Fachzimmer-Streit am Kollegi: «Am gewohnten Modell festzuhalten, ist menschlich»

NIDWALDEN ⋅ Fachzimmer statt Klassenzimmer: Der Widerstand gegen die Systemänderung am Stanser Kollegi ist gross. Die Präsidentin des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrer hat Verständnis – sieht aber gewichtige Vorteile bei Fachzimmern.

06. Oktober 2016, 05:00

Der Entscheid der Schulleitung, im Kollegi Stans Klassenzimmer zu Gunsten von Fachzimmern aufzugeben, warf hohe Wellen. Schüler demonstrierten dagegen (wir berichteten). Und auch in unseren Leserbriefspalten gingen die Wogen hoch. Carole Sierro ist Präsidentin des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer. Sie äussert sich in unserem Interview zu Vor- und Nachteilen beider Systeme.

 

Carole Sierro, können Sie den Entscheid der Schulleitung, auf Beginn des Schuljahres 2017/18 auf Fachzimmer umzustellen, nachvollziehen?

Auf jeden Fall. Das System hat viele Vorteile. Bei Fachzimmern kann der Lehrer den Unterricht kreativer gestalten, mehr Hilfsmittel verwenden, da er sie im Fachzimmer bereit hat und somit auf Fragen flexibler reagieren kann, zum Beispiel mit der spontanen Benutzung des richtigen Buches oder eines Modells in Geometrie. Die Schüler können auch mit verschiedenen Büchern arbeiten, die vor Ort vorhanden sind. Das ist zum Beispiel der Fall beim Fremdsprachen- oder Geschichtsunterricht. Es ist auch wichtig, dass die Schüler zwischen zwei Lektionen den Kopf freikriegen können. Der Zimmerwechsel kann dabei helfen. Und es gibt einen weiteren Vorteil: Da der Lehrer das Zimmer nicht wechseln muss, hat er nach Ende einer Lektion Zeit, um individuelle Fragen eines Schülers zu beantworten. Und das Fachzimmersystem hat den Vorteil der bes­seren Raumauslastung. Denn Klassenzimmer sind häufig leer, wenn «ihre» Klasse auswärts ist, zum Beispiel im Chemieraum. Mit dem Fachzimmersystem kann man diese Schulzimmer effizienter nutzen, sodass man den Schülern das Geschenk eines besseren Stundenplans machen kann.

Was spricht anderseits für Klassenzimmer?

Die Schüler haben sozusagen ein Zuhause, wo sie ihre Pausen verbringen, Hausaufgaben machen können. Das ist vorab für Gymnasien, wo die Schüler einen weiten Weg haben und über Mittag nicht nach Hause gehen können, entscheidend. Und sie haben genug Platz, um ihr Material zu verstauen. Aber solche Probleme sind meiner Ansicht nach einfach lösbar. Man kann Arbeitsplätze und Schliessfächer organisieren.

Warum löst die geplante Änderung von den Schulzimmern auf die Fachzimmer eine solche Kontroverse aus?

Das ist eine Sache der Gewohnheit. Viele Schüler schätzen wohl, dass sie sich in ihrem Klassenzimmer während des Mittags und der übrigen Pausen aufhalten können, und lehnen das neue System ab, weil sie es nicht kennen. Ich verstehe die Schüler, dass sie am gewohnten Modell festhalten wollen, das ist menschlich. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt die Ar­chitektur des Schulhauses. Sind die Gänge genug breit, um in den Pausen einen effizienten Wechsel der Schüler vom einen zum an­deren Schulzimmer zu ermög­lichen?

Klassenzimmer oder Fachzimmer: In welche Richtung geht es an den Schweizer Gymnasien?

Es gibt in der Schweiz immer mehr Mittelschulen, die auf Fachzimmer umstellen, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, wenn das Geld fehlt, um zusätzliche Schulzimmer zu bauen.

Wie würden Sie als Rektorin vorgehen, wenn die Systemänderung solche Widerstände wie aktuell am Kollegi in Stans hervorruft?

Ich bin der Meinung, dass der Rektor des Kollegis gut reagiert hat, indem er den Schülern die Gründe genau erläutert und das Gespräch gesucht hat. Wichtig ist, die Vor- und Nachteile der bei­den Systeme zu erklären, damit der Beschluss, wenn nicht ge­teilt, mindestens verstanden wird.

Interview: Matthias Piazza


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