Aus «guten» Verlierern werden Gewinner

STANS ⋅ Die Märli-Biini überzeugt mit einer gelungenen Premiere. Regisseur Beppi Baggenstos erfand «Hänsel und Gretel» auf erfrischende Art neu.

25. September 2016, 20:47

«Hänsel», Nicolas Mathis, wischt sich den Schweiss von der Stirn und pustet sich die Haare aus dem Gesicht. Auch «Gretel», Martina Kiser, ist noch aufgedreht. Gerade haben die beiden jugendlichen Schauspieler Schwerarbeit vollbracht: Etwa zweimal 45 Minuten standen sie fast ununterbrochen auf der Bühne im Theater an der Mürg und leisteten Grossartiges. «Kurz vor der Aufführung ist die Nervosität gestiegen», erzählt Martina. «Nach dem ersten Satz war das vorbei.» Nicolas ist noch ganz überwältigt. «Es war super. Man vergisst einfach die Zuschauer.»

Mit der Auswahl der zwei Jugendlichen ohne Spielerfahrung hat Regisseur Beppi Baggenstos einen Volltreffer gelandet. Gefunden hat er sie unter fast 50 Bewerbern im Casting. Das unbefangene, frische Naturell der jungen Hauptdarsteller tut dem Stück «Hänsel und Gretel» gut. Und passt zur entstaubten Variante des Grimm-Märlis von Baggenstos.

Schwächlicher Charakter des Vaters entfällt

Wer mit den logischen Brüchen im Grimm-Original nicht klar kommt, sollte das diesjährige Stück der Märli-Biini nicht verpassen: Bei Baggenstos entfällt der liebende, aber schwächliche Charakter des Vaters, der seine Kinder im Wald aussetzt. Hier sitzt die Familie am ärmlichen Nachtessen und denkt gemeinsam nach, wie sie nicht verhungern. Es sind bittere Zeiten für «Stuidäpuschlä» Bauzli (Beat Barmettler), seine Frau Tildi (Andrea Rey), die Kinder und Grossdädi (Michel Parmelin). Zu essen gibt es nur Brotsuppe mit Wasser. Köstlich die Szene, bei der Hänsel vor Hunger und Gluscht seinen Mund aufsperrt, als der «Seckelmeister», alias Urs Marugg, der Familie die Wurst klaut und vor ihren Augen frisst.

Die zwei aufgeweckten Kinder ergreifen heimlich nachts die Initiative, überwinden ihre Furcht und machen sich auf zur Hexe «Goofemampfe» (Bé Barmettler) in den Zauberwald. Dort soll es einen Schatz geben. Unterwegs treffen sie drei Waldbewohner: Der Wald-Schliim-Schnägg (Carla Minutella), der sein Haus verloren hat, der Fuchs (Kerstin Flühler), der vergessen hat, was er denn gestohlen hat, und ein gar schütteres «Chrischbäimli», das sich nichts mehr wünscht, als in einer Weihnachtsstube zu hausen (Anna Minutella).

Grosses Lob für die Schöpfung der drei liebevoll ausgearbeiteten, originellen Märlifiguren. Sie werden den Protagonisten als Helfer gegen die Hexe zur Seite stehen. Das Ende ist ein Happy End: Alle «Guten» waren Verlierer. Sie werden zu Gewinnern. Die «Bösen» verlieren ihre Macht oder sterben. Und Pinge Pinge (Christoph Hurni), Sekretär des Seckelmeisters, kann sich von dessen Herrschaft befreien und findet einen Job bei der Familie. Das geht nur im Märli.

Baumstämme bis in den Kulissenhimmel

Einmal mehr beweist Beppi Baggenstos, dass er ein Theater-Vollblut ist. Stefan Wieland berührt den Zuschauer mit dem ansprechenden musikalischen Rahmen. Das gut bespielbare Bühnenbild von Baggenstos mit Baumstämmen bis in den Kulissenhimmel sorgt für einen stimmigen Rahmen. Ueli Binggelis Lichtkonzept schafft dazu die passende Atmosphäre: Verschiebbare Elemente leuchten in bunten Farben. Die dabei entstehende Scherenschnitt-Optik passt zum klaren Wesen des Märchens in seiner Trennung von Gut und Böse.

Brigitte Fries leistet wie immer hervorragende Arbeit bei den Kostümen. Diese dürfen authentisch sein: Armut macht dreckig! Petra Büchli beweist ein glückliches Händchen für Maske und Kopfbedeckungen. Allen voran ist die grossartige schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles hervorzuheben. Kurz: «Hänsel und Gretel» ist eine runde Inszenierung mit Herz, bei der einfach alles stimmt.

Hinweis

«Hänsel und Gretel»: Aufführungen im Theater an der Mürg bis 19. November. Mehr Infos unter www.maerli-biini.ch

Marion Wannemachermarion.wannemacher@ nidwaldnerzeitung.ch


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