Ehefrau behandelt und fahrlässig getötet

NIDWALDEN ⋅ Tragisches Ende einer Karriere. Das Kantonsgericht sprach einen pensionierten Arzt (84) schuldig, seine Ehefrau fahrlässig getötet zu haben.
21. April 2017, 05:00

Kurt Liembd

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch


Dieser Fall, der sich in einer Nidwaldner Gemeinde zugetragen hat, ist alles andere als alltäglich. Im November 2010 ist eine 55-jährige Frau «unerwartet und überraschend» verstorben. So stand es in der Todesanzeige. Und dies, obwohl sie beste medizinische Betreuung hatte, wie man meinen könnte. Die Realität war gemäss nun vorliegendem Urteil des Nidwaldner Kantonsgerichts jedoch eine andere. Behandelt und gepflegt wurde sie von ihrem Ehemann, einem früher in der Zentralschweiz tätigen Allgemeinarzt und Radiologen (Ausgabe vom 9. April).

«Er war als Arzt und Pflegender seiner Frau heillos überfordert», sagte Staatsanwalt Tobias Reimann Anfang April an der Gerichtsverhandlung, die fast sieben Stunden gedauert hat. Weiter sagte Reimann: «Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre der Tod der Frau vermeidbar gewesen, wenn sich der Mann an die aktuellen Leitlinien zur Behandlung der vorliegenden Erkrankungen gehalten und er die Kombination der Medikamente auf Interaktion sorgfältig geprüft hätte.»

Totenschein gleich selbst ausgestellt

Mehrere Gutachten, die bei Spezialisten eingeholt wurden, ergaben, dass er seiner Frau viel zu viele Medikamente gab. Auch führte er keine Dokumentation über die Behandlung und sagte bei der Befragung vor Gericht, er habe «alles im Kopf». Der Staatsanwalt sprach von einer «sinnlosen und gefährlichen Kombination von Medikamenten».

Sie litt an Fibromyalgie (eine Form von Weichteilrheuma) und später an Magen-Darm-Geschwüren, einer Schwäche des unteren Speiseröhreverschlusses und einer chronischen Magenschleimhautentzündung. Als die Frau plötzlich verstarb, stellte der Ehemann den Totenschein gleich selbst aus, obwohl dies rechtlich gegen die Zivilstandsverordnung verstösst. Auf dem Totenschein kreuzte er fälschlicherweise «natürlicher Tod» an statt «Todesursache unbekannt». Auch deshalb wurden die Spezialisten bei der Leichenschau in Luzern hellhörig und kamen zum Schluss, dass die Frau falsch behandelt worden war, sodass der Fall umgehend bei der Staatsanwaltschaft Nidwalden landete.

Er muss über 28000 Franken bezahlen

An der Gerichtsverhandlung zeigte sich der Arzt uneinsichtig und beantragte durch seinen Anwalt Freispruch. Er sprach von «Unterstellungen». Sein Verteidiger legte dar, dass der Arzt seine Frau «ganzheitlich und kompetent behandelt und betreut» habe. Zudem habe diese heimlich zusätzliche Medikamente zu sich genommen. Das Nidwaldner Kantonsgericht jedoch war von der Schuld überzeugt und verurteilte den Mann wegen fahrlässiger Tötung zu einer auf zwei Jahre bedingten Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 30 Franken (4500 Franken). Zudem muss er neben dem Verteidiger Ermittlungs-, Untersuchungs- und Gerichtskosten von über 28 000 Franken bezahlen. Das Urteil entspricht weitgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft, welche einzig die bedingte Geldstrafe doppelt so hoch angesetzt hatte. Dass der Tagessatz nur 30 Franken beträgt, ist darin begründet, dass der Arzt von seiner AHV lebt und kaum Vermögen hat.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es liegt auch erst im Dispositiv vor, was bedeutet, dass es noch keine Begründung gibt. Diese müsste von den Parteien, falls gewünscht, innert zehn Tagen verlangt werden. Das wäre auch Voraussetzung, um später das Urteil weiterziehen zu können.


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