Evelyne Binsack: «Ich gehe weiter auf Expeditionen»

HERGISWIL ⋅ Sie macht keine sportlich motivierten Expeditionen mehr, ausgelöst durch einen Zwischenfall mit einem Eisbären auf ihrer letzten Tour. In unserem Interview spricht sie auch ausführlich über den richtigen Zeitpunkt des Aufhörens.
13. Mai 2017, 05:00

Interview: Marion Wannemacher

marion.wannemacher@nidwaldnerzeitung.ch

 

Ihr ist gelungen, was vor ihr nur eine Handvoll Menschen geschafft hat. «The Three Poles» gelten als das härteste Abenteuer der Welt. Im Februar dieses Jahres sollte Evelyne Binsacks Expedition zum Nordpol den krönenden Abschluss finden. Doch ein Vorfall, bei dem ein Eisbär angeschossen wurde, trübte das Erlebnis. Aus Kostengründen hatte sich die 49-Jährige einer Gruppe angeschlossen, deren Leiter nach nur einem Warnschuss auf den Eisbären schoss. Unverständlich für die gebürtige Hergiswiler Sportlerin, die überzeugt war, dass man den Vorfall mit besserer Ausbildung hätte verhindern können. Evelyne Binsack teilte daraufhin öffentlich mit, dass sie künftig keine sportlich motivierten Expeditionen mehr unternehme. Das war Anfang März.

Evelyne Binsack, hat sich an Ihrem Entscheid mittlerweile etwas geändert?

Für mich stand dieser Entschluss am gleichen Abend des Vorfalls fest. Ich bin kein Fähnlein im Wind. Wenn ich einen Entschluss der Öffentlichkeit mitteile, stehe ich dazu. An dem Entscheid gibt es gar nichts zu rütteln.

Hat dieser Entschluss etwas mit dem Tod Ihrer Mutter im vergangenen Jahr zu tun?

Meine Mutter hätte nie gewollt, dass ich aufhöre, meine Leidenschaft zu leben. Ich gehe nach wie vor in die Berge, trainiere, bin ja auch Bergführerin und gehe auch weiter auf Expeditionen, aber sie werden einfach nicht mehr sportlich motiviert sein. Kann durchaus sein, dass ich nach wie vor auf einem Achttausender unterwegs bin, in Richtung Südpol aufbreche oder Richtung Arktis, aber da werde nicht ich im Zentrum stehen, sondern ein Thema.

Das ist ein Einschnitt in Ihrem Leben. Wie geht es Ihnen mittlerweile damit?

Der Prozess fand ja nicht erst in den letzten Tagen statt, die Gedanken muss man sich seit Jahren machen, dass man nicht bis sechzig oder siebzig sportlich dominierte Leistungen erbringen können wird. Ich werde jetzt fünfzig. Es ist vielleicht wirklich auch ein guter Zeitpunkt, um das sportlich Dominierte in den Hintergrund zu schieben. Aber ich habe riesig viel Erfahrungen mit Grenzleistungen, mit Expedition im mental physischen und organisatorischen Bereich gemacht. In welcher Form ich dieses Wissen nutze, das weiss ich noch nicht.

Wovon leben Sie hauptberuflich?

Ich halte Vorträge, Motivationsvorträge, und bin Bergführerin.

Sie haben uns gegenüber in einem Interview mal geäussert: «Ziele habe ich so lange ich lebe.» Welche Ziele haben Sie im Moment?

Ich schreibe gemeinsam mit einer Co-Autorin ein Buch «Ein Leben für drei Pole» und bereite Multivisionsvorträge für die Zeit von diesem November bis nächsten März vor. Da ist ganz viel los. Bis dahin werde ich mir gar keine Gedanken machen können, was danach kommt.

Hilft Ihnen das beim Verarbeiten des Vorfalls mit dem Eisbären?

Grundsätzlich ist ein Buch immer ein Auseinandersetzen mit sich selber. Man kann nicht ein Buch schreiben, ohne dass man sich emotional damit verbindet.

Haben Sie noch mal mit dem Tourenleiter Kontakt aufgenommen?

Ich habe den Vorfall der Polizei gemeldet, die International Polar Guide Association (IPGA) ist informiert. Helfer sind die Polizei von Svalbard (Spitzbergen), der Gouverneur dort, Mediziner und Wissenschafter. Es liegt jetzt an den Gremien, wo Entscheidungen getroffen werden. Im Moment gilt es einfach abzuwarten.

Wie tief sind Sie noch emotional davon betroffen?

Das kann man nicht einfach so abhaken. Das ist kein Mediengag gewesen. Das sind Sachen, die dauern nicht nur eine Woche oder zwei, das muss durch Instanzen und dauert vielleicht ein oder eineinhalb Jahre. Damit muss man sich immer wieder befassen. Was passieren muss, sind Änderungen bei der IPGA. Durch die Eisschmelze werden Eisbären künftig verstärkt noch weiter im Norden anzutreffen sein. Das braucht fundierte Analysen.

Zurück zu Ihrer Entscheidung: Wie hat Ihr privates Umfeld auf Ihren Entschluss reagiert?

Die klarste Reaktion kam von einem guten Freund von mir. Er sagte zu mir, «du hast einfach den guten Instinkt, aufzuhören, wenn man aufhören muss». Wir befinden uns ja nicht in risikolosem Gelände. Das hat Ueli Steck wieder verdeutlicht, der bei einer Trainingstour auf den Mount Everest, am Nachbarberg Nuptse gestorben ist. Der richtige Zeitpunkt des Aufhörens ist für alle Extremsportler der springende Punkt. Wann muss ich sehen, dass ich zurücktreten muss, das Risiko zu gross wird, der Körper langsam die Elastizität verliert? Das sind ganz verschiedene Aspekte. Im Freundeskreis versteht man das. Das Thema für mich war nie Schnelligkeit, sondern aufzubrechen an einen ganz speziellen Ort auf der Welt. Der sportliche Aspekt war nur ein Teil davon. Der Weg ist das Ziel gewesen, nicht die Höchstleistung.

Ihre Mutter ist vergangenes Jahr gestorben, Ueli Steck ist tödlich verunglückt, jetzt der Vorfall mit dem Eisbären, was hilft Ihnen beim Verarbeiten?

Kolleginnen und Kollegen, die ähnlich denken, offene Gespräche und auch meine Schwester, bei der ich Sachen deponieren kann. Das sind Prozesse, die gehen nicht von einem Tag auf den andern. Dass meine Mutter fehlt, ist tagtäglich präsent. Wir haben das Leben, wir gehen selbstbestimmt damit um. Man muss sich am Riemen reissen und sich sagen, so ist das Leben. Und ich versuche, trotzdem das Beste daraus zu machen.


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