«Super Hündu» für den Paraplegiker

MENSCH-TIER ⋅ Christian Stöckli (40) aus Sursee und Hund Windsor sind ein unzertrennliches Paar. Der Assistenzhund ist für den Paraplegiker vor allem zu einer psychischen Stütze geworden.
17. Juni 2017, 17:27

Pirmin Bossart

piazza@luzernerzeitung.ch

Windsor liegt friedlich neben dem Rollstuhl von Christian Stöckli. Nichts scheint ihn in seiner Ruhe zu stören. Der Labrador-Retriever hat mit 13 Jahren schon ein langes Hundeleben hinter sich. Seine Befehle befolge er immer noch mit Freude, jedoch etwas langsamer, meint Christian Stöckli mit einem Lächeln, auch höre er nicht mehr allzu gut.

«Aber er beherrscht noch immer alle Aufgaben. Wir haben uns von Anfang an hervorragend verstanden. Ohne Windsor wäre mein Leben noch viel beschwerlicher. Er ist ein ‹Super Hündu›. Und manchmal auch ein Schlitzohr – wer kann dem treuen Hundeblick schon das Guetzli verwehren.»

Türen öffnen und Smartphone bringen

Nie hätte Christian Stöckli gedacht, dass er einmal so stark auf einen Hund an­gewiesen sein könnte. Windsor kann Gegenstände vom Boden aufheben, ­Türen öffnen, das Smartphone bringen oder auf Kommando bellen, wenn eine Notsituation eintritt. Dafür ist er in einem mehrjährigen Prozess ausgebildet worden (siehe Beitrag im Kasten unten).

Aber als inkompletter Paraplegiker, der teilweise noch nach einem Gegenstand greifen kann, sind für Stöckli diese Hilfsfunktionen nicht ganz so zentral wie für andere, die sich praktisch nicht mehr bewegen können. Windsor ist für ­Stöckli deshalb vor allem ein psychischer Support. «Der Hund merkt, wenn es mir nicht gut geht. Und er öffnet mir die Türe zu sozialen Kontakten.»

Christian Stöckli hat einen von seinen drei dicken Ordnern mitgebracht, in dem der Verein Le Copain alles aufgelistet hat, was für das Wohl des Hundes wichtig ist und welche Befehle er erlernen musste. Für die Betreuung und Ausbildung durch Le Copain ist Stöckli sehr dankbar. Die ausgebildeten Hunde müssen über 40 Befehle befolgen, die jeweils der entsprechenden Behinderung des künftigen Hundehalters angepasst werden können. «Auch wenn ich nicht direkt von den Hilfeleistungen des Hundes abhängig bin, trainiere ich regelmässig die Funktionen, die er beherrschen muss. Konsequenz ist wichtig im Umgang mit dem Hund, damit er seine Fähigkeiten jederzeit aufrechterhalten kann.»

Verhängnisvoller Snowboard-Unfall

2001 geschah der Unfall, der Christian Stöcklis Leben drastisch verändert hat. «Ich war ein begeisterter Snowboarder und ging praktisch jede freie Minute in die Natur oder in die Berge. In Engelberg hatte ich jahrelang ein Saisonabo, ging manchmal an einem freien Nachmittag für zwei Stunden aufs Board.» Im Winter 2001 war Stöckli mit dem Snowboard ausnahmsweise in Laax und befuhr eine Halfpipe. Bei einem Sprung knallte es ihn heftig auf den Rücken.

Was zunächst noch einigermassen glimpflich auszugehen schien, entwickel­te sich zu einer wahren Leidensgeschichte. Nach mehreren Operationen und ­Spitalaufenthalten wurde Stöckli ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil gebracht, wo er während neun Monaten rehabilitiert und nochmals zweimal operiert wurde.

Das Leben wurde auf den Kopf gestellt. Seit dem Unfall hat der gelernte Eisenwaren-Verkäufer nie mehr arbeiten können. Seine nicht rollstuhlgängige Wohnung in Sursee war für sein neues Dasein nicht mehr geeignet. Dank der Gönnerunterstützung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung konnte er eine Eigentumswohnung erwerben. «Seit drei Jahren wohnen die Eltern bei mir. Das hat mir das Leben wesentlich erleichtert. Wir haben einen guten Zusammenhalt.»

