Hohe Mietzinse belasten Senioren

ALTERSPOLITIK ⋅ Weil die Mietbeiträge bei den Ergänzungsleistungen nach oben begrenzt sind, haben viele Rentner Geldsorgen. Im Kanton Nidwalden, wo die Mieten vergleichsweise hoch sind, gehört die Problematik zum Alltag bei der Pro Senectute.

05. Oktober 2016, 05:00

Über 40 000 Haushalte von Rentnern in der Schweiz verfügen nicht über genügend Geld, um ihre Miete zu bezahlen. Grund sind weniger die Mietpreise, sondern die nach oben begrenzten Ergänzungsleistungen (EL). In einer Mitteilung schreibt die Pro Senectute, dass die Problematik in Nidwalden besonders akut sei. Tatsächlich lag der Kanton 2014 im Vergleich der Bruttomieten nach Zug, Schwyz und Zürich an vierter Stelle.

Für alleinstehende Personen mit EL beträgt die maximal anrechenbare Pauschale für die Bruttomiete 1100 und für ein Ehepaar 1250 Franken. Diese maximalen Beiträge wurden seit 2001 nicht mehr angepasst. Dagegen sind in Nidwalden seit dem Jahr 2000 die Mietpreise um 26 Prozent gestiegen. Die durchschnittlichen Mietpreise liegen weit über dem Mietzinsmaximum der EL. Und so ist das Thema auch bei der Pro Senectute Nidwalden, die für die Sozialberatung für Menschen ab etwa 60 Jahren zuständig ist, ein Dauerbrenner. «Die Problematik ist in der Beratung allgegenwärtig. Wir unterstützen immer wieder Senioren wegen zu hoher Mieten», sagt Brigitta Stocker, Geschäftsleiterin der Pro Senectute Nidwalden in Stans.

Wegen Mietkosten muss andernorts gespart werden

In Nidwalden bezogen 2015 laut Brigitta Stocker 540 Senioren EL. 350 davon lebten in Wohnungen und müssen Miete bezahlen. «In diesem Jahr haben wir bisher 15 000 Franken für zusätzliche Mietunterstützung an 7 Personen ausgerichtet. 3 Personen davon sind auf dauerhafte Unterstützung angewiesen.» Ausgerichtet wurden den Betroffenen Beträge zwischen 130 bis 500 Franken monatlich. Doch die Zahl der Bedürftigen dürfte einiges höher sein, vermutet Brigitta Stocker. Viele Rentner würden die Miete, die über den Mietbeiträgen der EL liege, zahlen, und dann fehle diese Differenz eben andernorts. «Wir unterstützen auch etliche Senioren, indem wir die Kosten für Wohnungsgegenstände, Massnahmen für die Gesundheit, Mietnebenkosten oder Kleiderbeiträge übernehmen. Dass ihnen das Geld dafür nicht reicht, hat also oft auch mit den hohen Mietkosten zu tun.» Und dann gebe es noch eine Dunkelziffer von Personen, die sich durchkämpften und sich nicht bei der Pro Senectute melden. Darunter auch Personen, welche keine EL beziehen, obwohl sie Anspruch darauf hätten. «Ich ermuntere alle Senioren mit finanziellen Schwierigkeiten, die Hemmschwelle zu überwinden und in unsere kostenlose Sozialberatung zu kommen. Die EL sind keine Almosen, sondern eine Versicherung, auf die man Anrecht hat», betont Brigitta Stocker.

Erhöhung der EL-Beiträge liegt in Bern auf Eis

Bei Personen, die wegen finanzieller Probleme zur Pro Senectute Nidwalden kommen, prüfen die Sozialarbeitenden im Büro oder bei Hausbesuchen zuerst, ob Anrecht auf EL besteht und helfen bei der Anmeldung dafür. «Voraussetzung für eine finanzielle Unterstützung oder Unterstützung bei der EL-Anmeldung ist, dass die Senioren ihre finanziellen Verhältnisse offenlegen müssen», sagt Brigitta Stocker. Wenn die EL nicht ausreicht, prüft die Pro Senectute, wie sie weitere Unterstützung leisten kann. Das Geld dafür kommt vom Bund aus dem AHV-Fonds. Für diese individuelle Finanzhilfe gibt es aber klare Richtlinien, was die Pro Senectute bewilligen darf. «Wenn wir deshalb keine Unterstützung leisten können, probieren wir es über andere Stiftungen oder Spendenfonds. Es gibt meistens einen Weg», ergänzt Brigitta Stocker und erwähnt als Beispiel die Weihnachtsaktion unserer Zeitung, über die bereits viele Gesuche bewilligt worden seien.

In der Sozialberatung zeigt sich oft, dass man den Senioren eigentlich raten müsste, in eine kleinere Wohnung umzuziehen. Doch oft sind diese Wohnungen in Nidwalden noch teurer als die bisherige, wo die Rentner schon jahrelang lebten. Kommt dazu, dass Wohnungen für Senioren altersgerecht sein sollten und nicht abgelegen. Häufig gibt es wegen der plafonierten Mietbeiträge bei den EL auch Probleme, wenn ein Partner stirbt. Dann sinkt der Mietzuschuss von 1250 auf 1100 Franken, der Mietzins bleibt aber gleich. Und das Problem dürfte sich verschärfen. 2014 lebten in Nidwalden 7827 über 65-Jährige. 2035 sollen es laut Prognosen bereits 13700 sein.

Eine baldige Erhöhung der Mietbeiträge bei den EL wäre dringend. Zwar hat der Bundesrat bereits 2014 einen entsprechenden Vorschlag vorgelegt, doch das Geschäft ist blockiert, weil eine Mehrheit der zuständigen Nationalratskommission die Gesetzesänderung in die anstehende Gesamtreform der EL integrieren will. Doch auch bei einer Erhöhung der EL könnte Nidwalden zu den Verlierern gehören. Angedacht ist, dass die erhöhten Beiträge differenziert werden für Grosszentren, mittelgrosse Städte und ländliche Gebiete. Nidwalden würde wohl zu den ländlichen Gebieten gehören, die Bruttomieten sind aber so hoch wie in den Städten. Etwas Abhilfe schaffen könnten auch kantonale Mietzuschüsse für Senioren, wie sie einige Kantone bereits kennen. In Nidwalden gibt es diese bisher nicht. «Das wäre durchaus ein Thema für einen politischen Vorstoss», meint Brigitta Stocker.

Hinweis

www.nw.prosenectute.ch

Philipp Unterschütz


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