Wiedereingliederung für Arbeitslose über 50: Stiftung erntet Kritik

ARBEITSMARKT ⋅ Mit einer neuen Software wollte SVP-Nationalrat und Unternehmer Franz Grüter die Arbeitslosigkeit im Alter bekämpfen. Trotz einiger Erfolge muss sich Grüter Kritik anhören.
14. August 2017, 05:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Seit bald zwei Jahren vertritt Franz Grüter (SVP) aus Eich das Luzerner Stimmvolk im Nationalrat, wo er als umtriebiger Neuer bereits viel von sich reden gemacht hat. In der Zwischenzeit still geworden ist es allerdings um seine Anfang 2015, just im Vorfeld der Nationalratswahlen, gegründete «Schweizerische Stiftung für Arbeit und Weiterbildung». Mit dieser wollte Grüter die prekäre Situation für ältere Arbeitssuchende entschärfen. Sie versprach, Ausgesteuerten, speziell Menschen über 50, zu helfen, wieder Fuss im Arbeitsmarkt zu fassen. Eine Partnerfirma bot dazu Schulungen und Stellenprofilanpassungen an. Diese Firma, gegründet und geführt vom Aargauer Tino Senoner, wollte sich auch um die Vermittlung kümmern – mittels einer ausgeklügelten Software. 2013 hatte sie bereits den Bereich «50 plus» der Stiftung Speranza übernommen. Für diese Idee heimste Grüter damals von verschiedenen Seiten Anerkennung ein.

Zweieinhalb Jahre sind seit der Stiftungsgründung vergangen – die schwierige Situation für ältere Stellensuchende hat aber auch Franz Grüter nicht grundlegend entschärfen können (siehe Kasten). «Von der Wirkung dieser Stiftung spüren wir nicht viel», bestätigt denn auch Heidi Joos, Geschäftsführerin des Verbands Avenir 50 plus. Der Verband, der vor fünf Jahren als Selbsthilfeprojekt ins Leben gerufen wurde, ist in der ganzen Schweiz aktiv und bietet gratis Beratungsdienstleistungen für Betroffene an. Für Joos liegt die Vermutung nahe: «Die Gründung der Stiftung durch SVP-Nationalrat Franz Grüter kommt einer PR-Aktion gleich.» Sie habe wohl in erster Linie seiner Wahl in den Nationalrat gedient. Zahlen, die den Erfolg der Stiftung untermauern, sucht man denn auch auf der Internetseite vergeblich. Hat die Schweizerische Stiftung für ­Arbeit und Weiterbildung tatsächlich Staub angesetzt, bevor sie überhaupt richtig in die Gänge gekommen ist?

125 über 50-Jährige haben dank der Stiftung einen neuen Job

Franz Grüter kann diese Kritik nicht nachvollziehen. «Ich sah, dass gehandelt werden musste, und ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben.» Viel Zeit und Herzblut habe er in dieses Projekt gesteckt. «Während andere vom Inländervorrang sprechen, leisten wir einen aktiven Beitrag dazu.» 243 Stellensuchende hat die Partnerfirma Dynajobs gemäss eigenen Angaben bereits vermitteln können. «Davon waren 125 über 50 Jahre alt», sagt Tino Senoner, Teilinhaber und Stiftungsratsmitglied. Die überwiegende Mehrheit (173) hat die Stiftung finanziell unterstützt. Für 70 erfolgreiche Vermittlungen von Ausgesteuerten haben kantonale Sozialdienste die Kosten übernommen.

Bei Stiftungsgründung lag der Hauptfokus auf der Vermittlung von Arbeitssuchenden über 50. Das hat sich inzwischen geändert. Bereits 2016 hat die Stiftung ihre Tätigkeit auf Sozialdienstbezüger aller Altersklassen ausgedehnt. Ziel sei nie ein engstirniger Fokus gewesen, erklärt Senoner. «Wir sind grundsätzlich der Ansicht: Wer in der Schweiz lebt und hier arbeiten will, der soll das auch können.» Von seinem «Matching-Tool», auf das die Stiftung kein Exklusivrecht habe, sollen alle profitieren. Und tatsächlich unterstützt die Stiftung immer mehr Arbeitssuchende. Im Gründungsjahr vermittelte man 52 Arbeitssuchende, 2016 bereits 81. Im laufenden Jahr haben schon 98 Personen dank der Unterstützung der Stiftung eine neue Stelle gefunden. Gestiegen ist in diesem Zeitraum auch der Stiftungsaufwand: von 72 020 Franken im Jahr 2015 auf nunmehr 160 560 Franken allein für das ersten Halbjahr 2017. Eingerechnet sind auch Beiträge der Sozialdienste.

