Berufsweltmeisterschaften: Unser Team in Abu Dhabi

WORLD SKILLS ⋅ An den Berufsweltmeisterschaften kämpfen sieben Zentralschweizer Kandidaten um den Titel. Wir stellen sie vor.
10. Oktober 2017, 05:00

Martina Odermatt

martina.odermatt@luzernerzeitung.ch

Unser Team ist bereit: Am letzten Sonntag sind die 11 Frauen und 27 Männer des Swiss-Skills-Teams nach Abu Dhabi in den Nahen Osten gereist, um sich auf die Berufsweltmeisterschaften vorzubereiten. Diese finden vom 15. bis 19. Oktober in der Hauptstadt des gleichnamigen Emirats statt (Eröffnung am 14. Oktober): zum ersten Mal in einem arabischen Land. Das Schweizer Team wird in 36 Berufswettbewerben gegen Teilnehmer aus der ganzen Welt antreten. Und die Konkurrenz ist gross: Über 1300 Kandidaten aus insgesamt 77 Nationen kämpfen in 50 Berufen um den Weltmeistertitel.

In den letzten Jahren kehrte das Schweizer Team immer mit viel Edelmetall zurück. An den letzten Meisterschaften 2015 in São Paulo räumten die Kandidaten 1 Goldmedaille, 9 Silber- und 5 Bronzemedaillen ab. 2013 in Leipzig holten sie gar 10 Mal Gold, 3 Mal Silber und 5 Mal Bronze – und auch 2011, als die Weltmeisterschaften in London stattfanden, kehrten die Schweizer Kandidaten mit 18 Medaillen im Gepäck zurück.

Bei einigen Berufen dürfen die ­Kandidaten sogar regelmässig aufs Treppchen. Die Landschaftsgärtner etwa räumten in den letzten drei Jahren immer eine Medaille ab: Zwei Mal gab es Gold, letztes Jahr Silber. Wie es unserem Team ergeht, können Sie mitverfolgen: Die Zentralschweizer Kandidaten werden die Daheimgebliebenen über unsere Zeitung täglich mit einem Mail aus Abu Dhabi auf dem Laufenden halten.

Roger Krauer, Konstrukteur: «Ich glaube, wir werden alle baff sein»

Spontan und kreativ sein. Das ist Roger Krauers Geheimwaffe im Kampf um den Weltmeistertitel bei den Konstrukteuren. Denn in seiner Kategorie werde nebst der Schnelligkeit und der Genauigkeit – wo vielleicht Kandidaten aus anderen Ländern eher einen Vorteil hätten – auch die Kreativität bewertet. «Ich gehe spontan an Aufgaben heran und finde fast immer einen guten Weg, wie ich etwas bearbeiten möchte.» Der Konstrukteur freut sich, wenn der Wettkampf am Sonntag endlich losgeht: «Ich bin bereit, meine Leistung abzuliefern!»

Am meisten Respekt hat er vor der Zeit. «Ich hoffe, dass mir kein dummer Fehler unterläuft, der mir viel Zeit raubt», sagt der 22-Jährige aus Grossdietwil. «Wenn ich die Aufgabe nicht beenden kann und mir so Punkte verloren gehen würden, wäre das schon sehr schade.» Um in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren, helfen auch Werkzeuge aus dem Mentaltraining. Was Krauer genau in Abu Dhabi erwartet, kann er noch nicht sagen. «Ich kann es mir noch nicht genau vorstellen.» Aber: «Ich glaube, dass wir alle baff sein werden ab des Ausmasses des Events.»

Marco Michel, Polymechaniker/Automation: «Ab und zu gab es schon auch Tiefs»

«Wir haben lange, viel gemacht für die World Skills. Ich bin froh, wenn es jetzt dann losgeht», sagt Marco Michel. Er freut sich auf den Wettkampf, auch wenn es «stressig und streng» sein werde. Die Erleichterung setze wohl erst am letzten Tag ein, wenn alles vorbei ist. Die intensiven Vorbereitungen hinterlassen ihre Spuren. «Ab und zu gab es schon mal ein Tief. Doch die Vorfreude steigt mit dem nahenden Termin wieder an», so der Polymechaniker aus Kerns.