Permanent Schmerzen mit Stechen und Brennen

16 Jahre sind seit dem Snowboard-Unfall vergangen. Christian Stöckli ist ein inkompletter Paraplegiker und auf den Rollstuhl angewiesen. «Inkomplett heisst, dass die Nerven im Rückenmark nicht durchgetrennt, sondern beschädigt sind. Das ist sehr schwierig zum Behandeln. Vor allem habe ich ständige Schmerzen.» Es sind schwer beschreibbare Gefühle, die er im Rücken und bis in die Zehen spürt. «Es ist ein Stechen und Brennen, manchmal halte ich es fast nicht mehr aus.»

Früher hat Stöckli nur zwei Stunden im Rollstuhl sitzen können, ehe der Schmerzpegel wieder rapide anstieg. Heute gibt es manchmal etwas längere Phasen, aber die Präsenzzeit im Rollstuhl ist begrenzt. Und vor allem: Es ist immer wieder anders. Das mache es auch so schwierig. Und wenn der Schmerzpegel steige, beginne er zu schwitzen und werde nervös. Aber trotz chronischen Schmerzen: «Ich versuche immer, den Alltag positiv zu gestalten.»

Die neuropathischen Schmerzen (Nervenschmerzen) sind leider fast nicht zu therapieren. Stöckli ist Dauerpatient im Zentrum für Schmerzmedizin in Nottwil. Alle möglichen Medikamente und Verfahren wurden schon versucht, doch eine wirkliche Verbesserung ist nicht eingetreten. «Du musst den Schmerz nehmen, wie er ist und dir sagen, er gehört zu mir, egal, wie ausgeprägt er ist. Das musst du lernen, jahrelang. Auch dann, wenn du es fast nicht mehr aushältst.»

Hund fordert seinen Herrn – und das ist gut so

In diesen und andern Situationen des Alltags ist Christian Stöckli froh, dass es Windsor gibt, den Hilfshund, der seit elf Jahren sein Begleiter ist. Der Hund kann zwar nicht Schmerzen lindern, aber er fordert seinen Herrn und schenkt ihm Aufmerksamkeit. Er überträgt ihm eine Verantwortung, will gepflegt werden und sorgt auch für Ablenkung. «Ich muss mit ihm nach draussen gehen, bei jedem Wetter und auch dann, wenn es mir mal nicht so behagt und ich kaum aufstehen kann. Nur wenn es einmal gar nicht möglich ist, übernehmen meine Eltern den Spaziergang.»

Windsor ist nicht zuletzt ein wich­tiger Türöffner zu sozialen Kontakten. ­ Es kommt zu Gesprächen mit andern Leuten, wenn Stöckli mit dem Hund draussen unterwegs ist. «Das gibt mir wieder Freude und auch eine Kraft. Es ist ein sehr sozialer Hund, mit ihm bin ich nie allein.» Was Rollstuhlfahrende an Begleithunden schätzen, ist gerade der Umstand, dass sie den Fokus von den behinderten Menschen wegnehmen und damit jenseits von Mitleid oder stiller Betroffenheit neue Gespräche und Erlebnisse ermöglichen.

In all diesen Aspekten wird Windsor für Stöckli direkt und indirekt zu einer enormen psychischen Unterstützung. «Manchmal denke ich, dass er mir mehr geholfen hat als die vielen Sitzungen, die ich mit Psychologen verbrachte.»

Selbst im geschützten Rahmen geht das Arbeiten nicht

Stöckli geht immer noch gerne in die ­Natur. Auch da ist ihm Windsor ein unerlässlicher Begleiter. Mit dem Zuggerät, das er vor den Rollstuhl spannen kann, hat er eine gewisse Unabhängigkeit erlangt. «Ich war schon in Engelberg, auf der Seebodenalp, auf der Frutt oder auf dem Glaubenberg, wo ich mich dank dem Zuggerät auch auf nicht asphaltierten Strassen bewegen kann.» Von zu Hause geht er gern an den Sempachersee, inklusive Bad für Windsor, der in den See springt, sobald er darf.

