Wo «Voorigs» auf den Tisch kommt

STANS ⋅ In der Schweiz werden jeden Tag Unmengen von Lebensmitteln weggeworfen. Nicht so im Chäslager: Dort kreiert man aus «Voorigem» Leckerbissen.

29. September 2016, 05:00

«Wir möchten einheimische Lebensmittel, die anderswo keine Verwendung mehr finden, wertschätzen, kreativ zubereiten und dazu auch noch in sozialem Umfeld als Gratis-Znacht auftischen», sagt die Nidwaldner Ergotherapeutin Sarah Odermatt. Damit fasst sie das Projekt «Voorigs», das vom WWF Unterwalden kürzlich einen Anerkennungspreis erhalten hat, mit wenigen Worten zusammen. Schaut man den Köchinnen und Köchen ein wenig über die Schultern und stellt man auch die eine oder andere Frage, fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Mit dem Projekt werden gleich verschiedene Probleme unserer modernen Wegwerfgesellschaft wortwörtlich auf den Tisch gelegt.

Die Geschichte vom Blumenkohl

Sie habe während eines Jahres auf dem Bauernhof Sagensitz in Büren ein Praktikum gemacht, erzählt Sarah Odermatt, die auch im Stanser Gemeinderat sitzt. Beim Arbeiten auf dem Hof seien ihr immer wieder Fragen zur Produktion von Lebensmitteln und zum oft seltsamen Essverhalten der modernen Gesellschaft gekommen. Und die junge Frau hat auch ein Beispiel dafür zur Hand, wie Dinge ungut laufen können: Grossverteiler haben in ihrem Angebot stets alles. Können einheimische Bauern einmal keinen Blumenkohl, dafür umso mehr Fenchel liefern, wird in den Regalen trotzdem Blumenkohl, eben aus dem Ausland, gestapelt. Weil nun der Konsument von all dem gar nichts erfährt, bleiben einheimische Bauern auf ihrem Fenchel sitzen. «Man weiss, dass ein Drittel aller Lebensmittel in der Schweiz weggeworfen wird», moniert Sarah Odermatt. Sie sei überzeugt, dass alle mithelfen müssten, damit kleinere Kreisläufe mit den lokalen Anbietern entstehen würden.

Es ist «voorig» und doch so lecker

Zu viert stehen sie an diesem Dienstagabend in der einfachen Küche des Chäslagers: Neben Sarah Odermatt kreieren und kochen da auch die Geschichtsstudentin Isabelle Vieli, Philipp Weiersmüller, Betreuer von Asylbewerbern, und Umweltingenieur David Zihlmann. Vor ihnen stehen zwei prallvolle Harassen mit Gemüse vom Oberdorfer Bio-Hof Wydacher: Fenchel, Blumenkohl, Radieschen, Salat, Zucchetti und, und, und. Dazu kommen einige feine Spezialitäten vom Spycher Bio-Laden in Stans. Alles «Voorigs», das man schon am nächsten Tag nicht mehr verkaufen könnte! Nun aber beginnen die Köchinnen und Köche zu zaubern. «Ich habe aus Mascarpone und verschiedenen Gewürzen eine Paste kreiert, die ich in die Blüten der Zucchetti einfülle», sagt Isabelle Vieli. Ob es gut ist, weiss sie nicht. «Man schaut, was an aussortierten Resten da ist, und bastelt dann etwas daraus», lacht sie. Es riecht tatsächlich lecker. David Zihlmann probiert ein bisschen und meint dann anerkennend: «Es ist einfach faszinierend, dass man aus Sachen, die sonst im Abfall landen würden, immer wieder Neues, Schönes, Mundendes kreieren kann!» Kurz vor Ladenschluss geht dann jemand noch zur Bäckerei Hug, um dort Brote abzuholen, die «voorig» geblieben sind. Einfach unglaublich, was da noch auf den Tisch kommt: Vom verführerischen Zopf bis zu gesunden Broten mit Körnern jeder Art ist einfach alles noch vorhanden.

Afrikanische Mutter mit Kindern

Später wird im oberen Stock «amächelig» angerichtet: Suppe, Gemüse, Salate, Früchte, ja gar geräucherte Forelle. Dazu Brot, so viel man mag. Die Gäste kommen aus allen Richtungen und Gesellschaftsschichten. «Bei uns muss sich niemand anmelden, und doch ist immer genug für alle vorhanden», versichert Sarah Odermatt. Da ist ein Künstler und dort diskutieren Theaterleute. Auch eine afrikanische Mutter, die in Buochs lebt, kommt. Ihr zweijähriger Bub und das sechsjährige Mädchen geniessen das «Tischlein deck dich» in vollen Zügen. Philipp Weiersmüller, der auch im Chäslager-Vorstand mitarbeitet, freut sich darüber. «Mit diesem Projekt kann ich Dinge, von denen ich überzeugt bin, mit diesem Kulturhaus verbinden», sagt er.

Hinweis

Zu «Voorigs», Gratis-Znacht aus geretteten Lebensmitteln, sind im Chäslager, Stans, alle willkommen. Es findet jeweils am Dienstagabend statt.

Romano Cuonz


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