Prix Caritas 2017: Schweizer «Friedenspreis» am Tag 1 nach dem Krieg

LUZERN ⋅ Zwei kolumbianische Menschenrechtsaktivisten wurden für ihren Einsatz geehrt. Wenige Stunden, nachdem 6803 Guerillakämpfer 7132 Waffen abgegeben hatten.
28. Juni 2017, 17:31

Ein Stück Weltpolitik in der Schweiz. So fühlte sich am Mittwoch Abend für einen Moment die Verleihung des Prix Caritas 2017 an. Der weltpolitische Hauch, der durch das Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) wehte, war allerdings eher einem glücklichen Zufall denn hoher Diplomatie zu verdanken. Just am Tag, nach dem der kolumbianische Präsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos und der Chef der Guerillaorganisation Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc), Rodrigo Londoño, in Mesetas das Ende des jahrzehntelangen bewaffneten Kampfers gefeiert hatten, wurden zwei Menschenrechtsaktivisten aus Kolumbien für ihren Friedenseinsatz geehrt.

Mit Blick auf den historischen Tag in Lateinamerika war der Zeitpunkt der Auszeichnung für das Hilfswerk und die Preisträger gleichermassen eine glückliche Fügung. Diese durften sich denn auch nach allen Regeln der Kunst ehren lassen – von Staatssekretär Mario Gattiker ebenso wie von Caritas-Präsidentin Mariangela Wallimann-Bornatico. Mit gutem Grund: Die beiden Anwälte Luz Estela Romero und Ricardo Esquivia setzen sich seit Jahren für den Friedensprozess und die Respektierung der Menschenrechte in Kolumbien ein. In einem Land, in dem Krieg und Gewalt seit den 1960er-Jahren mehr als 200000 Tote und sechs Millionen Vertriebene gefordert haben.

«Historischer Schritt, aber nicht ausreichend»

Das Ende des bewaffneten Konfliktes deutet Aktivistin Romero im Gespräch mit unserer Zeitung als «historischen Schritt, aber als nicht ausreichend». Esquivia ergänzt: «Es ist ein Symbol der Hoffnung. Vielleicht verstehen wir heute das Ausmass dieses Ereignisses noch nicht. Erst die nächsten Generationen werden die Tragweite dieses Tages erfassen.» Romero ihrerseits findet es gut, dass die Farc nicht mehr mit Gewalt, sondern mit politischen Strategien versucht, ihre Ziele zu verfolgen. «Noch glücklicher wären wir aber, wenn der Staat die Ursache des Konflikts, nämlich die soziale Ungerechtigkeit, beseitigen würde.»

Nichtsdestotrotz: Über den Prix Caritas freuen sich Luz Estela Romero und Ricardo Esquivia ausserordentlich. «Ich bin sehr glücklich und war zu Beginn auch sehr überrascht. Es ist eine Anerkennung für unsere Arbeit und spornt uns an, weiterzumachen», sagt sie. Denn in Kolumbien habe die Menschenrechtsarbeit nicht den gleichen Stellenwert wie in Europa. «Doch für die Gemeinden und Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten, ist diese Anerkennung wichtig», so die Anwältin.

Romero und Esquivia versuchen mit ihren Organisationen Colemad und Sembrandopaz, Menschen, die durch den Krieg ihr Hab und Gut verloren haben, eine Perspektive aufzuzeigen. «Unsere Aufgabe ist es, diese Leute auf der Suche nach einem neuen Leben zu begleiten», umschreiben sie ihre Arbeit. Romero setzt sich dabei vor allem für Kinder und Frauen ein, denn diese Leute seien jene, die vom Staat am wenigsten unterstützt würden. Sie wünscht sich, dass Frauen ihre Autonomie zurückerhalten, dass sie wieder am sozialen und politischen Leben teilhaben können.

Caritas Schweiz verleiht den Preis seit 2003 an Persönlichkeiten, die sich durch besonderes Engagement und herausragende Arbeit im Bereich des Sozialen, in der Entwicklungszusammenarbeit oder der interkulturellen Verständigung auszeichnen. Und dies ebenso innovativ wie nachhaltig tun. (mod/bbr)


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