«In Moskau vermisste ich die Berge»

NIDWALDEN ⋅ Peter Gysling arbeitete zwölf Jahre als SRF-Korrespondent in Moskau. Nach seiner Pensionierung hat es ihn nach Hergiswil gezogen. Ein Augenschein.

31. Januar 2016, 05:00

Er ist weltoffen und Vollblut-Journalist. Über Jahrzehnte hat Peter Gysling (siehe Kasten) dem SRF-Publikum neue Welten eröffnet, vor allem als Ausland-Korrespondent in Deutschland und Russland, aber auch als Buchautor und Präsentator der Dokfilmserie «Seidenstrasse». Weltpolitisch hochinteressante Momente hat er aus nächster Nähe miterlebt. So sah er die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland fallen und erlebte den Zerfall der Sowjetunion.

Welche Beweggründe hatten Sie, von Moskau nach Nidwalden zu ziehen?

Peter Gysling: Es war ein Grundsatzentscheid, nach der Pensionierung in die Schweiz zurückzukehren. Klar hätte ich mich auch in Moskau, Berlin oder Südfrankreich einrichten können. Doch in der Schweiz habe ich meine Wurzeln.

Aber warum gerade Hergiswil?

Gysling: Einer der Gründe war die Nähe zu den Bergen, die ich in Moskau sehr vermisste. Ich bin begeisterter Wanderer und unternehme gerne Skitouren. Deshalb zog es mich in die Innerschweiz. In Hergiswil fand ich zufällig eine Eigentumswohnung mitten im Dorf. Wenn ich vom Fenster aus zum Pilatus, Lopper, Bürgenstock und zur Rigi blicke, wird mir warm ums Herz. In Moskau beträgt die höchste Erhebung vielleicht 100 Meter. Dazu kommt: Nach der Weltstadt wollte ich als Pensionierter in einem übersichtlichen Dorf wohnen mit Nähe zu Bahnhof und mit Einkaufsmöglichkeiten.

Wie waren für Sie die Arbeitsverhältnisse in Russland?

Gysling: Grundsätzlich gut. Wenn die Berichterstattungsfreiheit eingeschränkt wurde, habe ich das gegenüber dem Publikum stets transparent gemacht. Es gab aber keine Zensur, auch in den frühen 90er-Jahren nicht!

Waren Sie bei Ihrer Arbeit jemals in Gefahr oder gar in Lebensgefahr?

Gysling: Ja, und das hat mir auch Respekt eingeflösst! Etwa in der umkämpften südossetischen Stadt Zchinvali in Georgien anlässlich des ersten Krieges dort, Anfang der 90er-Jahre, oder in der heute in Asche gelegten Stadt Agdam während des Karabachkrieges. Beide Male musste ich vor Schüssen in Deckung gehen.

Gab es auch politische Gründe, Moskau zu verlassen?

Gysling: Nein, es waren mehr persönliche. Die Millionenstadt ist spannend für Leute, die dort arbeiten. Wenn man als Rentner die Freizeit gerne in der Natur verbringt, ist man in Moskau am falschen Ort. Auch gesundheitspolitische Gründe haben den Ausschlag für den Umzug in die Schweiz gegeben. Wenn einem in Moskau etwas passiert, ist die Gefahr gross, dass man medizinisch nicht ausreichend versorgt wird. Aber auch der politische Kurs von Präsident Putin hat mir den Entscheid kaum erschwert.

Sind Sie Putin schon begegnet?

Gysling: Ja. Nicht privat, aber an Pressekonferenzen und während der Olympischen Winterspiele in Sotschi bei seinem Besuch im House of Switzerland.

Was war Ihre spannendste Begegnung in Moskau?

Gysling: Besonders spannend waren weniger die Begegnungen mit politischen Exponenten, mehr diejenigen mit «einfachen» Bürgern. Äusserst bewegend war für mich ein Treffen mit dem ehemaligen Dissidenten und Menschenrechtler Sergej Kowaljow, die Begegnung mit Michail Chodorkowski oder ein Interview mit der ehemaligen kirgisischen Übergangsgspräsidentin Rosa Otunbajewa.

Was werden Sie vermissen?

Gysling: Liebgewordene Freunde und meine Arbeitskollegen. Dann ist, bei allem Respekt vor Luzern, das Kulturangebot in Moskau kaum zu übertreffen. Zudem hat es mich fasziniert, mich täglich in einer «anderen Welt» bewegen zu dürfen.

Was machen Sie nun nach Ihrer Pensionierung?

Gysling: Langweilig wird es mir ganz sicher nicht. Ich habe viele Anfragen für Vorträge und Referate, denen ich nach Möglichkeit nachkomme. Zudem begleite ich als Experte Reisegruppen entlang der Seidenstrasse, durch Russland, die Ukraine, nach Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan.

Und wenn Sie in Hergiswil sind?

Gysling: Dann geniesse ich vor allem die Berge und im Sommer natürlich auch den See. Auch im «Unruhestand» werde ich aber das Weltgeschehen wie auch die Schweizer Politik mit Interesse verfolgen. Ich freue mich auch auf Konzert- und Theaterbesuche und darauf, wieder mal intensiv Posaune zu spielen.

Interview Kurt Liembd

Wer ist eigentlich Peter Gysling?

Der Journalist Peter Gysling, geboren 1950, arbeitete während über 30 Jahren in verschiedensten Funktionen beim Schweizer Radio und Fernsehen. Er lebte in Zürich, Bern, Bonn und die letzten Jahre in Moskau. Seit seiner Pensionierung Anfang Januar lebt er in Hergiswil zusammen mit seiner Frau Olga, eine gebürtige Russin. Er hat eine erwachsene Tochter aus erster Ehe. Hautnah an der Weltpolitik Seine Stationen in Kürze: Von 1986 bis 1990 war er Deutschland-Korrespondent von Schweizer Radio DRS und verfolgte unter anderem den Prozess der deutschen Wiedervereinigung. Als Radio-Korrespondent in Moskau (1990 bis 1994) erlebte er die letzten Jahre der Sowjetunion, den versuchten Putsch gegen Michail Gorbatschow, den Zerfall der UdSSR und den Machtkampf von Boris Jelzin mit dem Russischen Parlament. Schon damals bereiste er regelmässig alle Republiken der ehemaligen UdSSR. Danach arbeitete er unter anderem als Produzent der Tagesschau, Auslandreporter und Moderator. 2002 bis 2008 leitete er die Wortprogramme des Kultursenders DRS 2. Ab 2008 wirkte er wieder in Moskau als SRF-Korrespondent. Reportagen führten ihn regelmässig in die verschiedensten Gebiete Russlands, in die Ukraine, nach Weissrussland, in den Kaukasus und nach Zentralasien. 2012 wirkte er als Präsentator der siebenteiligen Dokumentarfilmserie «Seidenstrasse» (Reportage von Venedig über die Türkei, den Kaukasus, durch Zentralasien bis ins chinesische Xian). Er ist auch Co-Autor des Buches «Seidenstrasse heute».


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