Trauriges Stück Militärgeschichte: Zwei Armeeangehörige wegen Landesverrats hingerichtet

TODESSTRAFE ⋅ Vor 75 Jahren wurden im Hergiswald zwei Landesverräter hingerichtet. Einer von ihnen war ein 24-jähriger Ballwiler – sein «gedankenloses und leichtsinniges» Handeln kostete ihn das Leben.
11. November 2017, 07:51

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

«Rechtsumkehrt! Zum Schuss fertig! Einen Schuss feuern!» So lauten die knappen Befehle des Leutnants. Es ist der 11. November 1942, morgens um 7 Uhr in einem Waldstück am Fuss des Pilatus, nahe der Hergiswaldbrücke oberhalb von Kriens. Zwei Pelotons von je 20 Soldaten mit geladenen Gewehren stehen oder knien – sieben Schritte entfernt – vor zwei mit Stricken an Bäumen festgebundenen Männern. Ein lauter Knall ertönt, die beiden Gefesselten fallen tot in die haltenden Seile.

Es ist ein trauriges Stück Schweizer Militärgeschichte, das sich vor 75 Jahren im Hergiswald abspielte. 33 Schweizer Armeeangehörige wurden in den Jahren von 1942 bis 1944 wegen Landesverrats zum Tod verurteilt, 17 von ihnen dann auch hingerichtet. Die Exekution der beiden ersten fand im Hergiswald statt. Julius Richli, Kompaniekommandant der beiden Verurteilten und als solcher mit der Durchführung der Hinrichtung beauftragt, hat darüber einen detaillierten, erschütternden Bericht verfasst. Richli war später Restaurateur im Kunsthaus Luzern.

Eine unheilvolle Verstrickung

Landesverrat – was für ein düsteres Wort. Dass es dies gab und dass deswegen junge Männer standrechtlich erschossen wurden – auch in der Schweiz –, ist heute wohl nur noch wenigen bewusst. Die Prozessakten und die Identitäten der Hingerichteten wurden lange Zeit verschlossen gehalten – auch zum Schutz von Hinterbliebenen. Bei den im Hergiswald Exekutierten handelte es sich um Jakob Feer (24) aus dem luzernischen Ballwil, sowie Werner Zürcher (26) aus dem Bernbiet, wohnhaft in Zürich, beide als Fouriere in der gleichen Militäreinheit tätig. Die unheilvolle Verstrickung der zwei jungen Männer hat Josef Sidler, früherer Rektor der Kantonsschule Hochdorf, in seinem vor siebzehn Jahren im Maihof-Verlag erschienenen Buch «Schatten über dem Tal» erstmals beschrieben. Hans Moos erinnert in einem berührenden Beitrag in der jüngsten Ausgabe 2018 der Seetaler Brattig, dem Jahreskalender aus dem Luzerner Seetal, erneut daran. Er zitiert dabei aus den zwei letzten, bisher unbekannten Briefen, die Feer im Gefängnis schrieb. «Obwohl dreiviertel Jahrhunderte her, rührt das Geschehen von damals noch immer an teils offene Wunden», sagt Moos.

Feer wuchs in Ballwil als ältester von vier Geschwistern in einfachsten Verhältnissen auf; sein Vater war Schulhausabwart. Jakob (Kobi) war ein guter Schüler, Ministrant, später Mitglied des örtlichen Cäcilien-Gesangsvereins. Er machte eine kaufmännische Lehre. Sowohl für Moos als auch für Sidler ist klar: Feer war ein Verführter, der aus Unwissenheit, Naivität, aber auch aus einer gewissen Geltungssucht heraus handelte. Das erste Treffen Feers mit Zürcher fand Ende 1940 am Bahnhof Emmenbrücke im «Isebähnli» statt, während der militärischen Aktivdienstzeit. Auf der einen Seite Feer, schüchtern, zurückhaltend. Auf der anderen Seite Zürcher, wort- und weltgewandt, selbstsicher; ein «Allerweltskerl», der im Ausgang in der Soldatenrunde souverän das Gespräch führte «und sofort die Augen der Mädchen auf sich zog» (Zitat Josef Sidler).

Bürohilfe im Minenbüro im Hotel National in Luzern

Zürcher war bereits in Kontakt mit dem deutschen Nachrichtendienst. Ihm sei es um den Kampf gegen den russischen Bolschewismus gegangen, nicht um Verrat an der Schweiz, beteuerte er später vor dem Kriegsgericht. Er habe dazu beitragen wollen, dass der Eintritt in das ohnehin unvermeidliche deutsche Grossreich ohne Blutvergiessen ablaufe.

