Kleinkunst erhellt die alten Stuben

STANS ⋅ Dem Künstlerduo Baggenstos/Wieland gehen die Ideen nie aus. Mit einem neuen Kunstprojekt wollen sie denkmalgeschützte Stuben über dem Restaurant Linde frisch beleben.

19. Oktober 2016, 05:00

Romano Cuonz

«Wir wollten auf jeden Fall verhindern, dass die beiden denkmalgeschützten Stuben im Haus Linde am Stanser Dorfplatz zu anonymen Büroräumen werden», sagt der in Obwalden lebende, aber in Stans geborene Theatermann Beppi Baggenstos. Sein Freund und Teilhaber bei der bekannten «Theatermacherei», der Sarner Countertenor Stefan Wieland, fügt hinzu: «Ich kannte zwar die Stuben zuvor nicht, witterte aber gleich die grosse Chance, als ich die wunderschön getäferten Räume mit den alten Holzdecken sah.»

Gemeinsam sicherten sich die beiden Kulturschaffenden die derzeit ungenutzten Lokale. Die Nidwaldner Pensionskasse als Eigentümerin hat sie ihnen zu einem fairen Mietpreis überlassen. Vorerst einmal für drei Jahre. Mit von der Partie ist auch der Geschäftsmann Hermann Wyss-Risi aus Ennetbürgen. Ziel der Aktion: Aus den früheren Gourmetstuben sollen neu Kunststuben werden.

Und welche Art von Kunst können die alten Räume nun aufnehmen? Dazu sprudeln die Mieter nur so vor Enthusiasmus und frischen Ideen. Beppi Baggenstos würde sich wohl selber untreu, fände er nicht auch bei diesem neuesten Unternehmen unkonventionelle, durchaus auch etwas schräge Ansätze. So hat er zusammen mit Stefan Wieland für das Kleinkunstprojekt in den Kunststuben die magische Zahl 60 als ganz eigenwillige Norm gesetzt. «Keine Veranstaltung soll 60 Dezibel überschreiten, keine mehr als 60 Minuten dauern», schmunzelt Baggenstos. Und: «Was in den Kunststuben geboten wird, darf nicht aus mehr als 60 Kilometern von Stans entfernten Orten kommen.»

Wieland fügt dann gleich noch das letzte, sicher waghalsigste 60er-Limit hinzu: «Der Eintritt zu Veranstaltungen – einmal abgesehen von Ausstellungen – wird pro Abend und Person nie weniger als 60 Franken kosten.» Der Gedanke hinter diesem in den «Ländern» doch eher hohen Preis mag bestechen. «Wer herkommt, wird mit seinem Eintritt gleichzeitig zum Kulturförderer», sagt Wieland. «Wir wollen versuchen, unsere Veranstaltungen über diesen Eintrittspreis zu finanzieren.»

Eine Klammerbemerkung gibt es dazu allerdings schon: Pro Vorstellung werden fünf Plätze gratis zur Verfügung gestellt – «für Leute, die gerne Kultur hätten, sich diese aber nicht leisten können», so Baggenstos. Melden kann sich – wer möchte – auf diskrete Weise per Telefon. Apropos gratis: Die historisch wertvollen Räume sollen der Öffentlichkeit im Sinne einer Doppelnutzung zugänglich bleiben und Einzelpersonen oder Personengruppen für verschiedenste Veranstaltungen zur Verfügung stehen. «Für Non-Profit-Organisationen werden wir den Kostenrahmen nach ihren Möglichkeiten setzen», verspricht Baggenstos.

Müsterchen schräger Ideen

Schon die Eröffnungsveranstaltung vom 5. November lässt den Schalk des Projekts aufblitzen: Beppi Baggenstos zeigt erstmals recht heimisch-ländliche Bilder, die er selber gemalt hat. Stefan Wieland wird mit einer Kollegin zusammen aus einer Barock-Arie einen Jodel kreieren und als absolut neue Erfindung «Barodel» präsentieren. Später, beim Nikolaus-Einzug, veranstalten die beiden in den Kulturstuben ein typisch nidwaldnerisches «Trüllere». Dabei geht es aber nicht nur um Lebkuchen, Nidle oder andere Süssigkeiten, sondern auch um echte Kunst: um Bilder, die sieben Innerschweizer Künstler – von Charles Wyrsch über Paul Stöckli bis zu Fredi Businger – gemalt haben. In der Karwoche wird die Madrigalformation der Hochschule Luzern mit alten Bussgesängen auftreten. Dazu soll ein altgedienter Buschauffeur Geschichten erzählen.

Beim Geläut der Stanser Kirchenglocken – man kann sie in den Kunststuben bei geöffnetem Fenster sehr gut hören – wird der bekannte «Chäs-Barmettler» zum Thema «Unter der Käseglocke» darüber referieren, wie man Käse herstellt. Ja, französische Chansons treffen auf gregorianische Choräle, Volkskunst steht neben van Gogh. Das ist die neue kreative Idee!

Kleintheater bleibt aktuell

Pläne «Die neuen Stanser Kulturstuben sollen kein Ersatz für das Kleintheater ‹Down Down› in Sachseln sein, welches nächstes Jahr definitiv zugeht», betont Beppi Baggenstos. Diese Form einer kleineren Bühne sei ein lange schon vorbereitetes, ganz anderes Projekt. Doch Baggenstos verrät auch: «Für grössere Produktionen möchten wir nach wie vor mit einem neuen Kleintheater in Obwalden bleiben.» Nur sei man bislang noch auf der Suche nach geeigneten Lokalitäten. «Trotz all den Bemühungen haben wir leider nichts gefunden, was auch punkto Kosten einen einigermassen wirtschaftlichen Betrieb ermöglichen würde», bedauert Baggenstos. Nach wie vor zur Diskussion stehen – falls man sich über Mietpreise einigen könnte – der «Hirschen» samt Kino oder ein alter Gaden über dem Gasthaus Landenberg: beides in Sarnen. Der Gaden müsste allerdings noch umgebaut werden. Eine andere Möglichkeit wäre die «Pfistern» in Alpnach mit ihren verschiedenen Lokalen. «Dort liessen sich durchaus auch geeignete Räumlichkeiten finden», so Baggenstos. Sein Kommentar: «Kommt Zeit, kommt Rat – und Kleintheater.»


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