Was nützen Latein und Handarbeit?

STUDIUM ⋅ Der Kanton möchte Latein und Textiles Gestalten aus dem Untergymnasium streichen. Gegen den Abbau des Lateins wehren sich nun die Fachschaft und der Altphilologenverband. Rückhalt gibt es von den Universitäten – aber nur bedingt.
20. Mai 2017, 08:19

Niels Jost

niels.jost@luzernerzeitung.ch

Die Schüler der Luzerner Langzeitgymnasien haben die Wahl: In der 2. Klasse können sie entweder die Schiene Latein oder die Schiene Natur und Technik einschlagen. Mit der Einführung des Lehrplans 21 im Untergymnasium 2019/20 soll diese Wahl wegfallen. Stattdessen will man unter anderem die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) fördern, da diese im Studium stärker gefragt sind (wir berichteten).

Die Vernehmlassung zu dieser Änderung in der Wochenstundentafel läuft noch bis Mitte Juli. Bereits jetzt zeigt sich: Die kantonale Fachschaft Latein wird sich klar dagegen aussprechen. Deren Präsidentin Christine Stuber begründet: «Vom Lateinunterricht erhalten die Schüler Kompetenzen, die sie in keinem anderen Fach erwerben können.» So werden beispielsweise die Sprachstruktur und die Grundlagen der europäischen Kultur und Literatur vermittelt. «Das schafft Offenheit für Fremdes», sagt Stuber und fügt an: «Gerade in der heutigen Zeit kann das helfen, andere Kulturen oder Sprachen besser zu verstehen.»

ETH: Gute Lateiner, aber sehr wenige

Auch der Schweizerische Altphilologenverband hält fest, dass die Schüler im Lateinunterricht analytisches Denken erlernen – genau das, was ein technisches Studium voraussetze. So zeigt auch eine Studie der ETH Zürich, dass «Maturanden mit dem Schwerpunkt Latein/Griechisch zu den erfolgreichsten Studierenden gehören». Zudem brächten diese Studenten auch persönliche Eigenschaften wie etwa eine allgemein hohe Leistungsfähigkeit und Motivation mit, die sie bereits in diesem «anspruchsvollen Schwerpunktfach» an den Tag legen mussten. Dieselbe Erfahrung macht auch Christine Stuber: «Lateinschüler sind sehr diszipliniert», sagt sie dazu.

Einziger Wermutstropfen für die Latein-Liebhaber: Die Erkenntnisse aus der Studie, die bereits 2008 durchgeführt wurde, seien nur mit Vorsicht zu geniessen, heisst es auf Anfrage bei der ETH: «Die Zahl der Studierenden, die mit einem Schwerpunkt alte Sprachen an die ETH kommen, ist sehr klein», sagt Sprecherin Claudia Naegeli. Dass sich diese Personen häufig als gute Studenten erweisen, sei deshalb nicht überraschend. Naegeli sagt denn auch: «Entscheidend für den Studienerfolg sind in erster Linie Motivation und Leistungsbereitschaft.» Ähnliches ist auch von der Universität Zürich zu hören. Ob sich Schüler mit dem Schwerpunktfach Latein ebenso für ein technisches Studium eignen wie jene mit einem Mint-Schwerpunkt, habe man nicht erhoben. Sprecherin Nathalie Huber sagt: «Jede Schweizer Matura sollte unabhängig vom gewählten Schwerpunktfach zu jedem Studium befähigen.»

Für Christine Stuber ist dennoch klar: Streicht man den Lateinunterricht aus dem Untergymi, wird den Schülern der frühe Zugang zu dieser alten Sprache verwehrt. Die Folge: Weniger Schüler schreiben sich fürs Schwerpunktfach ein. Deshalb hat der Altphilologenverband eine Online-Petition lanciert. Knapp 3200 Personen haben diese bereits unterzeichnet, wohlgemerkt viele aus der Westschweiz. Die Petition (übrigens ein lateinischer Begriff für «Bitte») möchte man demnächst übergeben.


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