Luzerner Gemeinden wollen Rotlichtmilieu in die Schranken weisen

SEXGEWERBE ⋅ Bordelle, Saunaclubs oder Striptease-Lokale haben im Kanton Luzern je länger je mehr einen schweren Stand. Aktuellstes Beispiel dafür ist Sursee, wo ein neues Reglement den Druck auf eine Kontaktbar erhöht.
14. April 2018, 08:29

Evelyne Fischer
evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

Unten Kontaktbar, oben Animierdamen: Rund 30 Jahre lang hatte sich im «Krienbrüggli» in der Luzerner Kleinstadt das horizontale Gewerbe eingemietet. Seit kurzem ist Schluss damit: Auf das Puff sollen nun Wohnungen folgen.
 
Das «Krienbrüggli» war einer von rund 110 Sexbetrieben im Kanton. Solche gibts auch auf der Landschaft: In St. Erhard («VIP Riviera»), in Rickenbach («Studio Blue Rose») oder in Hochdorf («Chriesiloch»). Eine kurze Umfrage in Gemeinden mit solchen Etablissements zeigt: Die Hüllen dürfen wohl fallen – aber lieber nicht vor der eigenen Haustüre. 

Gemeinden passen ihre Regelwerke an

Sempach («A2 – The Club») hat im Jahr 2007 das Bau- und Zonenreglement angepasst und einen Mindestabstand von Sexbetrieben zu Wohnzonen festgelegt. «Aufgrund schlechter Erfahrungen aus früheren Jahren mussten wir feststellen, dass ein Etablissement in unmittelbare Nähe einer Wohnzone zu Störungen und Belästigungen führt», sagt Bruno Häfliger, Leiter des Regionalen Bauamts Oberer Sempachersee.

In Büron («Red Moon Club») besteht wegen der Kontaktbar mitten im Dorf zwar aktuell «kein Handlungsbedarf», sagt Gemeindepräsident Jürg Schär (CVP). «Aber mit der Revision des Bau- und Zonenreglementes im Jahr 2021 wird dieses Thema sicher geprüft.»

In Pfaffnau («Hot Dreams») ist dieser Schritt schon fast vollzogen: «Wir haben im Bau- und Zonenreglement neu ein Verbot von Sexgewerbe in Wohnzonen vorgesehen», sagt Gemeindepräsident Thomas Grüter (CVP). Der Sexclub im Industriegebiet – mit dem kommunalen Werkhof im Erdgeschoss – bereite zwar «gar keine Probleme». Vor Jahrzehnten hatte man aber ein Etablissement in der Wohnzone. «Dieses war nicht zonenkonform und bereitete oft Schwierigkeiten.»

Ähnliches beobachtet man in Sursee: Im Zuge der Ortsplanungsrevision wird das Bau- und Zonenreglement angepasst. Die Paragrafen sollen künftig unter anderem weiteres Sexgewerbe von der Altstadt fernhalten, wie die «Surseer Woche» berichtete.

Sexverbot auf Wunsch des Altstadt-Quartiervereins

«Der Artikel über das Verbot solcher Betriebe wurde vorsorglich aufgenommen», sagt Bauvorsteher Bruno Bucher (FDP). Bereits mit der Erstauflage der Ortsplanungsrevision wurden im Gebiet Suren- und Altstadtgasse sowie beim Mühleplatz, beim Hirschenplatz und beim Platz zur Farb keine Sexbetriebe toleriert. «Insbesondere auf Wunsch des Quartiervereins Altstadt und Anwohnern soll das Verbot nun auf die ganze Altstadt und die Vorzonen ausgedehnt werden.»

Der Quartierverein Altstadt spricht von einer «flächendeckenden Lösung», hat aber insbesondere die «Rössli»-Kontaktbar vor Augen. «Diese hat 365 Tage bis weit nach Mitternacht offen und bringt Unruhe mit sich», sagt Präsident Rainer Jacquemai. Zwar bemühe sich der Betreiber, die Lärmbestimmungen einzuhalten. Auch sei die «Kontaktbar mit Puff» aktuell das einzige Etablissement seiner Art. «Aber wir wollen weg vom Schmuddelimage, bevor neue Betriebe dazukommen. Die Bewohner der 200 Altstadt-Wohnungen sind extrem tolerant. Aber so, wie das Nachtleben heute läuft, ist es nicht mehr tragbar.» Ab und zu fahre die Polizei vor. «Auch Razzien kommen vor.» Aufgrund der Nachtruhestörungen verlangt der Verein, dass die jetzigen Regeln in puncto Lärm nicht gelockert werden. «Ab Mitternacht soll hier Ruhe herrschen.»