Grüter weiss, dass das Vermitteln von älteren Arbeitslosen eine besondere Herausforderung ist. Und dass die Erfolge seiner Stiftung «nur ein Tropfen auf den heissen Stein sind». Deshalb will er seinen «innovativen» Ansatz weiter vorantreiben. Nachdem die Stiftung sich bereits in den Kantonen Luzern und Aargau etabliert hat, stosse man aktuell in die Ostschweiz vor. Mit den Kantonen Bern und Freiburg ist man im Gespräch. «Modernste IT-Mittel haben schon ­vielen Betroffenen geholfen, und wir hoffen, dass künftig noch mehr davon profitieren.» Vielleicht wird sich auch das Sekretariat für Wirtschaft (Seco) künftig für diese Vermittlungssoftware starkmachen? Grüter hofft zumindest, dass bereits geführte Gespräche Früchte tragen werden. Mit mehr finanziellen Mitteln stehe schliesslich einem Ausbau nichts mehr im Weg. Noch verfügt die Stiftung über ein Vermögen im sechsstelligen Bereich, sagt Grüter, ohne sich konkret in die Bücher schauen zu lassen. Sie sei nicht zuletzt wegen regelmässiger Spendenbeiträge selbsttragend.

Dass es ältere Bewerber schwer haben, einen neuen Job zu finden, darin sind sich alle einig. Wieso dem so ist und wie die gegenwärtige Situation zu entschärfen ist, darüber gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Während SVP-Nationalrat Grüter glaubt, in der «innovativen» Vermittlungssoftware, entwickelt von der Partnerfirma seiner Stiftung, eine Antwort auf das Problem gefunden zu haben, steht für Heidi Joos, Geschäftsführerin von ­Avenir 50 plus, fest: «Nichts gegen eine gute Software, doch sie allein reicht nicht aus, um dem Problem beizukommen.»

Wegen Personenfreizügigkeit: Mehr Junge aus dem Ausland

Ein Hauptgrund, der die Jobsuche für ­ältere Bewerbende in der Schweiz erschwere, liegt laut Joos in den Pensionskassenbeiträgen. Für ältere Angestellte müssen Arbeitgeber mehr einzahlen als für jüngere. In Zeiten, wo Kostenoptimierung das oberste Gebot sei, würden deshalb viele Arbeitgeber jüngere und billigere Arbeitskräfte aus dem Ausland holen. «Das ist eine gängige Praxis seit der Einführung der Personenfreizügigkeit.» Das Nachsehen hätten die hiesigen Arbeitssuchenden, besonders ältere. «Leider hat es das Parlament bei der Beratung der Alters­reform verpasst, sich für eine altersneutrale Lösung bei den Pensionskassenbeiträgen zu entscheiden», zeigt sich Heidi Joos enttäuscht.

Zudem nehme die politische Elite fälschlicherweise an, dass sich das Problem der zunehmenden Erwerbslosigkeit im Alter von allein löse. Erwarte sie doch wegen der anstehenden Pensionierung der Babyboomer-Generation einen Fachkräftemangel. «Dabei werden die Auswirkungen der Digitalisierung der Arbeit komplett unterschätzt», sagt Joos. Selbst wenn diese schliesslich mehr Stellen schaffen als wegrationalisieren sollte, liessen sich nicht sämtliche ältere Jobsuchende über Nacht zu IT-Spezialisten umfunktionieren. Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, fordert Joos deshalb eine politische Grundsatzdiskussion. Denn was heute Ausgesteuerten und älteren Sozialhilfebezügern auf der Stellensuche zugemutet werde, die zuvor ein Leben lang gearbeitet hätten, sei würdelos. «Benötigt es allenfalls eine zweite Arbeitslosenversicherung für diese Betroffenen? Oder braucht es gar ein Grundeinkommen für alle über 50?»


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