«Tourismus ist kein Selbstläufer»

FREMDENVERKEHR ⋅ Luzern war und ist ein Schweizer Hotspot für Reisende aus aller Welt. Was man dafür tun muss und dass man zugleich das Wohl der Einheimischen nicht vergessen darf, weiss am besten Tourismusdirektor Marcel Perren.
13. August 2017, 04:38

Interview: Pirmin Bossart

piazza@luzernerzeitung.ch


Marcel Perren, der Tourismus in Luzern scheint in einem Daueraufschwung zu sein – oder täuscht das?

Tatsächlich ist in den letzten zehn Jahren ein Aufwärtstrend zu verzeichnen. Heute liegen wir bei 1,27 Millionen Logiernächten. Als ich hier vor zehn Jahren meine Arbeit als Tourismusdirektor aufnahm, lag die Zahl unter einer Million.

Wie sehen die aktuellen Zahlen aus?

Bis Ende Juni 2017 haben wir einen Zuwachs von 5,6 Prozent registriert. Es ist erfreulich, dass sich bereits jetzt per Mitte Jahr diverse Quellmärkte erholt haben und somit auch bis Ende Jahr von positiven Zahlen ausgegangen werden kann.

Wie erklären Sie sich dieses Wachstum?

Da spielen viele Faktoren zusammen. Ganz wichtig ist der sehr gute Gästemix mit einem hohen Anteil an amerikanischen und asiatischen Besuchern, der bei fast 50 Prozent liegt. Während die Bergregionen häufig einen hohen Anteil an europäischen und einheimischen Gästen haben, sind wir breiter und internationaler aufgestellt. Luzern hat sich in den Märkten der wirtschaftlich erstarkten asiatischen Länder sehr gut einbringen können und ist dort in den Reiseprogrammen vertreten. In Europa haben wir, wie alle Schweizer Regionen, aufgrund des starken Frankens verloren.

Was spielt sonst noch mit?

Luzern ist schlicht ein einmaliger Anziehungspunkt. Ein Städtchen mit einem historischen Kern, direkt am See gelegen und mit dem Panorama der Berge im Hintergrund: Das entspricht nach wie vor dem Bild, das man sich von der Schweiz macht. Wir haben auch sehr gute Kooperationsmodelle mit den Kantonen Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden. Die 34 Aktionäre von Luzern Tourismus sind selber touristisch relevante Partner. Alle finanzieren mit und haben ein Interesse, dass es gut läuft. Das macht stark.

Funktioniert diese Kooperation hier besser als anderswo?

Sie läuft sicher so ausgezeichnet, dass wir im Vergleich mit andern Schweizer Regionen ein weit überdurchschnittliches Wachstum ausweisen können, und dies trotz erschwerten Rahmenbedingungen. Diese Netzwerkarbeit funktioniert im Schweizer Tourismus nicht überall gleich gut. Insofern ist unser Modell ein klarer Vorteil.

Welchen Anteil machen inzwischen die asiatischen Touristen aus, die nach Luzern und in die Zentralschweiz kommen?

Letztes Jahr hatten wir in der Stadt 31 Prozent asiatische Gäste, in der Gesamtregion der fünf Kantone lag dieser Anteil bei 24 Prozent.

Wie stark ist das Segment der chinesischen Gäste?

In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der chinesischen Touristen in der Stadt Luzern um 21 Prozent gestiegen. Ihr Anteil beläuft sich auf knapp 10 Prozent. Die meisten Besucher der Stadt Luzern kommen aus der Schweiz mit 24,1 Prozent, gefolgt von den USA mit 16 Prozent, an dritter Stelle liegt China mit 9,6 Prozent. In der Region liegt China hinter der Schweiz und vor Deutschland an zweiter Stelle. Das hat damit zu tun, dass viele Chinesen zwar wegen der Stadt Luzern hierherkommen, aber zu zwei Dritteln ausserhalb logieren.

Kann denn Luzern die Hotelkapazitäten nicht anbieten?

