Landmaschinen der Firma Schilter: Nach rasantem Aufstieg kam der tiefe Fall

STANS ⋅ Die Landmaschinen der Firma Schilter revolutionierten die Berglandwirtschaft. Doch der Höhenflug hielt nicht lange an und endete in einem Debakel für die Kantonalbank. Das Nidwaldner Museum arbeitet die Geschichte in einer Ausstellung auf.
26. März 2017, 05:00

Philipp Unterschütz

philipp.unterschuetz@nidwaldnerzeitung.ch

Die Idee von Thomas Schilter (1930 bis 1999) war wegen ihrer bestechenden Einfachheit genial. Vier Räder, ein Steuerrad, ein kleiner 9-PS-Motor und eine Ladebrücke – mehr war am ersten Schilter nicht dran. Doch der motorisierte Lasttransporter löste eine Revolution in der Mechanisierung der Berglandwirtschaft aus – der rasante Aufstieg der Stanser Maschinenfabrik Schilter begann. Es gab damals wohl kaum einen Berglandwirt, der nicht verstand, dass dieses Fahrzeug wegen seiner besonderen Geländegängigkeit die tägliche Arbeit massiv erleichtern würde.

Thomas Schilter, der im Kanton Schwyz aufgewachsen war, kannte die Berglandwirtschaft bestens. Den ersten Prototypen hatte er 1959 noch in der Stanser Schmiedgasse zusammengebaut, weil seine Werkstatt zu klein war. Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Firma wuchs rasant. Immer neue Modelle entwickelte der begnadete Tüftler und Konstrukteur – schliesslich vertrieb die Maschinenfabrik Schilter & Co. ein vielfältiges Fahrzeugprogramm für den landwirtschaftlichen, kommunalen und den Forsteinsatz. Von ursprünglich drei Mitarbeitern 1959 wuchs die Belegschaft bis im Jahr 1972 auf 270 an. In den besten Zeiten produzierte Schilter 1000 Fahrzeuge pro Jahr. Der Name wurde zum Synonym für derartige Landwirtschaftsfahrzeuge.

Genialer Tüftler – schlechter Geschäftsmann

Schilters Maschinen waren alle extrem geländegängig – robuste Vehikel, die Aufgaben erfüllten, die vorher nur mit mühsamer Handarbeit zu bewältigen waren. Dank sehr niedrigem Schwerpunkt sowie spezieller Chassiskonstruktionen und Antriebstechnik fuhren die Maschinen auch an steilen Hängen, wo sogar Mensch und Vieh Mühe hatten, sich zu bewegen. Doch die Fahrzeuge waren viel zu günstig. «Thomas Schilter war ein bauernnaher, sozialer Patron», sagt der Historiker Fabian Hodel, der in mehrjähriger Recherche die Firmengeschichte aufgearbeitet und die Ausstellung fürs Nidwaldner Museum konzipiert hat. Schilter hätte seine Preise eher danach ausgerichtet, was die Bauern bezahlen konnten, als danach, was er für die Amortisation der erweiterten Firmenanlagen und für Reserven oder Garantieleistungen brauchte, erklärt Hodel weiter. «Zeitzeugen berichten, dass er für den ersten Schilter nicht mehr verlangen wollte, als die Bauern für einen jährlichen Unterhalt von Ross und Wagen brauchten.»

Und Thomas Schilter war beratungsresistent, alle Warnungen seiner Kaderleute schlug er in den Wind. «Er hörte sich unsere Forderungen und Ideen an und sagte dann ohne Gegenargumente, er mache es trotzdem anders. Wir sind immer aufgelaufen», erzählt Heinz Odermatt (82), der von 1968 bis 1972 im Kader arbeitete, zuletzt als Personalchef. «Er war ein genialer Erfinder, ein guter Tüftler, aber kein so gewiefter Geschäftsmann», lautet auch das Fazit von Fabian Hodel. Zu den Managementfehlern kamen weitere Probleme: Der Grosserfolg im Verkauf führte zu einer gewissen Marktsättigung, schliesslich hatten die Bauern nun eine verlässliche, langlebige Maschine. Der Universaltraktor Schilter UT setzte sich trotz teurer Entwicklung nicht durch und verursachte hohe Kosten durch Garantieleistungen. Andere Hersteller drängten mit ähnlichen Produkten auf den Markt, und die Wirtschaftskrise Anfang der 1970er-Jahre hemmte die Kauflust. Gegen die Warnungen der leitenden Angestellten stellte sich auch die Nidwaldner Kantonalbank taub, welche die Firma im Rahmen der Wirtschaftsförderung vertrauensselig mit Kapital versorgte. Zusammen mit vier weiteren Kaderleuten suchte Heinz Odermatt 1972 mit den Bankräten das Gespräch. «Wir zeigten die Lage auf, doch es gab keinerlei Reaktion», erinnert er sich. Im Verlauf der folgenden Monate verliessen die fünf Kaderleute den Betrieb. «Wir haben es kommen sehen. Es war frustrierend und tragisch, wie die Firma trotz ausgezeichneter Produkte zugrunde ging.»

Die Pleite hatte Folgen für die Kantonalbank

1975 ging definitiv das Geld aus. Die Kantonalbank musste handeln, übernahm das verschuldete Unternehmen und verkaufte es mit Verlust weiter. 1980 stellte die Käuferin, die Maschinenfabrik Grapha, die Produktion der Fahrzeuge ein. Der Untergang der Maschinenfabrik Schilter hatte dann politische Konsequenzen. 1978 musste der Landrat 18 Millionen Franken zur Sanierung der Kantonalbank sprechen. Sie hatte Schilter und zwei weitere Unternehmen allzu grosszügig mit Geld versorgt. «Es war ein grosses Getöse im Landrat», sagt Historiker Fabian Hodel. «Die Liberalen hauten gegen die katholisch-konservativ dominierte Kantonalbank auf die Pauke, Täuschung und Misswirtschaft waren die Schlagworte.» In der Folge entstand ein neues Kantonalbankgesetz. Die Bank musste ihre Kreditabteilung professionalisieren, und der Kanton übernahm die Wirtschaftsförderung selber. Fünf Jahre lang gab es keinen Gewinnanteil für den Kanton Nidwalden.

Ausstellung im Salzmagazin

Die Ausstellung «Schilter – die Geschichte der Stanser Maschinenfabrik» feiert am 31. März um 18.30 Uhr Eröffnung mit einer Vernissage. Die Ausstellung dauert bis am 29. Oktober 2017. Weitere Informationen finden Sie hier>>.

Die Landmaschinen der Firma Schilter bestachen durch die geniale Einfachheit und revolutionierten die Berglandwirtschaft. Doch wortschaftlich stand die Firma bald am Abgrund. Das Nidwaldner Museum arbeitet die Geschichte in einer Ausstellung auf.


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