Feer wird zu so etwas wie Zürchers Handlanger. Ab Januar 1941 arbeitet er in den beschäftigungslosen Urlaubswochen als militärische Bürohilfe im Minenbüro des 34. Armeekorps. Dieses befindet sich im Hotel National in Luzern. Er geniesst den Aufenthalt am noblen Ort, zum Abendessen und Morgenessen weilt er aber zu Hause bei seinen Eltern. Als Mitglied des Minenbüros hat er Zugang zu streng geheimen militärischen Informationen und Daten. So nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Auf Drängen Zürchers fertigt Feer Skizzen von Sprengobjekten aus Munitionslagern an sowie Listen mit den damit betrauten Offizieren. Er übergibt die Dokumente an Zürcher – als «Kameradschaftsdienst», beteuert er später im Verhör. Dass Zürcher ein Spion war und die Dokumente an die Deutschen weiterleitete, habe er nicht gewusst.

Nach mehrwöchiger Überwachung werden Zürcher und Feer verhaftet, Feer am 21. März 1942 im Hotel du Lac in Luzern. Es folgen Wochen zwischen Bangen und Hoffen. Am 25. September 1942 fällt das Divisionsgericht das Todesurteil für beide – «wegen wiederholter Verletzung militärischer Geheimnisse». Die Übergabe der brisanten Dokumente hätte bei einem Einfall der Deutschen in die Schweiz den Tod Tausender Schweizer Soldaten bedeuten können, lautete einer der Vorwürfe. Ein objektiv gesehen schweres Delikt. Die Stimmung in der Bevölkerung ist damals denn auch klar zu Gunsten der Todesstrafe. Bei Zürcher ist für die Richter von Anfang an klar, dass er vorsätzlich handelte. Feer bestreitet den Vorsatz stets; doch auch bei ihm kommen die Richter zum Schluss, er habe gewusst, dass das von ihm gelieferte Material für den deutschen Nachrichtendienst bestimmt war.

Qualvolles Warten auf den definitiven Entscheid

«Das Schwerste für mich ist das, wenn ich denken muss, was meine lieben Eltern, die für mich ja immer viel Gutes getan haben und es immer nur gut meinten mit mir, und auch meine lieben Schwestern zu leiden haben», schreibt Jakob Feer am 30. September 1942 einem Freund: «Ich glaube Dir, dass Du nicht begreifen kannst, wie ich zu einer solchen Handlung kam, und ich gestehe Dir offen, dass ich heute noch mit diesem Gedanken nicht fertig werde mit mir selber und es einfach nicht begreifen kann.» Er habe «gedankenlos und leichtsinnig» gehandelt, doch «nie wollte ich unserem lieben Vaterland schaden, nie hätte ich an Landesverrat gedacht».

Noch hoffen die Verurteilten auf Begnadigung. Doch das Warten auf den definitiven Entscheid ist qualvoll. «Im allgemeinen wird der Mensch lange bevor er stirbt, durch das Warten auf die Hinrichtung vernichtet», zitiert Buchautor Josef Sidler in diesem Zusammenhang den französischen Schriftsteller Albert Camus: «Ein doppelter Tod wird ihm auferlegt, und der erste ist schlimmer als der zweite.» Am 10. November 1942 lehnt die Eidgenössische Bundesversammlung das Begnadigungsgesuch Feers und Zürchers auf Antrag des Bundesrats und der Begnadigungskommission mit grosser Mehrheit ab. Die Vorbereitungen für die Hinrichtung beginnen. Die 40 Soldaten, welche die Todesschüsse ausführen müssen, werden bestimmt. Sie müssen gemäss Gesetz der gleichen Einheit angehören wie die Verurteilten – Freiwillige oder Dispensierte gibt es nicht. Vor dem Zentralgefängnis Luzern, in dem Feer und Zürcher inhaftiert sind, werden Wachen aufgestellt; Schweizer Frontisten haben angekündigt, die Hinrichtung verhindern zu wollen. Zeitpunkt und Ort der Exekution werden bis zuletzt geheim gehalten.

Paul Kopp, der zuständige Bataillonskommandant (und spätere Luzerner Stadtpräsident), erhält die Aufgabe, den beiden zum Tode Verurteilten die Nachricht zu überbringen. Feer habe nicht antworten können; er sei völlig in sich zusammengesunken gewesen, vertraut Kopp gemäss Josef Sidler später einem Bekannten an. «Werden wir auch gleich tot sein?», habe Zürcher gefragt, was Kopp bejahte. In einem letzten Brief an seine Eltern schreibt Feer am 10. November: «Liebes Mutti, lieber Vater und liebe Geschwister, trauert nicht so um mich, dankt Gott, dass er mir die Gnade verliehen hat, so vorbereitet in den ewigen Frieden einzugehen.» Wenige Stunden später, am kommenden Morgen früh beginnt Feers und Zürchers letzte Fahrt Richtung Hergiswald.

Sieben der vierzig Schützen schossen nicht

Das Begehren von Jakob Feers Vater, beim Tod seines Sohns anwesend zu sein, ist abgelehnt worden. Bei der Nachkontrolle der Gewehre stellt man fest, dass sieben der vierzig Schützen nicht geschossen haben. Auf eine Untersuchung wegen Befehlsverweigerung wird aufgrund der besonderen Umstände verzichtet. Die beiden Hingerichteten werden im Friedental Luzern beigesetzt; ihre Heimatgemeinden lehnen eine Bestattung auf ihren Friedhöfen ab.


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