebenbei im eigenen Malergeschäft mit. Sie sagt, warum sie gerne gegen den Strom schwimmt und welcher Einsatz ihr unter die Haut gegangen ist.
19. Juni 2017, 07:08

Pascale Gazzo, Sie sind Inhaberin eines Malerbetriebs, haben sich aber für die 2016 eingeführte Berufsfeuerwehr beworben.

Da haben viele überrascht reagiert. Einige haben mich deswegen auch kritisiert.

Logisch. Sie haben mit dem eigenen Geschäft etwas erreicht, wovon viele träumen. Nun lassen Sie sich anstellen. Warum tun Sie das?

Als die Stelle bei der Feuerwehr ausgeschrieben wurde, habe ich mir Gedanken über meine berufliche Zukunft gemacht. Die Aussicht auf eine neue Aufgabe hat mich bewogen, diesen Schritt zu machen. Zumal sich die Handwerker im Baugewerbe mit den Preisen gegenseitig das Leben schwer machen.

Kommt die ehemalige Chefin damit klar, einen Vorgesetzten vor der Nase zu haben?

Das ist das Spannende. Ich entscheide als Malerin immer selber. Bei der Feuerwehr gibt es Vorgaben, an die wir uns alle halten müssen. Als Dienstgruppenchefin bewege ich mich da in einem neuen Spannungsfeld und nehme diese Herausforderung gerne an. Denn natürlich sieht man die Dinge nicht immer gleich wie die Vorgesetzten. Da hilft eine gute und offene Gesprächskultur.

Waren Sie nicht zufrieden als selbstständige Malerin?

Doch sehr. Ich bin immer noch Inhaberin und helfe in der Freizeit aus. Das 24/48-Stunden-Schichtmodell der Berufsfeuerwehr lässt mir diesen Spielraum. Meine Nebenbeschäftigung wurde mit einem Vertrag geregelt. Mein Malergeschäft läuft seit 17 Jahren gut. Wir haben eine ausgewählte Kundschaft. Die Arbeit geht uns nicht aus.

Mit dieser Antwort ist es für mich nicht leichter, Ihren Wechsel nachzuvollziehen.

Ich habe klare Vorstellungen vom Leben. Das Angestelltenverhältnis bringt mir Sicherheit. Allein das Bewerbungsprozedere war spannend. Bewerben musste ich mich seit der Lehre nie mehr.

Dann ist Ihnen der Malerberuf vielleicht zu gewöhnlich?

Nein, der Malerberuf gefällt mir nach wie vor sehr. Wenn beim Unterhalt in der Feuerwehr neben vielen anderen Tätigkeiten zwischendurch Malerarbeiten zu erledigen sind, bin ich auch da die Fachperson und erledige diese.

Das nehme ich an. Was ich meinte: Sie sind als Offizier bei der Berufsfeuerwehr der Stadt Luzern die einzige Frau. Sie schwimmen nicht gerne mit dem Strom, was?

Das hat sich mit den Jahren so ergeben. Wenn man seriös arbeitet, kommt man vorwärts. Was nicht heisst, dass ich das von Anfang an anstrebte.

Hatten Sie schon immer Freude an der Feuerwehr?

Offen gesagt nicht. Ein ehemaliger Lehrer hat mich als 21-Jährige quasi überredet, an eine Übung zu kommen. Ich machte mitunter zur Bedingung, dass ich beim Atemschutz eingeteilt werde. Der Auslöser dazu war auch der Film «Backdraft» mit Kurt Russell und Robert de Niro. Obwohl die Realität nicht viel mit dem Film zu tun hat. Danach war mein Interesse definitiv geweckt, Feuer zu bekämpfen und Personen in Not helfen zu können.

Heiss zu und her geht’s auch bei Ihnen. Wurden Sie Offizierin, weil Sie gerne mitbestimmen, wo es langgeht?

Nein, das habe ich nicht gesucht. Im Gegenteil, ich habe dreimal Nein gesagt. Ich machte meinen Job als Soldat und war jahrelang Korporal. Irgendwann waren der Zeitpunkt und die persönliche Bereitschaft gekommen, die Offiziersausbildung zu beginnen.

Wie schwierig war es für Sie, den Job bei der Feuerwehr zu bekommen?

Es sind gegen 400 Bewerbungen eingegangen. In diversen Gesprächen, Fach- und Sporttest wurde ich als Dienstgruppenchef ins Team geholt.

Sie hatten schon einige Einsätze, die unter die Haut gingen. Ist Ihnen einer besonders nahegegangen?

Unvergessen ist der Einsatz des Hochwassers im August 2005. In sechs Tagen leistete ich 104 Einsatzstunden. Alles hat schnell funktioniert, und wir sind überall auf grosse Dankbarkeit der Leute gestossen. Diverse Feuerwehren aus der ganzen Schweiz haben uns angefragt, ob wir Hilfe benötigen. Ebenso beeindruckt hat mich die Unterstützung diverser Firmen, die uns spontan und gratis mit Essen und Getränken versorgten.

Ihr seid ja nicht nur im Einsatz, wenn es brennt?

Das ist korrekt. Brandfälle machen den kleineren Teil unserer Einsätze aus. Immer mehr werden wir zu Elementarereignissen, Personen- oder Tierrettungen gerufen. Wir sind sehr gut ausgebildet und haben für fast alles eine Lösung parat.

Was war der merkwürdigste Auftrag?

Das war ohne Frage ein Auto, das wir aufwendig mit technischen Geräten aus einer Schlucht im Renggloch geborgen hatten. Das Schräge daran war, dass der Autofahrer uns wüst beschimpfte, weil wir ihn retteten. Später erfuhren wir, dass er absichtlich in die Schlucht fuhr, um sich das Leben zu nehmen.

Ein undankbarer Job. Wäre es Ihnen lieber, wenn Sie nicht ausrücken müssen?

Das kann man so nicht sagen. Wir wollen ja nicht nur den Ernstfall üben, sondern unsere Fähigkeiten einsetzen können. Aber wenn wir ausrücken, kommt oft jemand zu Schaden. Unser Ziel ist, konsequent und professionell zu arbeiten, um schnell eine Notfallsituation zu bewältigen.

Sie haben nicht nur einen aufregenden Job. Auch Ihre Hobbys lassen darauf schliessen, dass Sie Action bevorzugen. Was treibt Sie an?

Ich bin ein Adrenalinjunkie. Ich habe früher Hochgebirgstouren gemacht, Fussball gespielt und trainiere noch heute fast täglich, um mich fit für den Feuerwehrjob zu halten. Dort, wo etwas abgeht, bin ich dabei. Ich gehe meinen Weg aus Überzeugung und will stets Neues lernen und vorwärts- kommen.

Nach über einer Stunde im Gespräch mit Ihnen habe ich auch nichts anderes erwartet.

Wie gesagt, bei mir muss etwas abgehen. Aber ich mag es zwischendurch auch ruhig, etwa wenn ich mit meiner Frau und dem Hund spazieren gehe. Wenn ich es ganz gemütlich nehme, dann mit einer guten Zigarre und einem Glas Wein.

Haben Sie etwas ausgelassen im Leben?

Ich wüsste grad nichts. Ach ja, Theater habe ich auch eine Weile gespielt, und dann bin ich an der Fasnacht aktiv. Früher Guuggenmusig, heute Wagenbaugruppe. Vieles habe ich probiert und wieder losgelassen. Die Feuerwehr aber ist und bleibt ein grosser Bestandteil meines Lebens.

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch


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