Patron Bettermann denkt nicht ans Aufhören

WOLFENSCHIESSEN ⋅ Der deutsch-schweizerische Unternehmer Ulrich Bettermann wird heute 70. Er verrät, wie er sich geistig fit hält – und warum er sich kürzlich vor einem Nidwaldner Gericht verantworten musste.

14. Oktober 2016, 05:00

Selbst wenn Ulrich Bettermann inzwischen nur noch drei bis fünf Wochen im Jahr in Nidwalden weilt, schwärmt er ungebrochen von seinem Anwesen, der Casa bianca an bester Seeuferlage in Buochs. «Und für mich gibt es fast nichts Schöneres, als mit dem Boot auf den Vierwaldstättersee zu fahren», sagt der Deutsche, dessen Elektroinstallationstechnik-Firma OBO Bettermann weltweit 3700 Mitarbeiter beschäftigt, davon rund 100 im Logistikzentrum in Wolfenschiessen. Wo Strom fliesst, Kabelkanäle zu verlegen sind oder Energie kontrolliert wird, bietet OBO rund 30 000 Produkte und Lösungen an. Der Jahresumsatz beträgt mehr als eine halbe Milliarde.

Heute wird der umtriebige Unternehmer, der im Besitz des Schweizer Passes ist, 70-jährig. Dass er jüngst ein paar graue Haare mehr bekommen hat, ist aber nicht allein seinem Alter zuzuschreiben. «Ich habe einen eineinhalb Jahre dauernden Prozess in Nidwalden hinter mir», erzählt er uns aus seinem Büro im sauerländischen Menden am Telefon. «Zwar habe ich vor Verwaltungsgericht obsiegt, doch das Ganze hat mich lange belastet.»

Rechnung aus heiterem Himmel

Was ist vorgefallen? Er habe von der Schweizer AHV aus heiterem Himmel eine Rechnung von mehr als 2 Millionen Franken erhalten zu AHV-Beiträgen, die aufgrund der im deutschen Menden ansässigen Firma und deren Gewinn berechnet worden waren. Trotz seiner sofortigen Intervention mit seiner deutschen Steuer-Identifikationsnummer beharrte die zuständige Amtsstelle auf ihrer Rechnung, sodass Bettermann Beweise vorlegen musste, dass sein Hauptwohnsitz nicht in der Schweiz liegt, sondern in Deutschland.

«Man hat mich leider von der Nidwaldner AHV-Stelle mit Dreck beworfen, obwohl ich mich so viele Jahre sehr für die Schweiz und Nidwalden unentgeltlich ein­gesetzt habe», sagt der Jubilar in seiner typischen, direkten Art. Groll auf seine temporäre Wahlheimat hegt er zwar keinen, sagt aber: «Irgendwann muss man diese Schweizer Gesetze im Hinblick auf die Internationalisierung anpassen, da sonst – wie leider schon geschehen – inter­nationale Arbeitsplätze verloren gehen.»

Er baut für seine Kinder ein Haus in Buochs

«Nun schaue ich aber nach vorne», beteuert Bettermann, laut «Bilanz» einer der 300 vermögendsten Schweizer. Und wenn er dies tut, sieht er am Horizont zwei neue Häuser an der Seestrasse in Buochs, die er bauen möchte. «Eines für meine Kinder. Das andere mit Mietwohnungen.» Bettermann hat vier Kinder, zwei davon haben in der Region ihren Lebensmittelpunkt. Tochter Bianca ist Geschäftsführerin der Schweizer Firmen. Sohn Thomas hat eine eigene Fluggesellschaft gegründet und machte vor einiger Zeit mit seinem Kampf gegen den Abschuss von Schwänen in Buochs auf sich aufmerksam. Zum Bauvorhaben sagt er: «Die Verhandlungen mit der Gemeinde laufen. Es gibt aber noch gewisse Differenzen zu bereinigen.»

Freundeskreis als «Abschreckung»

Mit den beiden anderen Söhnen Andreas und Christoph durfte der OBO-Patron vor wenigen Tagen in Russland ein neues Werk mit 200 Mitarbeitern eröffnen. Andreas Bettermann hat mittlerweile die operative Leitung übernommen, Vater Ulrich ist aber weiter Präsident des Aufsichts­rates. Mit 70 könnte er es doch ruhiger angehen? Eine Antwort erübrigt sich, denn ein «Ja» würde nicht zu ihm passen. «Ich werde im Konzern noch gebraucht.» Und er habe genug Beispiele miterlebt in seinem Freundeskreis, die mit 65 von einem Tag auf den anderen aufhörten und in ein Loch fielen.

