Weiterbildungen sind so gefragt wie nie

ARBEITSMARKT ⋅ Eine Studie bringt nicht nur spannende Erkenntnisse über die Löhne der Abgänger von Fachhochschulen. Sie zeigt zudem, dass das Angebot an weiterführenden Kursen boomt. Auch die Hochschule Luzern profitiert.
30. Mai 2017, 05:00

Martina Odermatt

martina.odermatt@luzernerzeitung.ch

Wer in Zürich arbeitet, verdient mehr, als wenn er denselben Job in Luzern ausüben würde. So weit das Vorurteil. Dies muss nicht zwingend der Fall sein, wie die neuste Lohnstudie der Fachhochschule Schweiz zeigt. Der Dachverband der Absolventinnen und Absolventen Fachhochschulen (kurz FH Schweiz) führt alle zwei Jahre zusammen mit den Fachhochschulen eine nationale Studie durch, dabei werden Fachhochschulabsolventen zu den Themen Lohn, Weiterbildung und Arbeitssituation befragt.

Für die Zentralschweiz heisst das konkret: Die bestbezahlten Fachhochschulabsolventen arbeiten in der öffentlichen Verwaltung. Mit 120000 Franken Bruttolohn im Jahr ist diese Branche sogar besser bezahlt als in Zürich. Dort verdienen FH-Absolventen laut der Studie 118500 Franken. Auch in Pharma- und Chemiebetrieben ist der Lohn in Luzern etwas besser als in Zürich. Wesentlich tiefer sind die Löhne der Absolventen in der Kunst-, Kultur- und Unterhaltungsbranche. Wichtig zu wissen: Bei diesen Löhnen handelt es sich nicht um Einstiegslöhne, sondern um den Median (Erläuterung siehe Grafik) aller Teilnehmer. Doch auch der Einstiegslohn kann sich sehen lassen. «Der Einstiegslohn im Fachbereich Wirtschaft und Dienstleistungen liegt bei gut 80000 Franken, bereits im unteren Kader liegen gut 100000 Franken drin, und das obere Kader kann mit 150000 rechnen», sagt Toni Schmid, Geschäftsführer von FH Schweiz. An der Studie haben schweizweit über 10000 Fachhochschulabsolventen teilgenommen, 60 Prozent von ihnen sind in einer Kaderfunktion tätig.

In der Studie auch erkennbar ist der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern. Verena Glanzmann, Dozentin am Institut für Betriebs- und Regionalökonomie an der Hochschule Luzern, befasst sich schon seit längerem mit dieser Thematik. «Bei der letzten Lohnstudie von 2015 ist mir aufgefallen, dass auch Absolventinnen, die direkt vom Studium kommen, weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.» Durch Expertenbefragungen fand man die Ursache: «Frauen sind weniger fordernd», sagt Glanzmann. Sie wüssten oft nicht, was sie überhaupt verlangen dürften, oder «sie fordern tendenziell zu wenig, um ein inhaltlich spannendes Jobangebot zu bekommen». Glanzmann versucht Führungspersonen im Rahmen ihrer Weiterbildung dafür zu sensibilisieren. «Für mich ist es auch eine ethische Frage, dass man für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn zahlt.»

Auch HSLU profitiert vom Weiterbildungsboom

Trotz Lohnschere: Vier von fünf Absolventen schweizweit sind mit ihrer beruflichen Situation zufrieden. Jedoch haben noch nie zuvor so viele Personen angegeben, dass sie eine Weiterbildung planen. Rund jeder vierte Fachhochschulabsolvent plant ein CAS (Certificate of Advanced Studies) oder DAS (Diploma of Advanced Studies) (siehe Box). Auch Fach- und Führungskurse sowie MAS (Master of Advanced Studies) und EMBA (Executive Master of Business Administration) sind begehrt. «Dass so viele an eine Weiterbildung denken, hat uns schon überrascht», erklärt Toni Schmid. Das merkt auch die Hochschule Luzern: «Die Nachfrage nach modular aufgebauten Weiterbildungsmöglichkeiten ist in den letzten Jahren gestiegen», bestätigt Sigrid Cariola, Sprecherin der Hochschule Luzern. Dieses Angebot ermögliche es den Studierenden, ein Portfolio zusammenzustellen, das auf ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist.

