Bilderwelt zieht Leute in ihren Bann

STANS ⋅ Im Pavillon des Nidwaldner Museums sind zurzeit über 200 Werke alter Meister von Anthonis van Dyck bis Peter Paul Rubens ausgestellt. In einem besonderen Festival traten sieben Künstlerinnen in Dialog zu ihnen.
12. April 2017, 08:30

Romano Cuonz

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«Betrachten wir ein Kunstwerk, so gehen wir einen Dialog, ein Zwiegespräch mit unserem Gegenüber ein», bemerkte Patrizia Keller, Kuratorin des Nidwaldner Museums, zu Beginn des Festivals, das im Winkelriedhaus und im Pavillon stattfand. Ein Kunstwerk sei stets abhängig vom Betrachter und umgekehrt, und gerade dies mache Kunst lebendig. So viele, so unterschiedliche Begegnungen, Beziehungen und Dialoge zwischen Bild und Mensch, wie sie derzeit im Nidwaldner Museum möglich sind, dürfte es kaum je anderswo gegeben haben. Da hängen – neben- und übereinander, vom Boden bis hoch zur Decke – 200 Werke aus mehreren Jahrhunderten. Da mag sich einer mit den zwölf Aposteln von Rubens unterhalten und dort – bei Hans von Matts Würflerin – möchte man nachfragen, ob ihr Erfolg beschieden sei. Vielleicht nimmt einen auch wunder, warum Melchior Paul von Deschwanden die vielen Heiligen so wirklichkeitsnah hatte malen können.

In der Tat: Die 200 Bilder und ihre Schöpfer, die sie für die Öffentlichkeit gemalt haben, erzählen Geschichten. Verlangen nach Reaktionen. Kuratorin Patrizia Keller vermittelt mit dieser seltsam anderen, einerseits unglaublich überladenen und andererseits gerade deshalb so einzigartig beredten Bilderwelt Hunderte Kontakte. «Mit einer solchen Hängung von so vielen Bildern erziele ich bewusst eine permanente Reizüberflutung», bestätigt sie. Man trete in den Raum und wisse gar nicht, wo man hinschauen solle. Wenn man aber eine Weile da sei, zur Ruhe komme, entdecke man immer wieder Neues. Und weil niemand alles auf einmal zu sehen vermöge, komme man mehrmals.

Junge Frauen und «Alte Meister»

«So eine Ausstellung findet man sonst in zeitgenössischen Kunstmuseen nicht», stellt Patrizia Keller fest. «Gerade deshalb hatten wir während dieses guten Monats, seitdem die Ausstellung läuft, so viele Besucher wie kaum je zuvor. Und dazu auch noch eine ungewohnt prominente Präsenz in den Medien», bilanziert sie. Dieser Event ist überhaupt erst möglich geworden, weil das Stifter-Ehepaar Ruth und Anton Frey-Näpflin einen Teil seiner umfangreichen Kunstsammlung dem Nidwaldner Museum als Dauerleihgabe überlassen hat.

Allein die Idee, die hinter der Ausstellung steckt, war brillant. Das Festival, das Patrizia Keller den Besuchern am vergangenen Sonntag noch nachgeliefert hat, war so etwas wie das Tüpfelchen auf dem i. Nun sollten nämlich auch zeitgenössische Kunstschaffende den vielschichtigen Dialog führen. Und weil die präsentierten «Alten Meister», wie das zu früheren Zeiten eben war, vor allem Männer sind, setzte Patrizia Keller einen Kontrastpunkt. Sie machte den Ausstellungsraum zur Bühne für sieben Künstlerinnen aus verschiedenen Bereichen: Alle sollten sie den «Alten Meistern» auf ihre ganz eigene Art Paroli bieten.

Den Auftakt machten die Streicher des Quartetts Plus 1 aus Hannover mit Kathrina Hülsmann (Viola), Katharina Pfänder (Violine), Lisa Stepf (Violoncello) und Kristina van de Sand (Violine). Unglaublich feinfühlig und geradezu performativ, wie sie mit zumeist verfremdeten und bearbeiteten Kompositionen auf einzelne Kunstwerke eingingen. Dass zum Abschluss gar noch der «Abigjuiz» des Ennetbürgers Emil Wallimann variiert wurde, war ebenso überraschend wie begeisternd.

Eine Darbietung, die man nicht so schnell vergisst

Faszination pur auch im zweiten und dritten Teil. Schauspielerin Samia von Arx las sorgsam ausgewählte Auszüge aus dem Buch «Sie dreht sich um» von Angelika Overath: Eine Frau reist in verschiedene Städte, besucht Kunstmuseen und wartet stets darauf, dass Figuren auf Bildern sie in Dialoge verwickeln. Seltsam und in der gegenwärtigen Ausstellung überaus animierend.

Ein einmalig spannendes Erlebnis bescherte die Zürcher Tänzerin Anna Hermann – heute am Nederlands Dans Theater in Den Haag. Zusammen mit Tänzerin und Künstlerin Stephanie Hess, die aus Sarnen stammt, ging sie auf den Raum, aber auch auf einzelne Kunstwerke ein. Im Ganzen: Eine Herausforderung und Darbietung des Nidwaldner Museums, die man so schnell nicht vergisst.

Hinweis

Ausstellung «Alte Meister» im Pavillon beim Winkelriedhaus. Noch bis zum 7. Mai. Weitere Informationen unter www.nidwaldner-museum.ch.


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