«Weltenbummler» Bettermann versteht es auch im Alter, das Nützliche mit dem Praktischen zu verbinden. So fliegt der leidenschaftliche Pilot jeweils eigenständig für Besuche seiner weiteren OBO-Werke etwa nach Südafrika oder in die USA, auch um dort sogleich seine Piloten­lizenzen zu erneuern. «So bleibe ich fit im Kopf.» Für seine körperliche Fitness schindet er sich nach wie vor am liebsten auf den Tennisplätzen. Zudem besitzt er seit Jahrzehnten ein Jagdpatent und ist deshalb häufig in Ungarn, wo OBO ebenfalls einen Standort und Bettermann einen weiteren Wohnsitz hat, anzutreffen.

Als 22-Jähriger bis zum Hals verschuldet

Beim Warten aufs Wild dürfte Bettermann künftig auch mehr Zeit haben, in Erinnerungen zu schwelgen. Erinnerungen an harte Anfangszeiten, als er sich 1968 als 22-Jähriger bis zum Hals verschuldete, um das Familienunternehmen an sich zu reissen, Verwandten einen dreistelligen Millionenbetrag auszuzahlen und nochmals so viel in den Betrieb zu stecken. «Die damalige Schweizerische Kreditanstalt gab mir Rückendeckung für mein gewagtes Vorhaben.» Erinnerungen aber auch an ein Lebenswerk, in dem auch soziale Engagements wie die Finanzierung von Schulen für Behinderte in Afrika Platz hatten. Oder Erinnerungen an den Austausch mit bekannten Persönlichkeiten weit über die Wirtschaftsbranche hinaus.

So nannte er den inzwischen verstorbenen Hans-Dietrich Genscher «einen besonders engen Freund». Auch zeigte er sich gerne an der Seite von Helmut Kohl, Gerhard Schröder oder Showmaster Thomas Gottschalk, den er einst nach Nidwalden lotsen wollte. International für Aufsehen sorgte Ulrich Bettermann 2013, als er in einem OBO-Jet den von Russlands Präsidenten Wladimir Putin begnadigten Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski nach Berlin ausfliegen liess – auf Wunsch von Hans-Dietrich Genscher. Damals sagte er gegenüber unserer Zeitung: «Ich hege keine politischen Interessen, sondern habe nur Herrn Genscher einen Dienst erwiesen.»

Von der Vergangenheit in die Zukunft: Was wünscht sich Ulrich Bettermann zu seinem 70. Geburtstag am meisten für seine Zukunft? «Dass es meinen Kindern und Enkelkindern gut geht. Dann geht es auch mir gut.»

Oliver Mattmann

 

Die Börse war nie sein Ding

Ulrich Bettermann ist einer, der für jedes Problem eine Lösung sieht. Auch wenn er mit seinen hie und da unkonventionellen Vorschlägen aneckt. So wie im Vorjahr, als er am Weltwirtschaftsforum in Davos, das er selber mitbegründet hat, die Idee ins Spiel brachte, nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses betroffene KMU zu unterstützen – mit Geldern aus Einnahmen von Negativzinsen der Banken. Er hoffte, damit zumindest bei der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ) Gehör zu finden – vergebens. Kurz darauf trat er aus dem Vorstand der IHZ aus. Eine Frustreaktion? «Nein», beteuert Bettermann, «als Bald-Siebziger wollte ich neuen Leuten Platz machen.»
Die Idee erfolgte indes nicht ganz eigennützig: Denn mit dem Abschied vom Euro-Mindestkurs ist auch der stark vom Export abhängige Standort seines Unternehmens in Wolfenschiessen unter Druck geraten. «Eine Folge ist, dass wir die Arbeitsabläufe weiter automatisieren werden, um das Wachstum zu steigern.» Dies soll mit dem jetzigen Mitarbeiterbestand geschehen. «Kündigungen wollen wir auf jeden Fall vermeiden.» Trotz allen wirtschaftlichen Widrigkeiten – wo andere Unternehmen den Gang an die Börse vollzogen, hat Bettermann nie einen Gedanken daran verschwendet. «Die Börse war nie nach meinem Geschmack.» 

Merkel gehört für ihn abgesetzt

Den Fortbestand von OBO als Familienunternehmen hat der schlaue Fuchs auf andere Art gesichert – mit der Gründung von Stiftungen mit Sitz in Liechtenstein. Er verpflichtete sich damals, die Lohnsumme der Mitarbeiter während zehn Jahren zumindest auf dem gleichen Niveau zu behalten. Dies hat er inzwischen geschafft. Dafür entging er mit diesem Schritt happigen Erbschafts- und Schenkungssteuern in Deutschland, die er als anmassend für Unternehmen empfindet. Für ihn steuert sein Heimatland unter Angela Merkel ohnehin in die falsche Richtung. Es sei im Umfeld des WEF auch schon zu einem Rencontre zwischen ihm und der Bundeskanzlerin gekommen. «Wenn es eine Petition gäbe, Frau Merkel abzusetzen, ich würde sofort unterschreiben.»


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