Nicht nur die Vorfreude, auch der Ehrgeiz packt den 20-Jährigen  wieder mehr. Ursprünglich hätte er sich eine Medaille zum Ziel gesetzt. Doch nun strebe er klar nach Gold. «Schliesslich will jeder hier gewinnen.» Für die Weltmeisterschaft musste Michel vieles ganz frisch lernen. Programmieren und Verkabeln etwa gehören in der Schweiz nicht zur Ausbildung, doch am Wettkampf muss er sich auch darin beweisen. Um sich diese Fertigkeiten anzueignen, absolvierte er Spezialtrainings. Nun fühlt sich Michel auch in diesen Bereichen bereit. Michel hat der Gegnerschaft auch sonst etwas voraus: Er fuhr, bis er 16 war, Skiwettkämpfe. «Mich bringt nichts so schnell aus der Ruhe.»

Cédric Achermann, Automatiker: «Zu einer Medaille sag ich natürlich nicht Nein»

«Es ist spannend, zu sehen, wie Leute aus anderen Ländern arbeiten», sagt Cédric Achermann aus Altbüron. Er hofft, bei den World Skills den einen oder anderen Einblick in die Arbeitsweise von anderen Kandidaten zu bekommen. «Aber ob dafür wirklich Zeit bleibt, das weiss ich nicht», gibt er zu bedenken. Der Automatiker freut sich besonders auf zwei Momente: einerseits, wenn der Startschuss fällt und er mit der Arbeit beginnen kann, und andererseits auf den wohl erlösenden Moment, wenn der Schlusspfiff ertönt und er seine Arbeit abgeben kann. 

Die Vorteile der Schweizer Teilnehmer sieht der 20-jährige Cédric Achermann klar in deren Flexibilität: «Wenn etwas Unvorhergesehenes kommt, können wir trumpfen.» Denn in der Schweiz würden die Lehrlinge besonders breit ausgebildet. Gehe es jedoch um geplante Aufträge, dann seien die Asiaten eindeutig in der besseren Position. Das Ziel des Automatikers: Er will sein Bestes geben. «Aber zu einer Medaille sage ich natürlich auch nicht Nein», sagt er und schmunzelt. Er wolle nicht mit einem Gefühl die Heimreise antreten, dass er mehr hätte machen können.

Simon Furrer, Anlagenelektrik: «Die Eröffnungsfeier soll gigantisch sein»

Grössenwahnsinn. Das ist wohl die beste Beschreibung für Furrers Vorstellung von Abu Dhabi. «Die Eröffnungsfeier soll gigantisch sein», sagt der 22-jährige Anlagenelektriker aus Gunzwil. Er habe gehört, dass sie wunderschön und fast ein bisschen übertrieben sein soll. «Fast wie bei Olympia!» Auch die Hallen, in denen die Wettkämpfe stattfinden, stellt sich Furrer riesig vor – von den Gebäuden und Wolkenkratzern in der modernen Stadt ganz zu schweigen.
Simon Furrer hat seine Konkurrenz bereits analysiert: Besonders die Teilnehmer aus dem asiatischen Raum sind stark im Programmieren – eine der Hauptaufgaben der Anlagenelektrik.

Einschüchtern lässt er sich jedoch nicht. «Ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben. Das Schlimmste wäre, wenn ich mir im Nachhinein Vorwürfe machen müsste, nicht genug vorbereitet gewesen zu sein.» Doch das Training, welches er im vergangenen Jahr absolvierte, habe ihn gut auf den Wettkampf vorbereitet. Unterstützung bekommt Furrer auch von seiner Familie. Diese reist für die Woche mit nach Abu Dhabi und wird ihm von den Publikumsplätzen aus zujubeln und ihn anfeuern.

Nils Bucher, Landschaftsgärtner: «Unser grösster Feind ist die Zeit»

Bei den letzten drei Teilnahmen konnten die Schweizer Landschaftsgärtner stets überzeugen: Zwei Mal Gold und einmal Silber waren der Lohn für die Vorbereitungen und Trainings. Um auch dieses Jahr wieder erfolgreich zu sein, hat sich der 22-jährige Nils Bucher schon eine Taktik überlegt. «Unser grösster Feind wird die Zeit sein. Es ist deshalb wichtig, dass wir das Timing stets im Auge behalten», sagt der Sarner.