Den Vorwürfen von Jacquemai widersprechen sowohl «Rössli»-Besitzer Ismailaki Ilazi als auch die Zahlen der Luzerner Polizei. «Es gibt Meldungen wegen Nachtruhestörungen, aber nicht mehr als andernorts», sagt Sprecher Simon Kopp. «2018 führten wir eine Routinekontrolle durch, von Razzien ist auch in den Vorjahren nichts bekannt.»

Bis auf Weiteres droht dem «Rössli» noch kein Ungemach: Zunächst muss der Stadtrat nun die 25 Einsprachen gegen das Bau- und Zonenreglement behandeln, die während der zweiten Auflage eingegangen sind. Das Geschäft soll den Stimmbürgern Anfang 2019 zur Beschlussfassung vorgelegt werden. Zudem gilt beim «Rössli» die Bestandesgarantie. Dass der Druck auf den Betrieb durch den neuen Paragrafen steige, sei allerdings nicht von der Hand zu weisen», sagt Bauvorsteher Bucher. «Der Stadtrat setzt damit ein Zeichen, dass das ‹Rössli› auch in Zukunft gesetzeskonform geführt werden muss. Dazu gehört unter anderem die Verantwortung des Betreibers, ausserhalb seines Lokals in der näheren Umgebung für Ruhe und Ordnung zu sorgen.» Würden sich Lärmklagen von verschiedenen Personen oder Institutionen wiederholen, «könnte dem Betrieb die Schliessung drohen».
 

110 Sexbetriebe im Kanton Luzern

Bislang fehlen Zahlen zu den Angestellten von Kontaktbars oder Bordellen. Grund: Noch immer gibt es im Kanton Luzern kein Gesetz über die Sexarbeit. Die Rede ist von rund 110 Sexbetrieben – die meisten mit Standort Stadt Luzern. Sie sollen bewilligungspflichtig werden. Die Regierung will das Gastgewerbegesetz bis 2020 anpassen (Artikel vom 28. März).

Im Entwurf zum Gesetz über die Sexarbeit (2015) schrieb die Regierung von rund 600 Sexarbeiterinnen und -arbeitern, rund 20 davon auf dem Strich. Die Dienststelle Wirtschaft und Arbeit (Wira) verzeichnete 2017 3940 Meldungen zu Sexarbeitenden als Kurzzeitarbeitskräfte. Laut Wira ist davon auszugehen, dass sich immer wieder dieselben Personen anmelden, um die erlaubten Tage wirtschaftlich auszunutzen. 

(fi)

«Soziale Kontrolle fehlt in Industrie»

Dass das Sexgewerbe nun in Sursee unter Druck gerät, beobachtet der Luzerner Verein «Lisa» mit Sorge. Dieser vertritt seit 2013 die Interessen der Sexarbeiterinnen. «Es scheint, als hätte die Verlegung des Stadtluzerner Strassenstrichs in die Gewerbezone Ibach 2012 auf Landgemeinden eine gewisse Signalwirkung gehabt», sagt Präsidentin und Alt-SP-Regierungsrätin Yvonne Schärli. Eine Verlagerung gefährde die Sicherheit der Frauen. «Im belebten Städtli spielt die soziale Kontrolle, nicht aber in der unbewohnten Industrie.»

Das Argument des Trubels lässt Schärli nicht gelten. «Bei einem solchen Etablissement handelt sich in der Regel um ein stilles Gewerbe, ohne Autoverkehr. Wer eine Kontaktbar betritt, will kaum besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.» Das Problem dürfte woanders liegen: «Die Gesellschaft hat moralische Bedenken gegenüber diesem Gewerbe. Eine Kontaktbar stört das Bild des beschaulichen Sursees.» Aber ein Nebeneinander sollte möglich sein. «Die Tätigkeit im Sexgewerbe ist eine Erwerbsarbeit, dies gilt es zu akzeptieren. Nur weil man das Gewerbe verschiebt, verdrängt man es nicht. Es gibt Kundschaft dafür.»

(fi)

  • Die Rössli Nightbar in Sursee. (© Boris Bürgisser)
  • Blick in ein Zimmer im «Rössli»: «Was die Frauen dort machen, ist ihre Sache», sagt Besitzer Ismailaki Ilazi. (© Boris Bürgisser)
  • Dieser Zeitungsartikel aus dem Jahr 1981 hängt über der Bar im Treppenhaus. (© abfotografiert: Boris Bürgisser)

Das «Rössli» in Sursee ist eine von vielen Kontaktbars im Kanton Luzern. Die Nightbar sorgte schon national für Schlagzeilen.


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