Aufgrund seiner permanenten Schmerzen, die sich ihn unvorhersehbaren Momenten verstärken können, muss Stöckli auf vieles verzichten. Er hat versucht zu arbeiten, aber es ging nicht. «Selbst im geschützten Rahmen war es mir nicht möglich, die erforderlichen 20 Prozent Präsenz aufrechtzuerhalten. Ich hatte immer wieder Ausfälle.» Er hat es mit Sport versucht, Basketball und Handbike. Auch dort kam er an Grenzen.

Selbst beim Pétanque, das er gerne spielt, sind nur kurze Einsätze möglich. «An einem Turnier könnte ich nicht mitmachen, weil es mich aufgrund der Schmerzen und der nötigen Erholungsphasen zu stark fordert. Aus dem gleichen Grund kann ich auch nicht einem Verein beitreten. Mit würde das gefallen, aber die Verpflichtungen und die Präsenz kann ich nicht einhalten.»

Auf Anhieb ein gutes Verhältnis

So konzentriert er sich auf das, was ihm schon immer am Herzen lag und das er auch mit seiner Behinderung mit Freude wahrnehmen und erleben kann. «Ich liebe die Natur: die Berge, Seen, Flüsse, Landschaften. Bäume faszinieren mich, seit ich ein Kind bin.» In den vielen Stunden, da er nichts als liegen kann, schaut er gerne einen spannenden Film.

Mit Windsor verbindet ihn inzwischen eine elfjährige Freundschaft. Diese ist so tief, dass er sich den Hunde­namen sogar auf den Oberarm hat tätowieren lassen. Windsors gezeichneter Kopf wird als weiteres Tattoo folgen. Er sei ihm damals, als es um die Zuteilung ging, sofort ans Herz gewachsen. «Wir waren im gleichen Raum, er kam auf mich zu, und wir verstanden uns auf Anhieb. Mit seinem ruhigen Charakter passt er zu mir. Aber ohne meine Familie und Freunde, die mir den nötigen Rückhalt geben und sich ebenfalls um den Hund kümmern, wäre es mir nicht möglich, Windsor zu halten.»
 

«Hund wählt den Besitzer aus»

Ausbildung Assistenzhunde wie Windsor durchlaufen eine umfassende Erziehung. Trainerin Stefanie Perren erklärt, was die Tiere alles lernen müssen und wofür sie zum Einsatz kommen.
 

Stefanie Perren, Sie sind Trainerin für Assistenzhunde beim Verein Le Copain. Weshalb machen Sie das?

Ich hatte mir schon als Kind immer einen Hund gewünscht. Aber da geht man für 15 Jahre eine Verpflichtung ein. Deshalb haben sich meine Eltern beim Verein Le Copain als Gastfamilie gemeldet: So konnten wir temporär einen Hund halten und erst noch etwas Gutes tun. Unterdessen habe ich selber die Ausbildung als Trainerin gemacht und betreue nun mehrere Gastfamilien.

Hauptberuflich arbeiten Sie als Physiotherapeutin am SPZ in Nottwil. Das scheint kein Zufall zu sein.

Ich hatte als Mitglied einer Gastfamilie und später als Trainerin immer wieder mit Menschen im Rollstuhl zu tun. Ich lernte interessante Leute kennen, und mir gefiel das Umfeld. Nach der Ausbildung zur Physiotherapeutin dachte ich, dass das SPZ auch ein guter Arbeitsplatz sein könnte. Seitdem bin ich hier.

Was macht der junge Assistenzhund bei einer Gastfamilie?

Ein potenzieller Assistenzhund kommt im Alter von 10 bis 12 Wochen zu einer Gastfamilie. Dort erhält der Welpe während einem bis anderthalb Jahren die Grundausbildung. Er lernt, die wichtigsten Befehle zu befolgen, um sich in den verschiedensten Situationen, ob draussen oder drinnen, adäquat zu verhalten. Er darf sich nicht von den Einflüssen der nächsten Umgebung ablenken lassen, etwa von Joggern, spielenden Kindern oder andern Hunden, und er muss in allen Situationen ruhig an der Leine laufen, ohne zu ziehen. Bei einem Blindenhund ist das anders. Bei motorisch behinderten Menschen wäre dieses Verhalten gefährlich. Der Rollstuhl könnte kippen.

Die Erziehung in der Gastfamilie ist nur ein Teil. Wie geht es weiter?