Primär spielt das günstigere Preisniveau in der Region eine Rolle, wobei sehr viele Stadthotels in der Sommersaison mit über 90 Prozent sehr gut ausgelastet sind. Auch über das ganze Jahr gerechnet ist die Zimmerauslastung in der Stadt Luzern mit 69,1 Prozent sehr gut. Der Schweizer Durchschnitt liegt bei 51,3 Prozent. Das hat sicher auch damit zu tun, dass wir in den letzten Jahren keine grösseren neuen Hotels gebaut haben. Der letzte grössere neue Betrieb war 2006 das Hotel Radisson. Mit der verstärkten Nachfrage, nicht zuletzt auch in den Wintermonaten, konnten die bestehenden Kapazitäten besser ausgelastet werden.

Wir haben jetzt immer über Wachstum geredet, alle Zahlen zeigen nach oben. Handkehrum sorgt in Spanien der wachsende Tourismus für Unmut unter der Bevölkerung. Auch Städte wie Lissabon oder Porto sind überfüllt von Touristen. Viele Einheimische fühlen sich eingeengt. Haben Sie Angst, dass auch die Luzerner mal genug haben könnten?

Das ist sicher ein wichtiger Punkt, den wir ernst nehmen müssen. Etwas davon haben wir ja 2015 mit dem Verkehrsengpass Schwanenplatz erlebt, was zu einigen Diskussionen in der Bevölkerung führte. Erfolgreicher Tourismus braucht immer die Bevölkerung hinter sich. Ist ein grosser Teil der Bevölkerung nicht mehr zufrieden, muss man über die Bücher gehen. Kommt es so weit wie in Venedig, Dubrovnik oder Barcelona, fühlt sich der Gast nicht mehr willkommen. Das kann schnell weiterreichende Folgen haben. Wir sind uns dessen bewusst und auch interessiert an einer Diskussion mit Politik und Bevölkerung.

Der Ansturm von Touristen ist gross in Luzern – sehen Sie noch viel Potenzial nach oben?

Es ist nicht unser Ziel, die Zahlen möglichst nach oben zu treiben. Unsere Strategie ist qualitatives Wachstum. Nicht die Menge ist entscheidend, sondern dass sich unsere Gäste wohlfühlen. Für die Wertschöpfung ist es wichtig, mehr Logiernächte pro Gast zu erzielen, was bedeutet, dass die Besucher länger bleiben. Wir haben relativ viele Tagesgäste, von denen nur einzelne Leistungsträger profitieren. Das führt gerade in den Sommermonaten zu einer gewissen Dichte.

Bergbahnen, Schifffahrt, Museen oder Uhrenbranche profitieren in erster Linie von Tagesgästen. Handkehrum möchten Hotellerie oder Gastronomie lieber Gäste, die länger bleiben. Wie ist dieser Spagat der Interessen zu bewerkstelligen?

Als Tourismusorganisation steht man im Spannungsfeld von Markt, Branche, Politik und touristischen Leistungspartnern. Es ist in unserem Interesse, da eine gute Balance zu finden. Wir wollen primär Übernachtungsgäste akquirieren, die zu grösserer Wertschöpfung beitragen.

Venedig will den Zugang von Touristen in die Stadt regulieren. Was halten Sie von solchen Vorschlägen?

Das ist längst nicht für alle Destinationen praktikabel. Sollen wir denn in Luzern Strassen sperren? Steuerungsmechanismen und Regulationen erachte ich als wenig Erfolg versprechend. Gäste lassen sich nicht per se steuern. In der freien Marktwirtschaft ist das nicht realistisch. Man kann Anreize schaffen und die Gäste motivieren, sich auch auf neue Angebote einzulassen und nicht nur die einschlägigen Orte zu besuchen.

Was unternimmt Luzern Tourismus, damit sich nicht alle Gästegruppen am Schwanenplatz aufhalten?