In den letzten fünf Jahren wurden 21 neue Weiterbildungsangebote (MAS, EMBA, CAS, und DAS) an der Hochschule Luzern geschaffen. Somit verfügt die Hochschule Luzern heute über 208 solcher Kurse. Auch die Anzahl Studenten hat sich von rund 4200 auf 4590 erhöht. Die meisten Angebote gibt es beim Departement Wirtschaft. Wenig verwunderlich, dass dort auch mit Abstand am meisten Studenten eingeschrieben sind.

«Ich lernte, wie ich in Sitzungen artikulieren muss»

Vor kurzem hat zum Beispiel Thierry Wyss (49) den Executive MBA im Departement Wirtschaft an der Hochschule in Luzern abgeschlossen. Er leitet den Verkauf bei der Firma Hug in Malters. «Ich wollte mir wissenschaftliches Wissen aneignen, um meine berufliche Position zu stärken und zu festigen. Ich lernte, wie ich in strategischen Fragestellungen meinem Arbeitgeber mehr von Nutzen sein kann», erklärt er seine Beweggründe für die zweijährige Ausbildung. Er nennt auch gleich ein Beispiel dafür, wie er vom Kurs profitierte. «Es ist, als ob ich früher nur die weissen Tasten auf dem Klavier benutzt hätte. Heute kann ich auch die schwarzen Tasten spielen.» Dass Thierry Wyss die Weiterbildung überhaupt begonnen hatte, verdankt er einem befreundeten Dozenten. Dieser war überzeugt, dass der EMBA Wyss zusagen würde. «Mit meiner langjährigen Praxiserfahrung war dieser Exekutive Master das Richtige für mich.»

Nicht nur die Zahl der Absolventen steigt, sondern auch die Vielfalt an Weiterbildungsangeboten. Laut der Studie scheinen sich Frauen mehrheitlich für kürzere, situationsbezogene Weiterbildungen zu entscheiden, so etwa CAS oder DAS, wogegen Männer eher einen Weiterbildungsmaster wählen. In Luzern sei dies nicht spürbar, sagt Verena Glanzmann. Aber: «Viele Frauen, die ­ein CAS absolvieren, sind um die dreissig oder älter. Sie wollen zuerst schauen, wie sie Studium und Familie miteinander vereinbaren können.»

Berufsfelder verändern sich schnell

Interessant: Laut Studie fühlen sich viele Absolventen durch ihr Studium gut auf die Veränderung des Berufes vorbereitet, dennoch boomt die Weiterbildung. Ein Widerspruch? «Keineswegs», sagt Schmid von der FH Schweiz. «Man ist einerseits gut vorbereitet, aber es braucht nebst Erfahrungen und Bildung bei der Arbeit auch immer wieder Weiterbildungen, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Das eine ersetzt das andere nicht.» Gerade weil sich das berufliche Umfeld relativ schnell ändere. Die Hälfte der Absolventen gab an, dass sich ihr Berufsfeld in den letzten fünf Jahren «ziemlich stark» verändert hat, und über die Hälfte ist der Meinung, dass es sich auch in den kommenden fünf Jahren «ziemlich stark» verändern wird. Ursache für diese Veränderungen sind für 60 Prozent der Absolventen die technologische Entwicklung und veränderte Organisationen.

Auch Unternehmen würden darauf grossen Wert legen. «Firmen wollen das Know-how in der eigenen Unternehmung wissen.» Denn wie die Berufe und die Kompetenzen in zehn Jahren aussehen, wenn die Digitalisierung weitere Bereiche erschlossen hat, wisse man heute noch nicht. Und Dozentin Glanzmann fasst zusammen: «Um das lebenslange Lernen kommt man in der heutigen Zeit nicht mehr herum.»


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