Wie Steff den Schuldenberg von 270’000 Franken bezwang

FINANZEN ⋅ Mitte 30 und 270’000 Franken Schulden: Das Loch, in das er sich gegraben hat, schien boden-, die Zukunft hoffnungslos. Dass ihm die Wende trotzdem gelungen ist, macht die Geschichte eines Luzerners um so bemerkenswerter.
15. April 2018, 05:00

Ismail Osman

ismail.osman@luzernerzeitung.ch

Steff Durrers* Geschichte dient sowohl als Warnung wie auch als ermutigendes Beispiel. Sie zeigt einerseits auf, wie schnell sich ein junger Mensch in den Ruin treiben kann. Aber auch, dass es möglich ist, aus einem Leben, das in Scherben liegt, ein komplett neues und erfolgreiches aufzubauen.

Wo soll man einsteigen, um zu erklären, wie man mit Mitte 30 vor einem Schuldenberg von über 270 000 Franken stehen kann? Muss man zurück zur Kindheit im Seetal, zum schweren ADHS und zum Ritalin? Muss man in die Jugend, wo die Ritalin-Behandlung wegen der Pubertät ausgesetzt wurde? Ist das der Grund, dass harte Drogen ins Spiel kamen? «Vielleicht», sagt der heute 43-Jährige mit schwerer Stimme. Es ist eine Vergangenheit, die er zwar nicht verdrängen will. Den Emotionen, die in seinem Blick mitschwingen, entnimmt man aber nur zu deutlich, dass er auch nicht zu lange in dieser mit Schmerzen verbundenen Vergangenheit verweilen will.

Als Teenager auf dem Platzspitz

«Tatsache ist, dass ich bereits als Teenager in die Drogen rutschte», sagt Durrer. Er erlebt 1992 noch das Ende der offenen Szene auf dem Zürcher Platzspitz und später dem Letten mit. Für harte Drogen musste er aber nicht zwingend bis nach Zürich. «Es war damals im Seetal für einen Minderjährigen einfacher, an Heroin zu kommen als an eine Stange Bier. Koks war schwieriger aufzutreiben – und wesentlich teurer.» Dafür musste Geld her. Zwar absolvierte er trotz der bereits starken Sucht eine Lehre als Töfflimech. Der Lohn reichte aber längst nicht aus.

Was folgte, war absehbar: Beschaffungskriminalität. «Was nicht niet- und nagelfest war, war nach mir nicht mehr da», sagt Durrer rückblickend. Und so kam der Tag, an dem die Polizei wegen eines Einbruches vor Durrers Türe stand. Rund vier Monate verbrachte der damals 21-Jährige in Untersuchungshaft. Dann folgte die erste stationäre Massnahme zur Suchtbewältigung. Es folgten drei intensive Jahre, mit Durchbrüchen und Rückschlägen verbunden. Dann schaffte es Steff Durrer, die Drogensucht hinter sich zu lassen.

Die Schulden belasteten die junge Familie

Was jedoch blieb, waren die Schulden, die sich bereits angehäuft hatten: nicht bezahlte Rechnungen, Steuern, Krankenkassenprämien und anderes. Dennoch: Es ging aufwärts. «Ich war Ende 20 und fand einen neuen Job, der zu einer Ausbildung als Sozialpädagoge führte.» In dieser Zeit kam es auch zu einer ernsthaften Beziehung, die innert Kürze zu zwei Kindern führte. Alles ging plötzlich sehr schnell, so als sollten die davor verlorenen Jahre im Schnelldurchlauf kompensiert werden. Vielleicht ging es zu schnell, denn der Druck der Schulden – mit dem Briefkasten voller Mahnungen, Strafgebühren und Betreibungen – wich nie und beeinflusste das Leben der jungen Familie zunehmend. «Als dann die Beziehung 2005 zerbrach, verlor ich komplett den Halt», sagt Durrer. Ein Jahr verbrachte er im freien Fall. Ausbildungsabbruch, Arbeitslosigkeit, durchzechte Nächte, Obdachlosigkeit. Die Schulden türmten sich weiter auf, hinzu kamen jetzt auch noch die Alimente für die beiden Kinder. Dennoch gelang es Durrer, das Steuer herumzureissen und sich wieder zu fangen.