Wir wünschten uns auch, dass die Gäste selber mehr entdecken und sich besser verteilen würden. Ein grosser Teil des asiatischen Tagestourismus konzentriert sich auf die Meile zwischen Schwanenplatz und Löwenplatz. Zweifellos wären auch die Neustadt und andere Quartiere interessant. Aber die Gäste gehen meist zu jenen Hotspots, die alle besuchen. Das kann langfristig zu sozialen Spannungen führen, weil sich alles auf wenige Orte verdichtet. Handkehrum hat diese Konzentration den Vorteil, dass Einheimische gewisse Orte meiden können.

Also hüten Sie sich vor einer Besucherlenkung?

Streng genommen ist das die Aufgabe der Politik. Wir sind eine Marketingorganisation mit dem Ziel, Besucher für die Stadt und die Region Luzern-Vierwaldstättersee zu begeistern. Es gibt auch ein Spannungsfeld von verschiedenen Interessen. Wir haben im Kanton Luzern über 11 000 Arbeitsplätze, die alleine vom Tourismus leben. Somit gilt es, das System in Balance zu halten und es intelligent weiterzuentwickeln. Da braucht es ein Miteinander von Tourismus, Politik und Bevölkerung.

Und wenn Luzern Tourismus die Märkte weniger bearbeiten würde? Wäre das schon der Todesstoss für den Tourismus?

Erfolgreicher Tourismus ist kein Selbstläufer. Es ist nicht selbstverständlich, dass Luzern als Kleinstadt global bekannte Tourismusmarke ist. Nur aktive Marktbearbeitung sichert diesen Erfolg.

Sind Sie als Tourismusdirektor glücklich über die wachsende Anzahl privater Airbnb-Unterkünfte?

Wir sind grundsätzlich positiv eingestellt, zumal sich solche technologischen Neuerungen nicht verhindern lassen. Es muss uns aber gelingen, dies als Chance zu nutzen und gleiche Rahmenbedingungen für alle zu ermöglichen. Auch von diesen Anbietern müssen Abgaben wie die Kurtaxe geleistet werden.

Abgesehen von Schmuck und Uhren – wo profitiert die Luzerner Wirtschaft konkret von den Touristen?

Die aktuellste Erhebung ist von 2014. Danach hat die direkte touristische Wertschöpfung in den letzten zehn Jahren um 19 Prozent zugenommen. Mit dem Tourismus werden 5 Prozent der kantonalen Wertschöpfung erzielt. Die Hälfte der über 11 000 Vollzeitbeschäftigten im Kanton Luzern entfällt auf die Bereiche Beherbergung (22 Prozent), Gastronomie (15 Prozent) und Detailhandel (12 Prozent). Die Bereiche Unterhaltung/Kultur/Sport und Reiseveranstalter profitieren mit einem Anteil von je 4 Prozent vom Tourismus. 38 Prozent entfallen auf tourismusnahe Branchen.

Wer gibt am meisten Geld aus?

Eine Faustregel ist: Von je weiter weg die Touristen kommen, desto mehr Geld geben sie aus. Auch geben Übernachtungsgäste mehr Geld aus als Tagesgäste. An der Spitze liegen die Golfstaaten mit 430 Franken pro Tag. Gäste aus Japan, Singapur und China geben 300 bis 350 Franken aus, jene aus Südostasien 270 bis 300 Franken. Bei den USA liegen die Werte bei 220 Franken, gefolgt von den skandinavischen Ländern (150 bis 210 Franken), England (190 Franken) und der Schweiz (160 Franken).

Es wird immer kolportiert, dass viele Schweizer gerne nach Österreich gehen, weil sie da mehr für ihr Geld in puncto Freundlichkeit, Angebot und Service erhalten. Wie sieht es damit in Luzern aus?

Im Vergleich zu andern Schweizer Destinationen wird Luzern als überdurchschnittlich freundlich bewertet. Luzern hat jahrzehntelange Erfahrung mit Gästen und Gastfreundschaft. Tendenziell bewerten uns Gäste als offener und freundlicher, als es Schweizer selber tun.

Und wie sehen Sie das mit den Österreichern?

