So bleibt die Erdgas-Pipeline durch den Kanton Luzern sicher

ENERGIE ⋅ Seit über vierzig Jahren zieht sich eine Erdgas-Pipeline quer durch den ganzen Kanton Luzern. Diese muss regelmässig kontrolliert werden. Dabei darf die Routine nicht zu Fahrlässigkeit führen.
08. August 2017, 04:38

Stefan Müller

kanton@luzernerzeitung.ch

Still strömt es dahin, kein Geräusch, kein Geruch – aber explosiv, wenn es mit Luft gemischt wird. Tagein, tagaus, seit Jahrzehnten, quer durch die Schweiz – und auch durch den Kanton Luzern. Dass das Erdgas in seinen Bahnen bleibt und keinen Schaden anrichtet, dafür sorgen die Streckenkontrolleure. Kürzlich haben sie sich den eineinhalb Kilometer langen Lammschlucht-Stollen und die Streckenkontrolle im Entlebuch vorgenommen. Unscheinbar an einem Hang in Schüpfheim befindet sich der Zugang zum Stollen. Streckenkon­trolleur Ueli Bachmann bezieht Stellung im Überwachungsraum während des Kontrollgangs. Er hat sich inzwischen in der Kommandozentrale in Ruswil angemeldet. Eine Vorschrift, die bei jedem Betreten einer Erdgasanlage aus Sicherheitsgründen notwendig ist.

Ausgerüstet mit Grubentelefon, Taschenlampe und einem Gaswarngerät betritt nun Streckenchef Alois Grüter den Stollen. Laut dröhnt die Luftventilation, der raue Felstunnel leuchtet im hellen Neonlicht, an der Wand schlängelt sich das mächtige Erdgasrohr in die kalt-nasse Tiefe des Berges. «Es hat noch nie ein Gasleck gegeben», stellt Grüter fest. Denn die Sicherheit werde grossgeschrieben. Alle fünf bis zehn Jahre würde beispielsweise ein «Molch» durch die ganze Leitung geschickt. Ein Inspektionsgerät, das durch Magnetisierung der Rohrwand Schäden im Stahl frühzeitig erkennen kann. Doch solche Schäden kämen glücklicherweise nur äusserst selten vor, so weise die Leitung auch nach vierzig Jahren Betriebszeit kaum Korrosion auf, sagt Grüter.

Gefährliche Routine

Unsichtbar, rund eineinhalb ­Meter tief in die Erde oder durch Stollen verlegt, erstreckt sich die Erdgas-Pipeline auf rund 300 Kilometern quer durch die ganze Schweiz, lediglich orange Tafeln an der Erdoberfläche markieren den Verlauf des Leitungssystems. 1974 wurde die Pipeline durch die Transitgas AG mit Sitz in Zürich in Betrieb genommen und seither mehrfach erweitert.

Streckenchef Alois Grüter sitzt wieder im Auto und steuert auf einem schmalen Strässchen durch die Hügel, immer der ­Gasleitung entlang. Sein Blick schweift gelegentlich zu den orangen Tafeln. Stehen noch alle? Plötzlich klingelt das Telefon: «… eine Tanne ist beim Holzen auf eine Tafel gestürzt und hat sie beschädigt.» Einem Bauern im Kanton Aargau ist dieses Missgeschick widerfahren – ein Vorfall, wie er immer wieder vorkommt. Dank der Gratis-Telefonnummer auf jedem Schild sind die Kommandozentrale und damit der Streckenkontrolleur schnell erreichbar, sodass die Tafel umgehend ersetzt werden kann.

Viele Tätigkeiten der Kontrolleure sind Routine, aber nicht minder wichtig. So müssen Grüter und seine Kollegen alle zwei Wochen die Leitung auf der ganzen Länge auf mögliche oberirdische Gefährdungen kontrollieren, wechselweise mit dem Auto oder per Helikopter. Mit geschärftem Blick auf heikle Gefahrenstellen wie Flussufer, Steilhänge oder nahe gelegene Baustellen. Der Papierkrieg gehört ebenso zum Alltag der Kontrolleure. Wird man da nicht betriebsblind? «Damit das nicht passiert, wird das Personal regelmässig zu Kursen im Gasbereich geschickt», sagt Grüter, der seit mehr als dreissig Jahren diese Arbeit ausübt. Ausserdem führe das Eidgenössische Rohrleitungsinspektorat alle drei Jahre eine Trassee- und Stollenkontrolle durch. Und zusätzlich inspiziere alle fünf Jahre ein Geologe sämtliche Stollen.

Mittlerweile kommt Alois Grüter bei einer sogenannten Schieberstation an, einem Wirrwarr von überdimensionalen Rohren, die aus dem Boden ragen, wie auf dem Spielplatz eines Riesen. Die Stationen befinden sich in Abständen von maximal 15 Kilometern entlang der ganzen Pipeline und dienen dazu, im Notfall den Gasfluss unterbrechen zu können. Die Leitung wird dann hydraulisch verschlossen und das Erdgas im abgesperrten Leitungsteil mit einem Druck von gegen 75 Bar abgelassen. «Das dröhnt so laut wie ein startender Düsenjet», weiss Grüter.

Ruswil überwacht ganze Schweiz

Das schweizerische «Nervenzentrum» der Pipeline befindet sich auf der Anhöhe von Ruswil. Diskret im Grünen, mit Blick zum ­Pilatus, liegt das Gebäude der Transitgas AG, der Betreiberin der Pipeline. Durch Reibung verliert das Erdgas entlang der Pipeline an Druck. Aus diesem Grund muss dieser ab und zu erhöht werden, und das passiert in der Verdichterstation. Die Abwärme, die dadurch entsteht, verwendet man zur Strom- und Warmwassergewinnung für das Tropenhaus und das Spital Wolhusen.

In der Kommandozentrale herrscht gespannte Ruhe. Vor einem riesigen Bildschirm, der die ganze Breite des Raumes einnimmt, sitzt ein einzelner Mitarbeiter. Konzentriert verfolgt er das Geschehen auf den Monitoren. Von hier aus überwacht und steuert er die Anlage entlang des gesamten Gas-Trassees durch die Schweiz. Die Zentrale dient indessen auch der Koordination im Stör- und Notfall, und von hier werden die Anrufe auf die Gratis-Telefonnummer beantwortet, wenn etwa ein Bauer eine orange Tafel ramponiert. Fehlanrufe sind selten. «Wir wurden aber schon für einen Pizzakurier gehalten», schmunzelt der Diensthabende Giuseppe Colatrella.

Das schwere Gittertor bei der Schieberstation fällt wieder ins Schloss. Für Alois Grüter geht erneut ein erfolgreicher Kontrollgang zu Ende, Schäden hat er keine zu bemängeln. Fertig ist er mit seiner Arbeit aber nicht; bereits am nächsten Tag wird er wieder zum Rundgang antreten und damit für die Sicherheit der Erdgas-Pipeline sorgen.


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