Einwanderer-Schicksale auf Film gebannt

NIDWALDEN ⋅ Italienische Einwanderer haben viel zu erzählen. Als Produkt seiner Maturaarbeit packte Ramon di Pasquale sieben Einwanderergeschichten in einen Film.
15. Januar 2015, 05:01

Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich die italienische Wirtschaft in einem miserablen Zustand: Der Krieg ruinierte Industrien, Wohnhäuser und öffentliche Verkehrsmittel. Das Bevölkerungswachstum und die heimkehrenden Soldaten erhöhten den Druck auf die Arbeitslosigkeit zusätzlich. Auch liess die auf den Krieg zurückzuführende Geldentwertung die Lebenskosten um ein Vielfaches ansteigen. In jener Zeit verdiente ein Schweizer rund dreimal mehr als sein südlicher Nachbar in Italien. All dies führte dazu, dass sich nach dem Krieg viele Italiener aufmachten, um nördlich von Chiasso ihr Glück zu versuchen.

Herzerwärmend und berührend

Ramon di Pasquale beschäftigte sich in seiner Maturaarbeit mit eben jener italienischen Einwanderung nach Nidwalden. Mitunter darum, weil seine Grosseltern väterlicherseits 1956 ebenfalls aus Italien nach Nidwalden kamen. Der Maturand vom Kollegi Stans kümmerte sich um das Thema, indem er sieben Einwanderergeschichten filmisch dokumentierte. «Was mich interessierte, waren nicht die blossen Fakten, sondern die persönlichen Geschichten dieser Zeitzeugen», schildert Ramon di Pasquale sein Vorhaben. «So fragte ich nach den Gründen der Auswanderung, aber auch nach den Arbeitsbedingungen in Italien und in der Schweiz. Oder nach dem Wohlbefinden der Einwanderer in ihrer neuen Heimat.» Entstanden ist ein zwanzigminütiger Film, der die mit Kamera festgehaltenen Gespräche ausschnittweise wiedergibt. Natürlich auf Italienisch, mit deutschen Untertiteln. Untermalt mit echten italienischen Canzoni und Bildern aus dem Fotoband «Il lungo addio» (Der lange Abschied) erzeugt Ramon di Pasquales Film eine intensive, melancholische Atmosphäre.

So herzerwärmend der Film, so berührend auch die darin erzählten Geschichten: Etwa jene von Viola Simoni, die nach ihrer Ankunft in Stansstad begann, als Hausiererin zu arbeiten. Mit einer 35 Kilogramm schweren Hutte auf dem Rücken wanderte sie zu Fuss von Dorf zu Dorf, um Tücher, Knöpfe, Pfannendeckel oder Büroklammern zu verkaufen. Insbesondere die Bauern, deren Einkaufsmöglichkeiten sich auf ein Minimum beschränkten, freuten sich über die dargebotenen Waren. In ihrer italienischen Heimat hätte Viola Simoni hingegen keine Chance gehabt, ihre Ware loszuwerden.

Vorwiegend positive Erfahrungen

Die neuen Mitmenschen aus dem Süden wurden nicht überall wohlwollend aufgenommen. So schildert Ermida Meschini in einer Sequenz, wie sie von einem Nachbarsmädchen ständig als «Tschingg» und «Drecksschnorre» beschimpft wurde. Eines Nachmittags, als sie auf dem Velo am Nachbarhaus vorbeifuhr und das Mädchen wieder zu schimpfen begann, stieg die kühne Ermida kurzerhand vom Velo, rannte dem Mädchen hinterher, hielt es fest und schmierte ihm eine Handvoll Kuhfladen ins Gesicht. «Seither hat sie nie wieder etwas gesagt», schmunzelt Ermida Meschini.

Alles in allem haben die porträtierten Einwanderer in der Schweiz vorwiegend positive Erfahrungen gesammelt. So auch Ramons Grossvater Rocco di Pasquale. Aus Napoli kommend, suchte er in Stans nach Arbeit und wurde auf dem Bau fündig. «Dort haben mich die Vorgesetzten besser behandelt als ihre eigenen Landsleute», blickt Rocco di Pasquale zurück. «In den Sechzigerjahren entstand auf dem Bau ein richtiggehender Machtkampf zwischen Schweizern und Italienern: Als die Bauleitung beispielsweise neue Mauerkellen zu verteilen hatte, wurden als Erstes wir Italiener bedient. Die Schweizer mussten sich mit den bereits gebrauchten Kellen zufrieden geben.»

Emigration erweitert den Horizont

Mündlich überlieferte Geschichte im Filmformat: Im Falle von Ramon di Pasquales Maturaarbeit ein durchwegs gelungenes Vorhaben, das für den Zuschauer nebst vielen Anekdoten und Erlebnissen auch tief greifende Erkenntnisse bereithält. Der ebenfalls interviewte Angelo Maisano, der nach abgeschlossenem Studium an der Universität Freiburg während 33 Jahren am Kollegi Stans Italienisch und Französisch unterrichtete, formuliert es so: «Die Emigration kann eine einmalige Gelegenheit sein, um den eigenen Horizont zu erweitern und um neue Menschen kennen zu lernen. In meinem Fall hat sie mich toleranter, weniger arrogant und bescheidener gemacht. Und mir ein neues Gefühl von Selbstsicherheit gegeben.»

Lukas Tschopp


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