Ich habe nicht das Gefühl, dass die Österreicher freundlicher sind als die Schweizer. Es ist vielleicht eine andere Art von Charme, die dort zum Zug kommt und manche mehr anspricht. Zudem muss man sehen, dass wir 30 Prozent teurer sind als Österreich. Unter diesem Aspekt ist es eine Riesenleistung, dass der Tourismus bei uns immer noch so gut abschneidet. Diese Preisdifferenz dürfte bei der Bewertung der Freundlichkeit unbewusst auch mitspielen.

Auf dem Bürgenstock bauen Araber ein neues Konferenz- und Wellnessresort der absoluten Luxusklasse. Welche Synergieeffekte erhofft sich der Luzerner Tourismus davon?

Der Bürgenstock ist ein Leuchtturm-Projekt für unsere Tourismusregion. Die Betten-Kapazitäten sind nicht extrem gross, aber die Klientel ist zahlungskräftig. Das Bürgenstock-Resort wird neue Gäste in die Region bringen, die Ausflüge machen, mit Bergbahnen fahren, Konzerte besuchen. Von der schnellen Verbindung über den See nach Luzern von 6 Uhr bis Mitternacht erhofft man sich auf alle Fälle positive Synergien.

Schweiz Tourismus sucht einen neuen Direktor. Sie haben sich für diesen Job selber aus dem Rennen genommen: Was bindet Sie als gebürtigen Walliser an Luzern?

Luzern ist für mich und meine Frau Heimat geworden. Wir haben einen grossen Freundeskreis aufbauen können und fühlen uns sehr wohl hier. Die Lebensqualität ist unglaublich hoch. Wir haben eine Wohnung gekauft und sehen Luzern als unseren Lebensmittelpunkt.

Offensichtlich gefällt Ihnen auch der Job.

Man ist hier sehr nah bei den Leuten und kann gestalten, das gefällt mir. Der Tourismus hat eine heterogene Struktur, mit vielen Beteiligten und unterschiedlichen Interessen. Ich arbeite gerne im Netzwerk und erlebe es als schöne Herausforderung, die Kräfte zu bündeln.

Wohin zieht es Sie in den Sommerferien?

Ich habe sie bereits genossen, drei Wochen lang. So viel am Stück habe ich seit zehn Jahren nie mehr nehmen können. Gleichzeitig haben wir 25 Jahre Hochzeit gefeiert. Wir waren in der Schweiz unterwegs, haben im Wallis unsere Familien besucht oder uns hier entspannt und Leute getroffen. Ich bin im Alltag extrem vom Job absorbiert. Es tat gut, eine kleine Auszeit zu nehmen. Meine Frau sagt, ich solle für die nächsten längeren Ferien nicht bis zum 50. Hochzeitstag warten.

Wie viele Wochen pro Jahr sind Sie als Tourismus-Direktor auf Reisen?

Etwa fünf bis sechs Wochen. Ich habe meine Marktmanager, die noch mehr unterwegs sind. Es ist aber auch wichtig, persönlich vor Ort zu sein, die Entscheidungsträger kennen zu lernen. Im Herbst gehe ich mit dem Lucerne Festival nach China und Korea. An die Konzerte werden Reiseveranstalter und Medien eingeladen, das hat sich immer gut bewährt.

Warum?

Die Asiaten schätzen es, wenn man Beziehungen pflegt, sich bedankt, Präsenz zeigt. Auf Hierarchien wird Wert gelegt. Erscheint der Chef, ist das besondere Wertschätzung. Das kann Türen öffnen.

Gibt es eine Traumdestination, die Sie noch nicht besucht haben – oder die Sie immer wieder besuchen?

Kanada möchte ich noch mal gerne länger bereisen, insbesondere die Region Vancouver. Auch Australien und Neuseeland sind schöne Reiseländer, da ich gerne Natur und Berge habe. Dort waren wir auf Hochzeitsreise. Auf meinen Reisen als Tourismusdirektor habe ich ja nie richtig Zeit. Da geht es vom Flughafen zum Hotel, zum Meeting und wieder weiter. Ich bin an vielen Orten gewesen, habe dort aber eigentlich nichts gesehen.


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