Und hier beginnt sich die Geschichte von Steff Durrer zu wenden. «Ich wusste damals nur eines: So geht es nicht weiter.» Denn was es bedeutet, als schwer Überschuldeter durchs Leben zu gehen, erfuhr Durrer in aller Konsequenz: «Ich lief beispielsweise fast ein halbes Jahr mit gerissenen Bändern am Fuss herum. Weil ich meine Krankenkassenprämien nicht bezahlen konnte, stand ich auf der schwarzen Liste und wurde nicht behandelt, da es kein Notfalleingriff ist.» Eine neue Wohnung zu suchen, wurde zum Ding der Unmöglichkeit: «Mein Betreibungsregisterauszug umfasste neun Seiten – da muss man sich keine Hoffnungen machen.»

Doch Steff Durrer setzte sich ein Ziel: ein beruflicher Neuanfang. Und er unternahm einen ersten Schritt dazu: «Ich konnte eine Lehre als Maurer antreten und hatte das Glück, für einen Polier zu arbeiten, der mir eine Chance gab und mich förderte.» Ein Lehrlingslohn als Mittdreissiger bedeutete aber auch, dass weitere Schulden unvermeidlich waren. 2010 liess er mit Hilfe der Fachstelle für Schuldenfragen Luzern den Konkurs über sich eröffnen. «Das brachte mir zwar keine Erlösung, aber ich hatte erstmals etwas Ruhe. Mein Leben normalisierte sich ab diesem Zeitpunkt.»

2013 meldete sich Durrer, mittlerweile mit abgeschlossener Maurerlehre und einem 100-Prozent-Job auf dem Bau, erneut bei der Fachstelle für Schuldenfragen an. Dort zog man eine ernüchternde Bilanz: Steff Durrer war mit 37 Jahren rund 30 Gläubigern insgesamt über 270 000 Franken schuldig. Ein Budget wurde erarbeitet, mit dem Durrer sich nicht mehr neu verschulden und einen Teil seiner bisherigen Schulden abzahlen konnte. Die Fachstelle für Schuldenfragen ging aber auch auf die Gläubiger zu und zeigte ihnen die Situation auf. Es wurde ein Prozentsatz vorgeschlagen, welchen Durrer in Raten und innerhalb nützlicher Frist – sprich: innerhalb von drei Jahren – realistischerweise zurückzahlen könnte. Konkret: noch rund 13 Prozent der geschuldeten Summe. Die Mehrheit der Gläubiger stimmte zu, und so wurde 2014 ein gerichtliches Nachlassverfahren eingeleitet.

Ende vergangenen Jahres zahlte Durrer die letzte dieser Raten ab und ist seither finanziell saniert – sein Name wurde von der schwarzen Liste gestrichen, der Betreibungsregisterauszug wieder blank.

Vom Junkie zum Polier

«Als ich die letzte Zahlung machte, war es komplett emotionslos, was mich selbst etwas überraschte», sagt Durrer. Vielleicht liegt es daran, dass er in seinem Leben mittlerweile beeindruckend weit vorwärtsgegangen ist. So hat sich Durrer in der Zwischenzeit vom Maurer zum Polier hochgearbeitet und ist glücklich verheiratet. «Meine Frau hat mir in all den schwierigen Jahren enorm geholfen. Ohne sie und die Hilfe der Schuldenberatung stünde ich heute nicht vor diesem neuen Leben.» Die Fachstelle für Schuldenfragen sei denn auch der einzige Grund, weshalb Steff Durrer seine Geschichte nun öffentlich mache: «Ich war ein schwieriger Fall, aber mir konnte geholfen werden – nur muss man wissen, dass es diese Hilfe da draussen überhaupt gibt.»

Die Zeit in den Schulden sei psychologisch schwerer zu verarbeiten gewesen als die Drogensucht, sagt Steff Durrer mit einem letzten Blick zurück. Denn der Schuldendruck sei ein konstanter gewesen, der sich immer weiter auftürmte. «Ich habe dadurch mindestens 15 Jahre meines Lebens weggeworfen. Jetzt habe eine neue Chance erhalten. Diese will ich unbedingt nutzen.»

Hinweis

* Name der Redaktion bekannt.


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