Wenn der Hund 12 bis 16 Monate alt ist, verlässt er die Gastfamilie und kommt zur intensiven Schulung ins Schweizerische Zentrum für die Ausbildung von Hilfshunden in Grange VS. Dort wird er noch gezielter und präziser geschult und lernt weitere Befehle, die für seinen künftigen Begünstigten notwendig sind. Die ausgebildeten Hunde müssen über 50 Befehle befolgen können.

Was können die Hunde danach?

Sie heben heruntergefallene Gegenstände verschiedenster Materialien auf wie Feuerzeug, Brille, Schlüsselbund, Kugelschreiber usw. Sie bringen auch Gegenstände, etwa das Handy oder eine Tasche. Im Einkaufsladen oder an einem Schalter helfen sie bei den Transaktionen, überreichen das Portemonnaie oder einen Ausweis. Sie schalten das Licht ein und aus, öffnen und schliessen Türen oder bellen auf Kommando, wenn der Rollstuhlfahrer irgendwo eingeklemmt oder umgefallen ist. Die Tiere geben ­Sicherheit und erlauben den Rollstuhlfahrern, dass sie sich viel selbstständiger durchs Leben schlagen können. Äusserst wichtig ist der soziale Aspekt: Ein Hilfshund erleichtert Kontakte mit Leuten und schafft Verständnis für Behinderte.

Können die Begünstigten auch eigene Befehle kreieren?

Selbstverständlich. Ich kenne Leute, denen die Hunde die Schuhe ausziehen und denen sie die TV-Fernbedienung oder ein Cola aus der Küche bringen. Andere Hunde helfen den Betroffenen bei der Wäsche und ziehen die letzten Kleidungsstücke aus der Trommel, die sonst schwierig zu greifen sind.

Welche Hunde eignen sich speziell als Assistenzhunde?

Le Copain arbeitet mit den Rassen Labrador Retriever und Golden Retriever, die sich durch ihren Apportinstinkt, ihre Folgsamkeit und Anpassungsfähigkeit sehr gut eignen. Es kann sich während der Ausbildung zeigen, dass einzelne weniger geeignet sind als andere. Diese werden dann als Sozialhunde eingesetzt, etwa in Altersheimen.

Wie kommt ein Interessent zu einem Assistenzhund?

Er kann beim Verein Le Copain seinen Wunsch anmelden. Er muss motiviert und auch gewillt sein, die notwendige Verantwortung für den Hund zu übernehmen. Die Hunde werden den Begünstigten unentgeltlich abgegeben. Sie bleiben aber im Besitz von Le Copain, dessen Fachpersonen die Hunde auch regelmässig besuchen. Die Ausbildungskosten werden vom Verein übernommen. Dieser finanziert sich ausschliesslich über Spenden, unter anderem von der Schweizer Paraplegiker-Stiftung.

Mensch und Hund müssen ja ­möglichst zusammenpassen: Wie wird das gewährleistet?

Eigentlich wählt der Hund seinen zukünftigen Herrn aus: Während der Ausbildungszeit in Granges kommt der künftige Halter zu Besuch und sitzt in einem Raum, dann wird der Hund hereingelassen. Je nach dessen Reaktionen wird bald ersichtlich, ob es funktioniert oder nicht. Es kann sein, dass erst nach dem vierten Hund klar ist, dass Herr und Hund zusammenpassen. In den letzten zwei Wochen der Intensivschulung in Granges kommen die künftigen Hundehalter vorbei und machen ein Praktikum. Dann gibt es eine feierliche Übergabe der frisch ausgebildeten Assistenzhunde an die Begünstigten. Gestern Samstag fand die Übergabe von sechs Hunden statt, diesmal im SPZ Nottwil.

Wie viele Assistenzhunde sind in der Schweiz im Einsatz?

Seit der Gründung von Le Copain sind über 300 Assistenzhunde abgegeben worden. Sie begleiten vorab Menschen im Rollstuhl oder Menschen mit Epilepsie. Der Verein hat rund 40 Gastfamilien in der ganzen Schweiz, welche von Zeit zu Zeit einen jungen Hund für die Grundausbildung bei sich aufnehmen.

Interview: Pirmin Bossart

Weitere Infos: www.lecopain.ch/de


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