Damit das mit dem Timing aufgeht, braucht es auch eine gute Zusammenarbeit. Die Landschaftsgärtner werden gemeinsam antreten. «Dank der Vorbereitung wissen wir nun ganz genau, wer welche Stärken und Schwächen hat», sagt Bucher. Entsprechend würden sie sich auch die Arbeit aufteilen. «Es ist wichtig, dass wir unsere Stärken ausspielen können.» Die groben Aufgaben haben Bucher und Benjamin Räber bereits verteilt. Bei den Feinheiten, die erst kurz vor dem Wettkampf bekanntgegeben werden, müssen sie spontan entscheiden. Eine Herausforderung könnten auch die Pflanzenarten darstellen: Flora und Fauna sind im Wüstenland nun mal anders als bei uns in der Schweiz.

Benjamin Räber, Landschaftsgärtner: «Wir gehen mal dahin und schauen, wie es kommt»

Von Lampenfieber noch keine Spur: Benjamin Räber ist die Ruhe selbst, wenn er von der Weltmeisterschaft spricht. «Wir gehen jetzt mal dahin und schauen, wie es kommt», sagt der 22-Jährige aus Herlisberg bei Beromünster und schmunzelt. «Aber ich freue mich natürlich auf die neuen Erfahrungen und hoffe, auch etwas von der Stadt zu sehen.» Die Vorfreude bei Räber ist trotz der langen Vorbereitungen ungebrochen. Er habe nicht auf viel verzichten müssen, sagt er. Im Gegensatz zu anderen Teilnehmern hätte er noch genug Freizeit gehabt.

Der Rucksack, den die Gärtner im letzten Jahr mit Erfahrungen füllen könnten, sei die beste Voraussetzung für einen Sieg. Räber: «Die Schweiz ist ja immer vorne mit dabei.» Das soll dieses Jahr nicht anders sein. Der Gärtner strebt mit seinem Kollegen die Goldmedaille an. «Dafür geben wir unser Bestes. Aber wir freuen uns auch einfach auf die neuen Erfahrungen.» Möglich macht dies etwa auch der Arbeitgeber. Dass Räber für die Trainings weg war, nahm sein Vorgesetzter in Kauf. «Mein Chef hat mich tatkräftig unterstützt. Dass ich zum Teil wochenweise weg war, hat er akzeptiert», sagt der Landschaftsgärtner.

Maurus von Holzen, Carrossier Lackiererei: «Man lernt immer wieder Neues und hat Spass»

Kurz bevor es losgeht, beschäftigt Maurus von Holzen vor allem eine Sache besonders: die Temperatur. «Ich habe gehört, dass unser Arbeitsplatz auf 21 Grad runtergekühlt wird. In der Kabine, wo wir uns ebenfalls aufhalten, soll es aber so um die 35 Grad heiss sein. Das bereitet mir etwas Kopfzerbrechen», sagt der 21-Jährige aus Dallenwil. Vor allem auch darum, weil er oft zwischen diesen beiden Orten hin und her laufen müsse. 

Er hofft, dass sich der Temperaturunterschied nicht auf seine Arbeit auswirkt. Trotzdem: Von Holzen freut sich auf Abu Dhabi und den Wettkampf. Darauf, endlich sein Können unter Beweis zu stellen nach den langen Vorbereitungen. «Man lernt immer wieder Neues und hat Spass», fasst der Carrossier Lackiererei seine Vorstellung der World Skills zusammen. Das hoffen sicher auch seine Eltern, die ihn bei diesem Abenteuer begleiten. Als Teilnehmer bei dieser Veranstaltung mache er zudem nicht nur gute Erfahrung für sich selbst. Er sieht die Teilnehmer auch als Vorbilder für kommende Lehrlinge. Von Holzen: «Jeder Lehrling ist doch froh, wenn er von jemandem lernen kann, der solche Erfahrungen gemacht hat.»
 

 


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