So geht der Taktausbau ohne Tiefbahnhof

LUZERN ⋅ Die SBB sind überzeugt, dass der Viertelstundentakt nach Zürich auch ohne Durchgangsbahnhof möglich ist. Als zwingend erachtet man hingegen den Zimmerberg-Basistunnel II – und zwar im Vollausbau.
02. Juli 2017, 05:00

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Viertelstündlich von Luzern nach Zürich fahren – ohne dass ein milliardenschwerer neuer Bahnhof gebaut werden muss. Was die SBB vor zwei Monaten an einer Fachtagung präsentiert haben, scheint fast zu schön, um wahr zu sein.

Wie soll das funktionieren? Bislang wurde um das Konzept «Input SBB» ein grosses Ge­heimnis gemacht. Nun hat die «Schweizer Eisenbahn-Revue» in ihrer aktuellen Ausgabe das zuvor unter Verschluss gehaltene Referat abgedruckt. Drei Versprechen werden darin in Bezug auf die Zentralschweiz gemacht:

  • Luzern soll im Viertelstundentakt nach Zug und Zürich angebunden werden.
  • Jede halbe Stunde soll ein Zug nach Olten und Basel sowie nach Bern fahren.
  • Es wird zwei Direktverbindungen ins Tessin geben, wobei eine Verbindung durch den Basistunnel und eine über die Panoramastrecke führen wird.

Bushub Ebikon würde besser erschlossen

Das heutige Bahnangebot basiert weitgehend auf einem in den 1980er-Jahren entwickelten Konzept, das als «Bahn 2000» bekannt wurde. Es basiert auf einem netzweiten Stundentakt. Diesen Puls wollen die SBB nun erhöhen, der Halbstundentakt soll der neue Standard werden. Die Systematisierung führt dazu, dass in den Knoten auch alle Anschlussbeziehungen funktionieren. Es entstehen in der ganzen Schweiz halbstündliche Reiseketten, was die Kapazität gewisser Strecken um bis zu 40 Prozent steigern soll.

Auf Strecken mit besonders starker Nachfrage wollen die SBB erstmals im Fernverkehr den Viertelstundentakt einführen. In der Zentralschweiz sind das neben der Verbindung Luzern–Zug–Zürich auch die Verbindungen Zofingen–Luzern sowie Rotkreuz–Cham–Baar–Zürich.

Erfüllen können die SBB gemäss dem neuen Konzept auch ­einen lang gehegten Wunsch des Verkehrsverbunds (VVL). Dank der neuen Struktur zwischen Luzern und Zürich soll es möglich sein, einen Viertelstundentakt nach Ebikon umzusetzen. Damit macht der dort geplante Bushub erst wirklich Sinn. Das Agglo-­Mobil-Programm sieht ja bekannterweise vor, dass die Buslinien 22/23 nicht mehr bis nach Luzern fahren, sondern die Fahrgäste in Ebikon auf die S-Bahn umsteigen.

Dennoch, eines lässt sich nicht bestreiten. Die Pläne der SBB durchkreuzen diejenigen des Luzerner Regierungsrats, der sich seit Jahren für den Durchgangsbahnhof starkmacht. Robert Küng, Vorsteher des Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartements, liess denn auch kürzlich recht säuerlich durchblicken, die SBB wollten den Viertelstundentakt nach Zürich nur, weil sie «viel Geld verdienen» könnten. Dies gehe aber auf Kosten anderer Verbindungen, etwa von Sursee nach Zofingen (Ausgabe vom 17. Juni). Anders sei es nicht machbar, weil die Kapazität des Bahnhofs ­Luzern ausgeschöpft sei.

Von Seiten der SBB klingt es anders. Die Bundesbahnen räumen zwar ein, dass die Planung des Regionalverkehrs aufgrund der zweigleisigen Zufahrt zum Bahnhof Luzern eine Herausforderung ist. Die S-Bahn soll aber weiter viertelstündlich nach Sursee verkehren. Dies dank eines einfachen Tricks: Der Zug wird in Luzern mit der Seetalbahn vereinigt und erst ab Emmenbrücke als S-Bahn nach Sursee fahren. Gemacht wird dies auf anderen Strecken schon heute. Die Züge von Luzern ins Entlebuch und ins Emmental verkehren bis Wol­husen gemeinsam und werden erst dann getrennt.

Erwähnt wird im Konzept auch, welche Grossprojekte aus Sicht der SBB prioritär sind. Explizit hervorgehoben wird der Zimmerberg-Basistunnel II, mit dem das Angebot zwischen Zürich, Zug und Luzern ausgebaut werden könnte. Bei einem blossen Ausbau der Stammlinie – der Variante Zimmerberg light – sei dies nicht möglich. Der Knoten Thalwil müsste massiv ausgebaut werden, inklusive Abriss zahlreicher Gebäude. Nicht notwendig ist für die SBB der Bau des Durchgangsbahnhofs Luzern. Dieser wird mit keinem Wort erwähnt.

Das gesamte System wird anfälliger

Das Konzept «Input SBB» orientiert sich an der Nachfrage der Passagiere. Das Angebot wird dort ausgebaut, wo die Züge am meisten genutzt werden. In der Vergangenheit wurde bei Fahrplanwechseln im Minutenbereich geschraubt. Den ganzen Fahrplan auf den Kopf zu stellen, war ein Tabu. Nun scheint ein Paradigmenwechsel anzustehen.

Zu bedenken ist allerdings: Mit 22 Durchfahrten pro Stunde und Richtung wird der Bahnhof Luzern bis ans Limit ausgelastet. Für Verspätungen hätte es keine Luft, das ganze System dürfte damit anfälliger werden. Auch sind noch viele Fragen offen, und es ist unklar, ob eine vertiefte Planung nicht doch gewichtige Nachteile für den Regionalverkehr Luzern ans Licht bringen würde.

Beim Konzept «Input SBB» handelt es sich um einen eigenmächtigen Vorschlag der Bundesbahnen. Er ist unabhängig von den zwei Gesamtkonzepten, welche die SBB im Auftrag des Bundesamts für Verkehr erarbeiten. Das eine sieht Investitionen in Höhe von 7 Milliarden Franken vor und soll bis 2030 umgesetzt werden. Das zweite beläuft sich auf 12 Milliarden Franken und ­einen Umsetzungshorizont bis 2035. Das Geschäft geht Ende Jahr in die Vernehmlassung.


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