Stadt hält an Integrierter Sek fest

BILDUNG ⋅ Das neue System steht in der Kritik. Für den Luzerner Stadtrat wären Änderungen «verfrüht» – dennoch sieht er Handlungsbedarf. Mit 800 000 Franken sollen die Lehrer entlastet werden.
Aktualisiert: 
19.06.2017, 20:00
19. Juni 2017, 20:00

Hugo Bischof

hugo.bischof@hugo.bischof.ch

Seit diesem Schuljahr gilt in der Stadt Luzern das Integrierte Sekundarschulmodell (siehe Kasten unten). Es stösst bei einigen Eltern und Lehrpersonen auf Kritik. Das Modell müsse so rasch wie möglich verbessert werden, am besten schon auf das kommende Schuljahr hin, forderte Grossstadträtin Sandra Felder-Estermann in einem Postulat namens der FDP (Ausgabe vom 23. Mai).

Schon nach dem ersten Jahr Änderungen am System vorzunehmen, sei «verfrüht», schreibt der Stadtrat nun in seiner Antwort. Es komme hinzu, dass dies auch aus rein organisatorischen Gründen bis August gar nicht realisierbar wäre: «Die Stundenpläne sind gemacht, die Lehrpersonen zugeteilt, die Eltern bereits informiert.» Der Stadtrat lehnt das Postulat deshalb ab.

Verunsicherungen in Startphase «normal»

Verunsicherungen seien nach Umstellungen «normal», so der Stadtrat: «Ganz ohne Fehlererfahrungen kann ein Systemwechsel kaum vollzogen werden.» Im März sei eine erste Zwischenbilanz mit den Schulleitungen und Stufenleitungen gezogen worden. Dabei habe sich eine «grundsätzlich positive Haltung der Lehrpersonen» gezeigt. Es sei aber auch klar geworden, dass der Unterricht in den heterogenen Stammklassen «anspruchsvoll», die Arbeitsbelastung der Lehrpersonen «hoch» und die Zusammenarbeit «zeitaufwendig» seien.

An den Info-Veranstaltungen und Elternabenden in der 5. und 6. Primarschule habe es gemäss Stadtrat «natürlicherweise kritische Fragen, auch Skepsis» gegeben – gleichzeitig aber auch «viele positive Rückmeldungen von Eltern, welche den Systemwechsel begrüssen und in der Durchlässigkeit eine Vergrösserung der Chancen für eine breitere Schülerschaft orteten».

Zu grosses Leistungsgefälle?

Postulantin Sandra Felder ist mit der Antwort des Stadtrats nicht zufrieden: «Es dauert zu lange, bis Fehler am System korrigiert werden.» Sie stört sich insbesondere daran, dass die Fächer Mathematik und Deutsch nicht niveaugetrennt, sondern im selben Klassenverband unterrichtet werden: «Im Fach Mathematik ist das Leistungsgefälle zwischen Sek-A- und Sek-C-Schülern oft so gross, dass ein sinnvolles Unterrichten kaum möglich ist.» So könne der Lehrplan nicht eingehalten werden. «Aufgabe der Schule ist es, die Schüler fit für die Berufswelt zu machen; das ist mit diesem System nicht möglich.» Eine gute Durchmischung zwischen leistungsstärkeren und leistungsschwächeren Schüler, wie es das Modell Integrierte Sekundarschule vorsehe, sei in der Realität kaum durchsetzbar, kritisiert Felder weiter, «da die Durchmischung in den einzelnen Quartieren ganz verschieden ist». Vor allem in den Schulen in Littau, aber auch im Mariahilf­schulhaus in der Altstadt funk­tioniere das Modell nicht. Für Felder ist klar: «Mathematik und Deutsch müssen wieder niveaugetrennt unterrichtet werden.»

Die Volksschule der Stadt Luzern führt als einzige Sekundarschule im Kanton Luzern die Fächer Mathematik und Deutsch mit sogenannt «binnendifferenziertem Unterricht», also nicht in separaten Niveaugruppen. Alle Schüler werden in der Stammklasse unterrichtet, jeder aber individuell nach seinem Können. Dies ist aufgrund einer Spezialerlaubnis des Regierungsrats möglich. Der Versuch ist auf drei Schuljahre begrenzt.

So werde der Klassenverband gestärkt, sagt Stadtpräsident und Bildungsdirektor Beat Züsli (SP): «Würden neben Französisch und Englisch zusätzlich Mathematik und Deutsch in Niveaugruppen geführt, wären die Lernenden einer Klasse während gut der Hälfte der Unterrichtszeit in verschiedenen Lerngruppen unterwegs.» Das würde die Beziehungen unter den Lernenden und zu den Lehrpersonen «erschweren».

Das binnendifferenzierte Unterrichten sei besonders für die Lehrpersonen «eine grosse Herausforderung», räumt Züsli ein. Auch sei die Elternkritik «teilweise nachvollziehbar». Deshalb beantragt der Stadtrat beim Parlament, im laufenden und im kommenden Schuljahr je 800 000 Franken für zusätzliche Vorbereitungszeit der Lehrpersonen zur Verfügung zu stellen. Damit sollen entweder Pensenauf­stockungen oder die Einstellung zusätzlicher Lehrpersonen finanziert werden. Die Stadt sei bereit, das Modell nach der dreijährigen Einführungsphase bei Bedarf anzupassen. Züsli betont gleichzeitig: «Zum Gesamtsystem hatten wir bisher sehr positive Rückmeldungen.»

Alle in einer Klasse

Das Integrierte Sekundarstufenmodell sieht vor, dass die bisherigen Niveauklassen A, B oder C in einer Stammklasse zusammengelegt werden. Englisch, Französisch, Mathematik und Deutsch werden aber in der Regel weiterhin getrennt in Niveaugruppen A, B und C unterrichtet. In der Stadt Luzern gilt dies jedoch nur für Englisch und Französisch. In allen anderen Fächern findet der Unterricht in der Stammklasse statt. Dabei werden die Schüler «binnendifferenziert» gemäss den Anforderungen der Niveaus A, B oder C beurteilt. (hb) 


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