Stiftung soll das Natur-Museum aus der Krise führen

LUZERN ⋅ Experten sind sich einig: Soll das Natur-Museum eine Zukunft haben, muss es aus der kantonalen Verwaltung herausgelöst werden. St. Gallen macht vor, wie das geht.
18. Juli 2017, 05:00

Robert Knobel

robert.knobel@luzernerzeitung.ch

Die Luzerner Museenlandschaft steht am Wendepunkt. Die Zukunft der beiden kantonalen Museen ist wegen der Sparprogramme in Frage gestellt. Mit dem Natur-Museum und dem Historischen Museum betrifft dies die Nummer 3 und 4 auf der Rang­liste der beliebtesten Luzerner Museen. Unter Druck ist insbesondere das Natur-Museum: Zurzeit wird geprüft, ob dieses mit dem Gletschergarten kooperieren oder sogar fusionieren könnte (wir berichteten). Bis im Herbst sollen Resultate vorliegen.

Doch kann aus diesen Abklärungen überhaupt etwas Sinnvolles herausschauen – oder dienen sie lediglich als Vorwand, um das Natur-Museum am Ende ganz fallenzulassen? «Es handelt sich wohl eher um ein Schein­gefecht», sagt der Luzerner Museumsexperte Kilian T. Elsasser. Er war bei der Restrukturierung der beiden kantonalen Museen 2013 involviert. «Im Prinzip kann man die Museen aber gar nicht schliessen», fügt Elsasser hinzu. Der Kanton ist nämlich gesetzlich verpflichtet, die historischen und naturhistorischen Sammlungen zu pflegen und der Öffentlichkeit zu vermitteln. Das ist eine Mammutaufgabe, umfasst doch allein die Sammlung des Natur-Museums 1,5 Millionen Objekte, darunter eine Insektensammlung von internationaler Bedeutung. Selbst wenn es das Museum physisch nicht mehr geben würde, müsste der Kanton weiterhin an den Unterhalt der Sammlungsstücke zahlen.

Kein Platz für neues Museum im Gletschergarten

Doch wie könnte eine Zusammenarbeit oder gar Fusion zwischen Gletschergarten und Natur-Museum funktionieren? «Der Gletschergarten müsste das Natur-Museum betreiben und innerhalb eines kantonalen Leistungsauftrags eine neue Strategie entwickeln», sagt Elsasser. Das wäre aber nur sinnvoll, wenn die beiden Museen auch räumlich zusammenrücken. Der Gletschergarten wiederum hätte gar keinen Platz, um ein Natur-Museum zu integrieren. Überhaupt hält sich beim Gletschergarten die Begeisterung über die Avancen des Kantons in Grenzen, hat man doch mit dem Erweiterungsprojekt «Fels» momentan mehr als genug zu tun. Für dieses Projekt hat der Gletschergarten bisher 12 Millionen Franken an privaten Spendengeldern aufgetrieben. Es liegt auf der Hand, dass eine solch erfolgreiche Sammlungstätigkeit beim angeschla­genen Kanton Begehrlichkeiten weckt. Verhandelt der Kanton geschickt, könnte er für sein Museum zumindest über Umwege das erreichen, was ihm bisher verwehrt blieb: die Akquirierung von Drittmitteln.

Dass bisher kein Privater Herz zeigte, um für die Rettung des Natur-Museums in die Tasche zu greifen, hat aber nicht unbedingt mit mangelnder Solidarität zu tun. Das Grundproblem ist nämlich, dass Natur- und Historisches Museum eine Abteilung der kantonalen Verwaltung sind. Und wer möchte schon für die Kantonsverwaltung Geld spenden?

Spielraum fehlt wegen hoher Fixkosten

Kilian Elsasser sieht daher vor allem einen Weg aus der Misere: Die beiden Museen sollen in eine Stiftung ausgelagert werden. Sie wären dann zwar immer noch vom Kanton abhängig – via Leistungsvereinbarung und Subventionen –, hätten aber einen ganz anderen Handlungsspielraum. Dass es sich lohnt, kulturelle Institutionen aus der Verwaltung auszulagern, zeigen zahlreiche Beispiele, darunter das Luzerner Sinfonieorchester oder das Krienser Museum Bellpark. Diese haben seit der Auslagerung enorm an Innovation zugelegt und viel weniger Probleme, Spenden und Drittmittel zu sammeln.

Wie lähmend sich die totale Abhängigkeit von der Verwaltung auf die kantonalen Museen auswirkt, zeigen folgende Beispiele: Gemäss Geschäftsbericht 2016 erhält das Natur-Museum vom Kanton ein Globalbudget von 2 Millionen Franken. Davon muss es 800'000 Franken wieder als «Miete» an den Kanton abliefern. Von dem, was übrig bleibt, fliesst 1 Million in fixe Personalkosten. Lediglich 200'000 Franken sind flexibel einsetzbar für Sonderausstellungen und andere Spezialprojekte. Hinzu kommt ein kleiner Anteil selbst erwirtschafteter Einnahmen, die jedoch auch wieder in die Kantonsrechnung einfliessen. Für die Lancierung von innovativen Projekten reicht dies bei weitem nicht aus.

Wie es anders geht, zeigt die Stadt St. Gallen mit ihrem Naturmuseum. Dieses wird zwar ebenfalls grösstenteils mit öffentlichen Geldern finanziert, und die strategische Entwicklung wird mit den Behörden koordiniert. Getragen wird das Museum aber von einer Stiftung. Dies habe viele Vorteile, sagt Museums­direktor Toni Bürgin. So seien beispielsweise raschere Entscheidungsprozesse möglich. Und vor allem ist eine Stiftung eher in der Lage, private Spenden zu generieren. Das Naturmuseum St. Gallen, das über ein ungefähr gleich hohes Budget verfügt wie das Luzerner Haus, konnte im letzten Jahr 104'000 Franken an Spenden auftreiben. Allerdings sagt Toni Bürgin: «In den letzten Jahren ist es zunehmend schwieriger geworden, Drittmittel zu erhalten.» Immerhin konnte das Museum 2016 aber einen Neubau eröffnen, der massgeblich von Spenden finanziert wurde.

Soll kantonale Verwaltung ins Museum ziehen?

Auch der frühere Stadtluzerner Denkmalpfleger Ueli Habegger sieht die einzige Chance darin, die kantonalen Museen in eine Stiftung auszulagern. «Es sei denn, man würde ganz neue, vielleicht etwas verrückte Ansätze wählen. Wieso nicht zum Beispiel die kantonalen Umweltschutzstellen im Natur-Museum einquartieren? Dann wären Theorie und Praxis ganz nah beieinander.» Das Problem sei nämlich auch, dass das Natur-Museum kein klares Profil habe. «Man hat es verpasst, einen präzis formulierten Leistungsauftrag zu definieren. Das rächt sich jetzt.»

Ueli Habegger betont, dass nicht nur das Natur-Museum mit seiner völlig veralteten Dauerausstellung aus den Achtzigerjahren dringend eine Neuausrichtung braucht. «Auch die Ausstellung des Historischen Mu­seums muss neu definiert werden.» Tatsächlich fand die letzte umfassende Erneuerung des Historischen Museums im Jahr 2003 statt. Kilian Elsasser sagt, dass eine Dauerausstellung spätestens nach 15 Jahren ersetzt werden muss.


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