«Gasseziitig Lozärn» ist das Sprachrohr der Randständigen

GASSENARBEIT ⋅ Die «Gasseziitig Lozärn» feiert heuer ihr 20-jähriges Bestehen. Ihre Inhalte haben sich in dieser Zeit verändert. Gleich geblieben ist ihr Zweck: randständigen Menschen Gehör zu verschaffen.
19. September 2017, 06:43

Jeannette Voltz

stadt@luzernerzeitung.ch

Piitsch Galbier ist ein wichtiger Name, wenn es um die Geburt der «Gasseziitig» geht: ein Junkie, der in Schulen informative Drogenprävention leistete und jedem vom Gift abriet. Sepp Riedener, Initiant und ehemaliger Geschäftsführer der kirchlichen Gassenarbeit, erinnert sich: «Piitsch hat grossartige Denkarbeit geleistet. Der Mann hat 30 Jahre lang konsumiert und ist trotzdem klar im Kopf geblieben.» Dieser Piitsch, der 2005 in Indien an Tuberkulose starb, hat Riedener zwar kein Konzept für die Zeitung vorgelegt, wohl aber aufgezeigt, worum es bei der Gassenarbeit geht: «Viel früher mit der Präventionsarbeit zu beginnen.»

Mitte der 1980er-Jahre wurde die Drogenproblematik in Luzern zur Belastung. «Die Abhängigen hatten keine Arbeit, kein Essen, keine Bleibe und keine medizinische Betreuung», sagt Riedener. In dieser Zeit wurden das medizinische Ambulatorium und die Gassenküche gegründet. «Damals hielten sich bis zu 60 Drogenabhängige in der Eisengasse auf, die im Brunnen ihre Spritzen wuschen oder eine Dusche nahmen.» Die Stimmung in der Stadt sei auf dem Nullpunkt gewesen.

Betroffene sollen selber schreiben

Es kam zur Abstimmung über einen Fixerraum im Stadthaus. «Die Abstimmung haben wir knapp mit 51 zu 49 Prozent verloren», erinnert sich Riedener. Deshalb habe man einen Bus gekauft, ihn auf dem Pilatusplatz stationiert und innerhalb eines Monats bis zu 12 000 Spritzen abgegeben. «Als mir damals von einem Regierungsrat vorgeworfen wurde, ich hätte die Drogenproblematik nach Luzern gebracht, wurde mir klar, dass wir öffentlich werden mussten, ein Sprachrohr brauchten.» Das war die Initialzündung zur Gründung der «Gasseziitig». Ein Redaktionsteam wurde gegründet mit Riedener, Piitsch, drei weiteren Abhängigen und einem Mitglied der Gassenarbeit. «Es war uns wichtig, dass die Betroffenen selber schreiben», so Riedener. Gleichzeitig konnten sie die Zeitung für einen Franken erwerben und für zwei verkaufen. Das habe ihnen Arbeit und ein Sackgeld gegeben. «Ich spreche gerne von gegenseitiger Bekehrung», sagt Riedener, «denn mit dem Gang in die Öffentlichkeit nahmen die Menschen erstmals wahr, dass die Süchtigen weder Taschenräuber noch Vergewaltiger waren.» Die Zeitung wurde gekauft: Lag die Auflage bei der zweiten Ausgabe bei 1500 Exemplaren, stieg sie innert Kürze auf 5000. «Die Weihnachtszeitung hatte sogar 14 000», so Riedener. «Surprise», die nationale Gassenzeitung, die in Luzern nur schwer Fuss fassen konnte, habe die «Gasseziitig» damals sogar aufkaufen wollen.

Einer, der die Zeitung verkauft, ist Peter Kagelmacher (62). Er ist Polytoxikomane, das heisst, er konsumiert mehrere psychotrope Substanzen. Der Mann mit dem verschmitzten Lächeln und dem grauen Pferdeschwanz hat mit 12 Jahren mit dem Kiffen begonnen. Er weiss, dass ein Ausstieg aus den Drogen utopisch ist. «Mit bald 63 komme ich nicht mehr davon los.» Er verkauft dreimal pro Jahr während zweier Wochen die «Gasseziitig». «Viele Kunden kennen mich, und ich bekomme meistens nette Rückmeldungen.» Peter, der gern kocht, hat die feste Kolumne Chuchi-Chopf in der «Gasseziitig».

Wahrnehmung hat sich verändert

Roger Lütolf ist seit Anfang Jahr Redaktionsleiter der «Gasseziitig». Obwohl der Sozialarbeiter neu im Amt ist, sieht er den inhaltlichen Wandel der Zeitung. «Anfangs standen Themen wie Überlebenskampf und das Sich Wehren gegen politische Beschlüsse im Vordergrund.» Heute gehe es in den Artikeln harmloser zu, «persönliche Geschichten stehen eher im Fokus». Und das obwohl sich der Alltag der Süchtigen nicht gross geändert habe. «Sie kämpfen nach wie vor um Akzeptanz, den Ausstieg aus dem Drogensumpf und gegen Armut», sagt Lütolf.

Was sich verändert habe, sei die öffentliche Wahrnehmung. Trotzdem sei es ganz wichtig, «sichtbar zu bleiben, die Bevölkerung auf eine subtile Art politisch vor den Kopf zu stossen», sagt der Redaktionsleiter. Die aktuelle Ausgabe der «Gasseziitig» hat eine Auflage von 10 000 Exemplaren. «Den Käufern geht es nicht allein um den Informationsbedarf», so Lütolf, «sondern auch um Wertschätzung.»


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